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Politik

ADHS bei Erwachsenen oft unentdeckt

Freitag, 2. November 2018

/Monet, stockadobecom

Hannover – „Seien Sie doch nicht so nervös!“, hört Andreas Schmidt häufig von Gesprächspartnern. „Ich bin nicht nervös, ich bin so“, sagt der 61-Jährige dann. Der Elektroniker, der seinen richtigen Namen nicht öffentlich machen möchte, hat eine Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Seine Krankheit bringt man eigentlich mit unkonzentrierten, zappeligen Kindern in Verbindung. Noch bis vor 15 Jahren herrschte die Meinung vor, dass sich ADHS mit der Pubertät auswächst. Jedoch bleiben mehr als der Hälfte der Betroffenen auch als Erwachsene chaotisch, sprunghaft oder impulsiv. Während im Kindesalter vor allem Jungen wegen ADHS in Therapie sind, gleicht sich das Geschlechterverhältnis später aus.   

Als Kind machte Andreas Schmidt stets drei oder vier Dinge gleichzeitig. Nachmittags schlug er selten ein Buch auf, dennoch kam er irgendwie durch Schule und Ausbildung. Dass er ADHS haben könnte, dämmerte ihm erst, als die Störung bei seinem damals sechsjährigen Sohn diagnostiziert wurde, und er von der starken erblichen Kompo­nente erfuhr. Grund ist eine fehlerhafte Informationsverarbeitung im Gehirn, verursacht durch ein Ungleichgewicht von Botenstoffen, die eine wichtige Rolle bei der Signalübertragung von einer Nervenzelle zur anderen spielen.

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„Ich habe lange Jahre ohne Probleme gelebt“, erzählt der Familienvater aus dem Land­kreis Schaumburg während eines Spaziergangs rund um den Maschsee. Längeres Stillsitzen fällt ihm schwer. Im Alter von 40 und dann wieder von 60 Jahren stürzte er in eine Depression, aus den Tiefs konnte er sich nur mit Klinikaufenthalten befreien. Im Frühjahr gründete er eine Selbsthilfegruppe für Erwachsene mit ADHS, um aufzuklären und anderen Betroffenen zu helfen. 

Experten zufolge haben etwa drei Prozent aller Erwachsenen ADHS, das sind mehr als zwei Millionen Menschen in Deutschland.

 „Sie müssen nicht automatisch Pillen verschrieben bekommen.“ Michael Rösler, Universität des Saarlandes

Behandlungsbedürftig sei die Krankheit nur, wenn die Betroffenen Einschränkungen im Lebensalltag spürten, sagt Michael Rösler, der an der Universität des Saarlandes in Homburg forscht. Der Psychiatrieprofessor hat einen Stufenplan zur Behandlung von Erwachsenen entwickelt. „Sie müssen nicht automatisch Pillen verschrieben bekommen“, betont er. Am Anfang stehe das Wissen um die Krankheit und ihren Einfluss auf den Lebensrhythmus.

Häufig tritt ADHS in Kombination mit anderen psychischen Krankheiten auf wie Süchten, Persönlichkeits- oder Angststörungen sowie Depressionen. Oft fehlt laut Rösler die Fähigkeit, Gefahren richtig einzuschätzen, damit steigt die Unfallgefahr.

Als Andreas Schmidt vor 20 Jahren die Frage aufwarf, ob er ADHS haben könnte, wurde er nicht ernstgenommen. „Die Ärzte meinten, jetzt bildet sich der Patient Krankheiten ein!“ Erst im Alter von 60 Jahren bekam er zunächst probeweise ein Methylphenidat-Medikament verschrieben. Erst seit 2011 ist der Wirkstoff für Erwachsene zugelassen. Senioren darf er Rösler zufolge wegen fehlender Studien aber nicht verschrieben werden. © dpa/aerzteblatt.de

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Avatar #749369
Ambush
am Freitag, 2. November 2018, 17:44

Ehemalige Schulkameradin - vor 10 Jahren KJP , 0815-Diagnostik, auch heute noch immer chronisch depressiv, HartzIV - ADHS nicht erkannt - es hätte auch anders laufen können.

Eine ehemalige Schulkameradin von mir war einst in der KJP gelandet. 0815-Diagnostik, Schema F , das wars. 10 Jahre später, keine Ausbildung, HartzIV, immer noch chronisch depressiv, das Leben nicht komplett, aber nicht unwesentlich verpfuscht (auch wenn es prinzipiell niemals zu spät ist). Nach diesen 10 Jahren sagt ihr der selbst betroffene ehemalige Schulkamerad: "Du hast ADHS " ...das wurde nach mittelfristig darauf folgender Diagnostik von fachlicher Seite dann auch bestätigt. Das hätte man auch schon vor 10 Jahren haben können in der KJP , aber die waren damals wahrscheinlich der Meinung, das sei ne Modediagnose und so. Ein solch fahrlässiges und unethisches , schlampiges Unterlassen zumindest einer Sondierung nach ADHS gehört bestraft !

Wie sagte doch mein Oberarzt einst: "ich möchte mich bei der Gelegenheit outen als ADHS-Gegner." Auch solch eine ignorante, arrogante und unethische Einstellung gehört bestraft!
Avatar #749369
Ambush
am Freitag, 2. November 2018, 17:41

Geschlechterverhältnis von in Wahrheit 1:1 und ca. 10% der Bevölkerung "betroffen"

ADHS ist keine Krankheit , sondern eine je nach Schweregrad Konstitution, Persönlichkeitsvariante oder eben doch Störung, die abhängig vom Umfeld, den Umweltbedingungen und der Sozialisation Krankheitswert erlangen KANN , aber nicht MUSS !

Mit gemischten Gefühlen muss man dagegen betrachten die Entwicklung des Attributs ADHS als Hipster- und Lifestyle-Thema. Die Dunkelziffer der Prominenten mit ADHS dürfte gigantisch sein, auch in Deutschland (zu Prominenten mit ADHS hier: https://www.adhspedia.de/wiki/Bekannte_Pers%C3%B6nlichkeiten_mit_ADHS )

ADHS wird mehr und mehr gebraucht eben als Hipster und Coolness-Attribut , das wird aber dem Leidensdruck und dem Krankheitswert von ADHS bei der Mehrheit der Fälle nicht gerecht , nichts desto trotz hat z.B. Hollywood in entsprechenden Kreisen schon den Beinamen ADHD City , auch der Faktor Neid ( und Hybris und Prahlerei von entsprechend Betroffenen ) erschwert die gesellschaftliche Akzeptanz von ADHS
Avatar #749369
Ambush
am Freitag, 2. November 2018, 17:33

Flächendeckendes Screening auf ADHS in der Psychiatrie bei 10% der Bevölkerung mit ADHS

Neulich gab es eine "brachiale" Studie zur Häufigkeit der häufigsten Hinrentwicklungsstörung ADHS in der Psychiatrie mit indem Fall 59% verkapptem ADHS in der Allgemeinpsychiatrie , darunter Prof. Arno Deister , aktuell Präsident der DGPPN, als Co-Autor. Diese Zahl von 59% ist so brachial, dass sie sehr wohl in der Fachwelt, leider aber nicht in der breiten Öffentlichkeit g-coverde wurde. Es gibt halt nach wie vor so diese Denkblockaden, auch gerade in der Ärzteschaft, wo Querdenken nicht gerade erwünscht ist von oben.

http://news.doccheck.com/de/blog/post/8424-59-prozent-von-patienten-der-allgemeinpsychiatrie-haben-adhs/ das Erbenis dieser Studie mit in dem Fall 59% ADHS in der Allgemeinpsychiatrie ist so brachial , dass die möglichen Konsequenzen vielleicht noch gar nicht durchgedrungen sind.
Mal angenommen, diese Studie mit 59% verkapptem ADHS in der Allgemeinpsychiatrie stimmt, das bedeutet, dass seit Anbeginn der modernen Geschichte der Psychiatrie die entsprechendne Patienten nur in ihren Begleit- und Folgeerkrankungen aber nicht ursächlich in ihrem ADHS therapiert wurden. Was das für die persönlichen Schicksale aber auch für die volkswirtschaftlichen Kosten bedeutet, dürfte ebendalls in Quantität und Qualität brachial sein. Wie prognostiziert doch Russel Barkley , der weltweit renommierteste Wissenschaftler bezüglich ADHS, wonach ADHS sich irgendwann einmal als das “zentrale Thema in der Psychiatrie insgesamt herausstellen wird”.

Hier die Studie: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/?term=deister+adhd
das Ergebnis war für viele Leute in der ADHS-Community nicht mal überraschend, von selbst betroffenen Fachleuten wird seit über 30 Jahren auf die extrem hohe Dichte an verkapptem ADHS in der Psychiatrie hingewiesen , und wenn dann mehr und mehr prominente Fälle von ADHS wie “Naddel” , Hirschhausen https://www.stern.de/gesundheit/gesund-leben/eckart-von-hirschhausen/eckart-von-hirschhausen–humor-ist–wenn-man-spaeter-kommt-3808736.html und viele bisher nicht öffentliche Fälle (einer macht gerade Schlagzeilen mit seiner Privatinsolvenz) an die Oberfläche treten, dann lässt das erahnen, dass da quantitativ noch viel mehr sein muss. 10% in Deutschland bei einem Geschlechterverhältnis von in Wahrheit 1:1 (die betroffenen PatientINNEN kommen dann zum Psychiater wegen Depression, Angststörungen, Borderline, Essstörungen usw. nach dem zugrunde liegenden ADHS , das hat der Psychiater meist nicht auf dem Schirm) https://www.refinery29.de/2017/04/151067/mein-recht-auf-adhs
https://www.youtube.com/watch?v=HJ8BBUiwjVc
und die leichtgradigen Fälle miteinbezogen bei einer Persistenz einer zumindest Restsymptomatik von quasi 100% an der Gesamtbevölkerung , das ist auch ein “Markt” , den auch seit einiger Zeit der Journalismus entdeckt hat.



Da ohne diese Ausführung nicht verstanden wird, wieso ADHS denn so häufig ist,muss das hier noch erläutert werden:

ADHS ist deshalb so häufig, weil die ADHS verursachenden Gene evolutionär gesehen nicht nur Mist , sondern auch positive Aspekte , Stärken und Vorteile verursachen. ADHS als eine solche je nach Schweregrad Störung , Konstitution oder Persönlichkeitsvariante hat deshalb diese hohe Prävalenz – vergleiche dazu Prävalenz von ADHS in Deutschland von in Wahrheit etwa 8% bis 10% mit Autismus-Spektrum-Störungen mit Prävalenz von 1% bis maximal 2%. Ohne die Berücksichtigung der evolutionären Anthropologie psychischer Störungen wird man auch die jeweiligen teils gravierend unterschiedlichen Prävalenzen der verschiedenen Hirnentwicklungsstörungen (eben ADHS , Autismus aber auch Schizophrenie und Bipolare Störung und Unipolare Endogene Depression) nicht verstehen können.

Das Thema Evolution und ADHS fassen folgende Sätze des deutschlandweit führenden Genetikers (und auch einer der weltweit führenden Genetiker) zu ADHS Prof. Klaus-Peter Lesch von der Psychiatrie der Uniklinik Würzburg zusammen:”…Früher vermuteten die Forscher, einige wenige Gene würden ADHS auslösen; doch das trifft, wenn überhaupt, nur auf ganz wenige Familien zu. Für die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung gilt: Vermutlich sind es 500 bis 1000 Gene, die einen – jeweils minimalen – Einfluss auf das Temperament und die Konzentrationsfähigkeit des Menschen haben. Diese sind mithin auch keine Krankheitsgene, vielmehr gehören sie zur natürlichen Ausstattung des Menschen. “ADHS ist ein Extrem einer Persönlichkeitsvariante, das zunächst einmal gar keinen Krankheitswert besitzt”, bestätigt auch Klaus-Peter Lesch. Diese milden Ausprägungsformen von ADHS seien in einem Fünftel der Bevölkerung vorhanden und hätten sich im Laufe der Evolution des Homo sapiens immer wieder als vorteilhaft durchgesetzt. Lesch: “Der hohe Energiepegel, der Enthusiasmus, sich mit einer Sache auseinanderzusetzen, die große Kreativität, die Fähigkeit zum Querdenken und der Gerechtigkeitssinn – all das sind Ressourcen, die für unsere Gesellschaft wichtig sind.” zu finden in dem Artikel des ADHS-Gegners Jörg Blech im Spiegel: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-99311928.html

Man muss ansonsten nur durch die Straßen einer durchschnittlichen deutschen Stadt laufen und es werden einem jeden Tag Personen mit ADHS über den Weg laufen, um zu erkennen, dass bei Person X ADHS vorliegt, da braucht es aber oftmals schon ein gewisses Gespür, was man vollumfänglich nur als selbst mit ADHS Betroffener hat. Man kann sehr wohl “spüren” , wenn das Gegenüber auch ADHS hat (Stichwort Wesensverwandschaft) und mit ADHS Betroffene erkennen sich untereinander so wie in China ein Deutscher einen anderen Deutschen erkennt, am Habitus und an der Persönlichkeit . Jemand, der kein ADHS hat, der muss all das rein kognitiv kompensieren , allein schon aus diesem Grund besteht der harte Kern an ADHS-Therapeuten in Deutschland und weltweit überwiegend aus selbst mit ADHS betroffenen Ärzten , Psychotherapeuten etc. und man ist, so unfair das auch sein mag, als Nicht-Betroffener schon deswegen ein ADHS-Therapeut 2. Klasse.

Und früher gab es keinen Elektrosmog, genau, da hat man die ungezogenen Kinder eben gezüchtigt, gebrochen und dadurch sind sie alle was Ordentliches geworden. Nebenbei war zu dieser Zeit die Selbstmordrate ca. 3 mal so hoch wie heute, die Psychiatrie erinnerte teilweise tatsächlich irgendwie an “Shutter Island” und früher war alles besser. ADHS gab es aber auch schon früher und zwar sehr viel früher:

Die bisher älteste bekannte kulturhistorische Schilderung von ADHS findet sich nicht erst im Struwwelpeter von 1844, sondern bereits um 250 v. Chr. in einer Ode von Herondas . Dort klagt eine Mutter über einen Jungen, der ihr den letzten Nerv raubt, nicht richtig lesen kann, die Tafel mehr verkratzt, als schön darauf zu schreiben, keine Hausaufgaben macht, mühsam Gelerntes schnell wieder vergisst, überall herumturnt, ständig irgendwelchen Blödsinn macht und falsche Freunde hat.

ADHS gibt und gab es seit Anbeginn der Menschheit, und auch schon zuvor, bei Tieren, gab und gibt es Äquivalente von ADHS – so z.B. den Zappelhund, der nur Gassi gehen kann, wenn er das Ritalin vom Herrchen frisst und spezielle “Persönlichkeiten” bzw. “Typen” bei Schimpansen . In der ADHS-Forschung wird auch sehr viel am Tier-Modell geforscht.

Das die komplexe Realität etwas simplifizierende Modell der Jäger und Sammler in einer Gesellschaft von sesshaften Bauern, auch damit wird ADHS beschrieben.



“Früher” gab es natürlich genau so viele Fälle von ADHS , wie heute. Das fiel aber zum einen in der Tat weniger auf oder entsprechende Person wurde als “einfach nur dumm” abgestempelt (was nicht heißt, das es nicht unzählige Personen gibt, die tatsächlich dumm sind, und es gibt sogar dummer Personen mit ADHS bei einer annähernd normalverteilten Intelligenz bei ADHS ) zum anderen ist die Sozialisation mit ADHS in einer Großstadt wie Berlin oder Seoul im 21. Jahrhundert mit Smartphone und Cybermobbing natürlich in der Tat bei ADHS eher suboptimal. Das bedeutet aber lediglich, das sich ADHS dadurch von der Latenz ins Pathologische und damit stärker Sichtbare verschiebt.

Ein Beispiel von ADHS , das als Kind übersehen wurde, weil das unbekannt war, ist Noah Gordon :

Und das ADHS eben nicht einfach mit dem 18. Lebensjahr verschwindet, sondern bis zum Lebensende besteht, sieht man z.B. am Medicus-Autor Noah Gordon, der erst im Alter von 70 Jahren mit ADHS diagnostiziert wurde: http://www.noz.de/deutschland-welt/kultur/artikel/803168/medicus-autor-noah-gordon-wird-90-jahre-alt “Nur wenige Fans der ab 1986 erschienenen „Medicus“-Triloge, die die Medizinerdynastie der Familie Cole im Mittelalter beschreibt, werden von der Tortur wissen, der Gordon sich beim Schreiben unterziehen musste. Wegen einer erst im Alter von 70 Jahren diagnostizierten Aufmerksamkeitsdefizit-Störung (ADHS) quälte Gordon sich oft über Stunden, um klare Gedanken zu fassen und zu Papier zu bringen. „Eine Fülle, ein Überangebot schneller Gedanken“ sei ihm dabei durch den Kopf gerauscht, sodass er sich übermäßig stark konzentrieren musste, um gedanklich überhaupt bei einem Thema zu bleiben. “

Spätere Generationen von Ärzten werden sich fragen warum neue Erkenntnisse jahrzehntelang ignoriert werden konnten. Wie bei Semmelweiss. Siehe auch Semmelweissreflex. https://de.m.wikipedia.org/wiki/Semmelweis-Reflex , ich habe das Gefühl , der nächste Fall oder das Pendant heute von Kindsbettfieber wie bei Semmelweis , das ist ADHS

zur Ignoranz und Inkompetenz der Ärzteschaft in Deutschland über ADHS auch das hier: http://news.doccheck.com/de/blog/post/5098-adhs-geballte-inkompetenz-und-ignoranz-der-psychiater/ …inwiefern sind solche vorurteilsbehafteten Einstellungen zu ADHS in der Ärzteschaft den vereinbar mit Hippokratischem Eid und Genfer Gelöbnis? Erst mal informieren und dann erst reden – das gilt erst recht für Ärzte.
ADHS wird – von männlichen, hyperaktiven Grundschülern, die im Klassenzimmer randalieren, abgesehen – nicht überdiagnostiziert, sondern nach wie vor massivst unterdiagnostiziert. Nach ADHS wird, so dicht und markant die Hinweise darauf auch sein mögen, von der deutlichen Mehrheit der Psychiater in Deutschland nicht einmal sondiert. Die Mär von der Kinderkrankheit, die hält sich gerade auch in der Ärzteschaft nach wie vor noch. Wie viele Schicksale man zum Positiven hätte beeinflussen können, wenn vom Psychiater zumindest einmal nach ADHS sondiert worden wäre und wieviele volkswirtschaftlichen Kosten man hätte sparen können, wenn nicht nur Begleit- und Folgeerkrankungen von ADHS bei unzähligen Psychiatrie-Patienten therapiert worden wären sondern die ursächliche ADHS , das ist nict auszudenken: das Geschlechterverhältnis bei ADHS ist übrigens bei 1:1 in Wahrheit , https://www.refinery29.de/2017/04/151067/mein-recht-auf-adhs



Ich sehe das so: mit ADHS in der Psychiatrie verhält es sich so wie mit der Nutzung von Pornoseiten im Internet. Beides ist der große, blaue Elefant mitten im Raum , den irgendwo jeder sieht bzw. dessen Präsenz fühlt, aber keiner redet darüber und will was damit zu tun haben.

Im Übrigen sind ca. 70% gerade auch der Psychiater in Deutschland ignorant bezüglich ADHS. Unterdiagnostik und das Nicht-Erkennen von ADHS geschehen dort massenhaft. Die Anzahl tatsächlich kompetenter Spezialisten für ADHS (die in den meisten Fällen übrigens mehr oder weniger ausgeprägt selbst ADHS haben) ist leider mehr als überschaubar. Zusätzlich kommt nichts nach, um die alten Hasen und ADHS-Pioniere, die zusehends in den Ruhestand gehen oder aus anderen Gründen, z.B. dem systematischen Mobbing gegen niedergelassene ADHS-Therapeuten durch die institutionalisierte ADHS-Gegnerschaft, aus der Versorgung der ADHS-Patienten ausscheiden, zu ersetzen.

Ich habe selbst Medizin studiert und habe in der Universitätspsychiatrie 4 Monate Praktisches Jahr absolviert. Der Oberarzt meiner Station sagte dort in einem Seminar gegenüber uns Studenten:”…Ich möchte mich bei der Gelegenheit outen als ADHS-Gegner…”…das war übrigens diejenige Universitäts-Psychiatrie, die ansonsten als das ADHS-Zentrum schlechthin in Deutschland gilt. Und selbst dort sieht sich ein Teil der Ärzte als “ADHS-Gegner”…die deutliche Mehrheit der Psychiater in Deutschland dürfte diese Einstellung zu ADHS haben. Bei ca. 4 Millionen Erwachsenen mit ADHS in Deutschland (und das noch gemäß der “konservativen Diagnosekriterien gemäß ICD-10) dürfte riesiger Bedarf für die fachärztliche Betreuung von ADHS-Patienten bestehen und die bisher (Stand 2018) mit ADHS diagnostizierten Erwachsenen dürften sicher nur die Spitze des Eisbergs darstellen. Leider beißen die Betroffenen bei überwiegend ignoranten und übrigens unethisch (und zwar so gar nicht gemäß Hippokratischem Eid bzw. Genfer Gelöbnis) handelnden Ärzten meistens nur auf Granit und erfahren gerade von dieser gesellschaftliche Gruppe noch stärkere Ablehnung bis hin zu offener Feindschaft, als dies für die Gesellschaft insgesamt gilt. Zeit, mal ein bischen Radau zu machen.

@ Dr. med Nicole Roux-Pfeifer : mann muss nicht Medizin studiert haben und man muss auch nicht sonst wie vom Fach sein, um den eigenen Vorurteilen, vorschnellen Beurteilungen und Urteilen nachzugehen und um sich zu informieren, daher das noch als Input für Sie und jeden, der “der Sache auf den Grund gehen” will: https://www.youtube.com/watch?v=UX8j9S8J57Y , http://www.spiegel.tv/videos/140142-leben-mit-adhs

Ein Vorwurf, der sich in weiten Kreisen , darunter leider auch Ärzte , leider immer noch hält, ist, ADHS sei eine westliche Wohlstandskrankheit im verweichlichten 21. Jahrhundert, dazu empfehle ich diese BBC-Dokumentation über ADHS in Ägypten:

https://www.youtube.com/watch?v=W-avhR0Vohg

nebenbei ist ADHS im arabischen Raum alles andere als selten:
http://english.alarabiya.net/en/life-style/healthy-living/2015/01/03/Saudi-Arabia-15-of-children-have-ADHD-.html

in der Türkei genau so wenig:
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/26002410
( “…Our results confirmed a substantially higher ADHD prevalence rate (more than double) than the suggested pooled worldwide prevalence…”)

ADHS ist also keineswegs ein westliches Wohlstandsproblem…

oder Thailand: http://englishnews.thaipbs.or.th/1-million-thai-children-suffer-adhd/ etc. etc.

und insgesamt noch ein paar Dinge zum Abschluss:

Man muss dazu noch sagen, dass bei einem Geschlechterverhältnis von in Wahrheit 1:1 und einer Persistenz von zumindest einer Restsymptomatik in in Wahrheit 100% der Fälle die Prävalenz von ADHS in Deutschland bis zu 10% der Bevölkerung beträgt.

Natürlich ist ADHS nicht Alles-oder-Nichts, sondern eine dimensionale wie auch eine kategoriale Angelegenheit, d.h. es gibt ganz leichte und ganz schwere Fälle und es gibt auch bei ca. gleichem Schweregrad Unterschiede auch in der Neurobiologie. Zudem KÖNNEN (nicht müssen) FAST alle anderen Störungen der Psychiatrie bei ADHS als Komorbidität vorkommen. Z.B. wird geschätzt, dass mehr als 1/3 der Patienten mit Schizoaffektiver Störung / Schizophrenie ebenfalls ADHS hat, bei Depression, “Burnout”, Borderline, Alkoholismus, Bipolare Störung ( Kurt Cobain hatte Bipolare Störung und parallel dazu ADHS ) etc. ist es ähnlich.

Der angeborene Part bei den multifaktoriellen Erklärungsmodellen zur Pathogenese Psychischer Erkrankungen geht auch mehr und mehr zu den Hirnentwicklungsstörungen und ADHS ist die mit Abstand häufigste Hirnentwicklungsstörung aufgrund der evolutionären Vorteile, die ADHS-Gene bzw. mitunter auch phänotypisch manifestes ADHS haben können.

Zur überlappenden Genetik der verschiedenen Hirnentwicklungsstörungen gab es aktuell eine vielbeachtete Publikation:

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/29930110

bzw. hier ein Teil der journalistischen Berichterstattung darüber:

https://www.spektrum.de/news/psychische-stoerungen-sind-teils-eng-verwandt/1572184

der quantitative Champion unter diesen Hirnentwicklungsstörungen ist jedoch ADHS , eben aufgrund der evolutionären Vorteile , die mit ADHS-Genen bzw. mit etwas weniger auch phänotypisch manifestem ADHS einhergehen.

Das Thema Evolution und ADHS fassen folgende Sätze des deutschlandweit führenden Genetikers (und auch einer der weltweit führenden Genetiker) zu ADHS Prof. Klaus-Peter Lesch von der Psychiatrie der Uniklinik Würzburg zusammen:”…Früher vermuteten die Forscher, einige wenige Gene würden ADHS auslösen; doch das trifft, wenn überhaupt, nur auf ganz wenige Familien zu. Für die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung gilt: Vermutlich sind es 500 bis 1000 Gene, die einen – jeweils minimalen – Einfluss auf das Temperament und die Konzentrationsfähigkeit des Menschen haben. Diese sind mithin auch keine Krankheitsgene, vielmehr gehören sie zur natürlichen Ausstattung des Menschen. “ADHS ist ein Extrem einer Persönlichkeitsvariante, das zunächst einmal gar keinen Krankheitswert besitzt”, bestätigt auch Klaus-Peter Lesch. Diese milden Ausprägungsformen von ADHS seien in einem Fünftel der Bevölkerung vorhanden und hätten sich im Laufe der Evolution des Homo sapiens immer wieder als vorteilhaft durchgesetzt. Lesch: “Der hohe Energiepegel, der Enthusiasmus, sich mit einer Sache auseinanderzusetzen, die große Kreativität, die Fähigkeit zum Querdenken und der Gerechtigkeitssinn – all das sind Ressourcen, die für unsere Gesellschaft wichtig sind.” zu finden in dem Artikel des ADHS-Gegners Jörg Blech im Spiegel: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-99311928.html

Der evolutive Vorteil von ADHS-Genen ist im Ausmaß abhängig von den Umweltbedingungen. So gibt es Länder, Ethnien und Kulturen, die ADHS-Gene und ADHS evolutiv begünstigen (während andere es entsprechend benachteiligen). So erklären sich auch die in Wahrheit weltweit deutlich unterschiedlichen Prävalenzen von ADHS, die macherorts wahrscheinlich ein Mehrfaches der bis zu 10% in Deutschland erreichen. Zusätzlich zum Faktor evolutive Selektion kommt dann bei den ADHS-Prävalenzen noch der Faktor geographische Isolation hinzu, so auch betrffend wahrscheinlich die Inseln bzw. Inselgruppen Island, Kreta und Japan .
Dass die Umweltbedingungen des 21. Jahrhunderts ADHS verstärkt von der Latenz in den sichtbaren Bereich rücken, versteht sich ebenfalls.
So viel zur Evolutionären Anthropologie der ADHS.
Was die Akzeptanz von ADHS erschwert, ist der sperrige Begriff aus 4 Großbuchstaben. Der Begriff “Autismus” (hier noch erwähnenswert: bis zu ca. 50% der Patienten mit Asperger sollen ebenfalls ADHS haben) z.B. ist viel weniger sperrig und flüssiger.
Es wird mitunter von ADHS-Gegnern diverser Couleur argumentiert, dass sich hinter ADHS diverse andere Psychische Störungen verbergen können und es ADHS somit quasi gar nicht gäbe. Die Wahrheit ist viel eher: Hinter FAST allen anderen Diagnosen in der Psychiatrie KANN sich ADHS als kausale oder komorbide Störung verbergen. So auch z.B. die Prognose von Russel Barkley , dem weltweit renommiertesten Wissenschaftler zu ADHS , dass sich das ADHS-Spektrum irgendwann einmal als das zentrale Thema in der Psychiatrie insgesamt herausstellen wird.

Wenn nun argumentiert wird: “Patient X kann gar kein ADHS haben, der will nur Stoff zum Hirndoping” , so sei auf die hiermit ausgeführte hohe Relevanz von ADHS auch gerade quantitativ verwiesen.
LNS

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