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Medizin

Weibliche Teenager sind offen für Alternativen zur Antibabypille

Mittwoch, 7. November 2018

verschiedene Methoden zur Verhütung: orale Kontrazeptiva, Kondome, Vaginalring, Spirale usw. /JPC-PROD, stock.adobe.com
In Deutschland verhüten die meisten Frauen mit oralen Kontrazeptiva, weniger als 5 % nutzen Kondome, einen Vaginalring oder hormonelle Methoden. /JPC-PROD, stock.adobe.com

Erlangen, Nürnberg – Frauenärzte veschreiben weiblichen Teenagern zur Empfängnisverhütung überwiegend die Antibabypille. Seltener empfehlen sie alternative Möglichkeiten, obwohl sich die jungen Patientinnen dafür interessieren würden. Das zeigt eine Onlineumfrage unter rund 2.700 Patientinnen im Alter zwischen 14 und 19 Jahren und deren betreuenden Frauenärzten (n = 1.089). Die Ergebnisse wurden in Geburtshilfe und Frauenheilkunde publiziert (2018; doi: 10.1055/a-0684-9838). Die Daten stammen aus der deutschen Studie „Thinking About Needs in COntraception“ (TANCO).

90 % der Heranwachsenden verwende­ten nach eigenen Angaben die Pille. „Für Teenager zweifellos eine gute Wahl“, erklärt die Erstautorin Patricia Oppelt von der Universität Erlan­gen/Nürn­berg. Voraussetzung sei allerdings, dass die jungen Frauen die Pille auch zuverlässig, das heißt täglich und zur gleichen Zeit, einnehmen. Bei korrekter Anwendung beträgt der Pearl-Index 0,1 bis 0,9 – das bedeutet, dass maximal 9 von 1.000 Frauen trotz Pille innerhalb eines Jahres schwanger werden.

So verhütet Deutschland

  1. kombinierte, orale Kontrazeptiva: 86 %
  2. Kondom: 4,1 %
  3. Vaginalring: 2 %
  4. intrauterine, verhaltensunabhängige Langzeitverhütungsmethoden (Hormonspirale, Kupferspirale und Kupferkette): 1,1 %
  5. hormonelle Langzeitverhütung (3-Monats-Spritze und Hormon­implantat): 0,8 %.
  6. unsichere Verhütungsmethoden (Coitus interruptus, Ovulations-[LH-]Test, Temperaturmethode und Pille danach): 0,7 %

Auf Kontrazeption vollständig verzichten 2,5 % der Jugendlichen der Umfrage.

Jede Zweite hält sich nicht an die tägliche Einnahme der Pille

Die Ergebnisse der Umfrage lassen jedoch daran zweifeln, dass eine korrekte Anwendung üblich ist. Insgesamt 35 % der jugendlichen Teilnehmerinnen erinnerten sich, dass sie die Einnahme im letzten Vierteljahr ein- oder zweimal vergessen hatten. Weitere 11 % gaben an, sie schon über einen längeren Zeitraum vergessen zu haben. Nur 54 % hatten die empfohlene Einnahmeroutine eingehalten. Die Teen­ager waren damit unzuverlässiger, als die befragten Frauenärzte vermutet hatten. Die behandelnden Gynäkologen schätzten die Compliance ihrer Patien­tinnen mit 66 % Nichtvergessen wesentlich besser ein.

Die Compliance verbessert sich auch nicht mit zunehmender Routine. Eine Ausweitung der Datenanalyse auf ältere Frauen (n = 18.521) ergab, dass eine unzuverlässige Einnahme der Antibabypille in allen Altersgruppen etwa gleich häufig war (GebFra Science 2018).

Etwa 2 Drittel der Teenager waren zudem der Ansicht, dass sie gut über die Pille informiert seien. Die genauere Befragung offenbarte dann jedoch gravierende Wissenslücken. So gaben nur 43 % korrekt an, dass das ihnen verordnete Hormonpräparat den Eisprung verhindert.

Viele Frauen sind hormonmüde. (...) Wir beobachten immer häufiger, dass sie die Antibabypille von heute auf morgen absetzen und hormonfreie Alternativen wählen. Patricia G. Oppelt, Universität Erlangen/Nürnberg

Frauenärzte verkennen Wunsch nach alternativen Verhütungsmethoden

Auch über Alternativen waren die meisten Teenager schlecht informiert. Sie konnten zwar im Durchschnitt etwas mehr als 5 Verhütungsmethoden benennen, doch wie Vaginalring, Kupfer- oder Hormonspirale funktionieren, war den wenigsten klar. Dass der Vaginalring wie die Pille den Eisprung durch Abgabe von Hormonen in den Blutkreislauf verhindert, wussten nur 21 %. Bei der Kupferspirale waren die Auswirkungen auf die Monatsblutungen weitgehend unbekannt. Fragen zur Hormonspirale beantworteten sogar 80 % falsch.

Dabei waren die jungen Frauen durchaus an Alternativen zur Pille interessiert. 2 Drittel (68 %) erklärten, dass Langzeitverhütungsmethoden, aber auch der Vaginalring für sie eine Option sein könnten. Demgegenüber erklärten nur 18 % der Frauenärzte, dass sich die jungen Frauen für die Möglichkeiten interessieren könnten. „Viele Frauen sind hormonmüde und lassen sich durch die Medien verunsichern. Wir beobachten immer häufiger, dass sie die Antibabypille von heute auf morgen absetzen und hormonfreie Alternativen wählen“, sagt die Frauenärztin aus Erlangen. Hier sei ein Umdenken erforderlich. Gynäkologen sollten mehr auf die Wünsche der Ratsuchenden eingehen.

Hormonfreie Verhütungs-Apps als Alternative, aber nicht für Jugendliche

Eine hormonfreie Alternative, die nach Oppelts Einschätzung vor allem Frauen zwischen 20 und 40 zunehmend nutzen, sind Verhütungs-Apps. Ihr Einsatz wurde im Rahmen der Studie nicht erfragt. Dazu zählen beispielsweise MyNFP, Lady Cycle, OvuView und Lily – Dein persönlicher Zykluscomputer. Sie errechnen die fruchtbaren Tage anhand der Messung der Basaltemperatur und der Beobachtung des Zervix­schleims, die in der Studie unter den unsicheren Verhütungsmethoden gelistet werden (siehe Kasten). Natural Cycle und Ovy – Zyklus und Eisprung verlassen sich allein auf die Basaltemperatur. Weitere Apps bieten ausschließlich eine Kalenderfunktion an. Für Jugendliche, die erstmals verhüten, hält Oppelt diese Apps aber für „ganz und gar ungeeignet“.

Wie häufig es trotz Zyklus-App zu Schwangerschaften kommt, haben Forscher beim DGGG-Kongress (Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe) letzte Woche in Berlin diskutiert. Im Mittelpunkt dabei stand eine App, Natural Cycles, deren Entwickler bereits Studien zur Wirksamkeit vorgelegt haben. Da einige Ärzte in Schweden Zweifel geäußert hatten, überprüfte die schwedische Zulassungs- und Aufsichtsbehörde für Arzneimittel (Swedish Medical Products Agency, MPA oder Läkemedelsverket) die Zahl der ungeplanten Schwangerschaften trotz App. Über die Ergebnisse der Untersuchung hat das Deutsche Ärzteblatt berichtet.

Schwedische Behörde bestätigt Pearl-Index einer Verhütungs-App

Uppsala/Berlin – Immer mehr Frauen wünschen sich, hormonfrei zu verhüten. Eine natürliche Verhütung versprechen mittlerweile auch diverse Apps. Wie häufig es dabei zu ungewollten Schwangerschaften kommt, wurde bisher kaum untersucht. Der App-Entwickler Natural Cycles aus Schweden hat Studien vorgelegt, die zeigen, dass etwa sieben Prozent bei typischer Verwendung der App ungewollt schwanger

© gie/aerzteblatt.de

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Avatar #110206
kairoprax
am Donnerstag, 8. November 2018, 09:29

die jungen Frauen denken manchmal weiter als wir Ärzte!

mehrere Dinge sind in den letzten Jahren auffällig.
Zunächst einmal kommen die jungen Frauen, um die es hier geht, sehr gut informiert in die Praxis und kennen nicht nur Handelsnamen, sondern auch Wirkstoffe.
Weiter istb es so, daß sie gut bis sehr gut mit den Nebenwirkungen vertraut sind, teilweise auch von ihren Müttern und Großmüttern bestens beraten.
Und dann trifft man hie und da auf ein nicht von der Hand zu weisendes Argument: "ich nehm doch nicht Pille und Kondom. Reicht Kondom alleine nicht auch?" Bei der Nachfrage hört man dann den berechtigten Einwand pro Kondom, daß man damit auch gegen HIV und Geschlechtskrankheiten geschützt sei - ohne die Nebenwirkungen der Pille.
Also, alles in allem spricht das durchaus für eine aufgeklärte Generation jüngerer Frauen. Das ist sicher stark abweichend von den Fragestellungen der Studie Contraception, was aber eher darauf huinweist, daß die Fragen falsch gestellt wurden...
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