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Medizin

Tödliche Masern bei geimpftem Leukämiepatienten

Montag, 5. November 2018

/PixieMe, stockadobecom

Bern – Für Patienten mit geschwächtem Immunsystem kann eine Maserninfektion schnell tödlich verlaufen. Diese Erfahrung mussten Ärzte am Inselspital in Bern im letzten Jahr machen, als ein Patient, der wegen einer Leukämie mit Rituximab und Zytostatika behandelt wurde, vor den Augen der Ärzte an der vermeintlich harmlosen Kinderkrankheit starb. Der Fall wurde jetzt im Open Forum Infectious Diseases (2018; doi: 10.1093/ofid/ofy244) beschrieben.

Der 26 Jahre alte Mann hatte zur Behandlung einer chronischen lymphatischen Leukämie 7 Zyklen einer Chemotherapie mit Fludarabin, Cyclophosphamid und Rituximab erhalten. Die Behandlung  war seit einem Monat abgeschlossen, als der Mann sich erneut im Inselspital vorstellte. Wie Philipp Jent und Mitarbeiter berichten, gab der Patient an, seit einem Tag an einer Rachenentzündung mit Husten und Fieber zu leiden. Die Ärzte vermuteten zunächst eine bakterielle Infektion und leiteten eine empirische Antibiotikabehandlung mit Cefepim ein. Zur Pneumocystis-pneumonia-Prophylaxe nahm er bereits Trimethoprim/Sulfamethoxazol ein und zur Herpes-simplex-Prophylaxe Valaciclovir. 

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Am 4. Tag der Erkrankung entwickelte der Patient einen makulopapulösen Ausschlag. Die Ärzte vermuteten zunächst eine Arzneimittelreaktion. Sie setzten Cefepim und Trimethoprim/Sulfamethoxazol ab und behandelten den Patienten mit Meropenem weiter.

Der Ausschlag breitete sich jedoch weiter aus und am 7. Tag entdeckten die Ärzte die für Masern charakteristischen Koplik-Flecken auf der Mundschleimhaut. Bald darauf kam es zu einer beidseitigen Konjunktivitis, ein weiteres Zeichen einer Masern­erkrankung. Eine PCR-Analyse an einem Mundabstrich bestätigte den Verdacht. Der Mann litt an Masern, obwohl er laut Impfpass zweimal den MMR-Impfstoff erhalten hatte. 

Doch die Chemotherapie und vor allem Rituximab hatten verhindert, dass sein Immunsystem nach dem Kontakt mit den Masernviren die notwendigen Antikörper bildete. Die Antikörpertests auf Masern und Röteln fielen negativ aus.

Der Patient wurde mit Ribavirin, intravenösen Immunglobulinen und Vitamin A behandelt. Es handelte sich um einen Heilversuch. Die Wirksamkeit der 3 Maßnahmen ist nicht durch Studien belegt. Die Therapie war denn auch nicht in der Lage, die Infektion zu stoppen. Am Tag 8 entwickelte der Patient eine Lungenentzündung, am Tag 15 kam es zur Schocklunge (Acute Respiratory Distress Syndrome, ARDS) und am Tag 17 starb er auf der Intensivstation.

In der Schweiz war es der erste Todesfall an Masern seit 2009. In Europa sind im letzten Jahr insgesamt 30 Menschen an Masern gestorben. In vielen europäischen Ländern, darunter der Schweiz, wird die von der Welt­gesund­heits­organi­sation zur Vermeidung von Masernepidemien notwendig erachtete Impfquote von 95 % nicht erreicht. Eine fehlende „Herdenimmunität“ gefährdet nicht nur umgeimpfte Kinder und Erwachsene, sondern auch Menschen, deren geschwächtes Immunsystem nicht in der Lage ist, die notwendigen neutralisierenden Antikörper zu bilden. 

Dazu gehören Krebspatienten. Bei dem Berner Patienten dürfte neben der Chemo­therapie, die die Zahl der Abwehrzellen verminderte, auch das Immun­therapeutikum Rituximab die Immunabwehr geschwächt haben. Der CD20-Antikörper, der auch zur Behandlung von Autoimmunerkrankungen eingesetzt wird, führt laut Jent bei einem Drittel der Patienten zu einer vorübergehenden Hypogammaglobulinämie, also zu einem Mangel an Antikörpern. Der Abruf von Antikörpern bei einer neuen Infektion ist verzögert. © rme/aerzteblatt.de

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