NewsVermischtesSchwedische Behörde bestätigt Pearl-Index einer Verhütungs-App
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Vermischtes

Schwedische Behörde bestätigt Pearl-Index einer Verhütungs-App

Mittwoch, 7. November 2018

/dpa

Uppsala/Berlin – Immer mehr Frauen wünschen sich, hormonfrei zu verhüten. Eine natürliche Verhütung versprechen mittlerweile auch diverse Apps. Wie häufig es dabei zu ungewollten Schwangerschaften kommt, wurde bisher kaum untersucht. Der App-Entwickler Natural Cycles aus Schweden hat Studien vorgelegt, die zeigen, dass etwa sieben Prozent bei typischer Verwendung der App ungewollt schwanger werden. Das bestätigt jetzt auch die schwedische Zulassungs- und Aufsichtsbehörde für Arznei­mittel (Swedish Medical Products Agency, MPA oder Läkemedelsverket) in einer Untersuchung.

Im August wurde Natural Cycles zudem als erste App von der US-amerikanischen Bundesbehörde zur Überwachung von Nahrungs- und Arzneimitteln (FDA) als Verhütungsmethode zugelassen. Die britische Aufsichtsbehörde hat Facebook derweil bestimmte werbliche Aussagen zur App verboten. Beim DGGG-Kongress (Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe) äußerten Experten Zweifel am Studiendesign. Auch von Stiftung Warentest gab es noch vor einem Jahr keine gute Noten für das Mess- und Prognoseprinzip, das im Fall von Natural Cycles auf einem Kalender und der Messung der Basaltemperatur mit einem Thermometer im Mund beruht. Andere Apps, die zudem die Beobachtung des Zervixschleims in die Fruchtbarkeitsprognose mit einbeziehen, wurden meist besser bewertet.

Anzeige

Zweifel an der Wirksamkeit äußerten Ärzte eines Stockholmer Spital Anfang Januar. Sie hatten den Eindruck, dass ungewöhnlich viele ungeplante Schwanger­schaften bei Nutzerinnen der Natural-Cycles-App aufgetreten waren. Die schwedische Behörde überprüfte die Vorwürfe und legte ihren Bericht Mitte September vor. Das Ergebnis der Behörde bestätigt, dass die Zahl der zwischen Januar und Juni 2018 gemeldeten, ungeplanten Schwangerschaften mit der publizierten Wirksamkeitsrate bei typischer Verwendung von 93 Prozent übereinstimmt. Diese basiert auf einer großangelegten Studie mit mehr als 22.000 Frauen. Nachbessern musste Natural Cycles dennoch: In der Gebrauchsanweisung und in der App wurde auf das Risiko einer ungeplanten Schwangerschaft deutlicher hingewiesen.

Pearl-Index im Vergleich

Der Pearl-Index der Pille liegt bei perfekter Anwendung bei 0,1 bis 0,9 – das bedeutet, dass maximal neun von 1.000 Frauen trotz Pille innerhalb eines Jahres schwanger werden.

Bei typischer Anwendung, die auch Fehler bei der regelmäßigen Einnahme inkludiert, geht man von vier bis sieben Schwangerschaften von 100 aus. Erst kürzlich konnte eine Studie zeigen, dass die Pille häufiger vergessen wird, als Gynäkologen annehmen würden (Geburtshilfe und Frauenheilkunde 2018).

Beim DGGG-Kongress letzte Woche in Berlin stellte Thea Kleinschmidt von Natural Cycles aktuelle Ergebnisse zur Wirksamkeit der App vor. Dabei wurden neue Daten von mehr als 37.000 Nutzerinnen ausgewertet, davon 1.404 aus Deutschland. Sie alle benutzten die App im ‘Schwangerschaft vermeiden’-Modus. Ermittelte Schwangerschaften galten dann als ungeplant, wenn die Frauen nicht explizit angegeben hatten, die Schwangerschaft geplant zu haben, wie Natural Cycles dem Deutschen Ärzteblattes (DÄ) mitteilt. Der Pearl-Index liegt demnach in Deutschland bei 5,2 +/- 0,7 bei typischer Anwendung, dies beinhaltet auch eine fehlerhafte Anwendung der Methode.

Wie viele Frauen innerhalb eines Jahres aufgefhört haben, die Methode zu nutzen, wurde noch nicht erhoben, da bisher nur ein Abstract der Studie vorliege, sagt Natural Cycles dem und weiter: Die Drop-out-Rate sei für die Berechnung des Pearl-Index nicht relevant. Sie dürfte aber wie bei früheren Studien bei etwa 50 Prozent liegen.

Der neu ermittelte Pearl-Index für Deutschland liegt leicht unter dem Pearl-Index von 6,9 in der 2017 veröffentlichten globalen Studie in Contraception. Damals hatten 54 Prozent die Nutzung der App abgebrochen. Für ihre wissenschaftliche Arbeit erhielt Kleinschmidt beim Kongress einen Vortragspreis.

Kritik am Studiendesign

Kritik am Studiendesign (Contraception 2017) von Natural Cycles äußerte beim DGGG-Kongress Petra Frank-Hermann, Sektion Natürliche Fertilität bei der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologische Endokrinologie und Fortpflanzungsmedizin und der Abteilung Endokrinologie und Fertilitätsstörungen der Universitätsfrauenklinik Heidelberg. Sie kritisierte unter anderem die hohe Drop-out-Rate und die fehlende Definition nicht geplanter Schwangerschaften. „Im Grunde liegt hier keine kontrollierte Studie vor“, sagte Frank-Hermann und schlussfolgerte: Auf dieser Basis könne man keine Sicherheitsraten berechnen. Ähnliche Kritik hatte zuvor auch schon der Berufsverband der Frauenärzte geäußert:

FDA erlaubt Vermarktung von Verhütungs-App, Frauenärzte warnen

München – Streit um Verhütungs-App: Die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA (Food and Drugs Administration) hat die Vermarktung der Smartphone-Applikation (App) Natural Cycles als sichere Verhütung von Schwangerschaften erlaubt. Der Berufsverband der Frauenärzte (BVF) warnt hingegen davor, die App zu verwenden.

Auf der Webseite der Universität Heidelberg wird die symptothermale Methode Sensiplan zur natürlichen Familienplanung (NFP) empfohlen, da diese derzeit die sicherste Methode mit dem am besten evaluierten Regelwerk sei. Sie beruht auf der Messung der Körper­temperatur und der Beobachtung des Zervixschleims. Sofern sich Paare an die Regeln halten, erreiche man mit dieser Methode eine ebenso hohe Verhütungssicherheit wie mit hormonellen Verhütungsmitteln, heißt es auf der Seite der Universität Heidelberg.

Große Auswahl für natürliche Verhütung

Ein ähnliches Prognoseprinzip nutzen auch diverse Zyklus-Apps, die Stiftug Warentest im Dezember 2017 bewertet hat. Dazu zählen beispielsweise MyNFP, Lady Cycle, OvuView und Lily – Dein persönlicher Zykluscomputer. Sie errechnen die fruchtbaren Tage anhand der Messung der Basaltemperatur und der Beobachtung des Zervixschleims. Natural Cycles und Ovy verlassen sich allein auf die Basaltemperatur. Weitere Apps bieten ausschließlich eine Kalenderfunktion an. Stiftung Warentest bewertete das Mess- und Prognosekonzept von Natural Cycles mit der Note 5,0. Nur drei Apps bekamen in dieser Kategorie eine gute Bewertung (Lady Cycle: 2,2; MyNFP: 2,2; Lily: 2,5). Zwei Experten für Reproduktionsmedizin hatten dafür den theoretischen Nutzen der Methoden, die den Apps zugrunde liegen geprüft und auch Algorithmen und Studien bei den App-Anbietern angefragt.

„Für Jugendliche, die erstmals verhüten, sind solche Zyklus-Apps ganz und gar ungeeignet“, sagt die Gynäkologin Patricia Oppelt von der Universität Erlangen/Nürn­berg dem Deutschen Ärzteblatt. Das Risiko einer ungewollten Schwangerschaft sei den meisten Frauen nicht bewusst. „Wer definitiv nicht schwanger werden möchte, sollte keine dieser Apps zur Verhütung nutzen“, sagt Oppelt. In Kombination mit anderem Verhütungsmethoden, wie etwa Kondomen, hätten Zyklus-Apps aber durchaus eine Berechtigung. Mit ihrem Team will sie sich das Angebot daher genauer ansehen, um ihre Patientinnen entsprechend beraten zu können. © gie/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #651910
thyriris
am Mittwoch, 7. November 2018, 23:18

Zyklus-Apps für Teenager...

... sind dann sinnvoll, wenn die jungen Frauen dadurch sich selbst und ihren Zyklus besser kennen lernen und wahrnehmen lernen. Zur Verhütung sind sie nur dann geeignet, wenn man sich wirklich gut in den eigenen Zyklus eingelesen hat, wenn man über längere Zeit Temperatur und Schleim beobachtet hat.
Allerdings finde ich eine Funktion dieser Apps wirklich wunderbar und hätte sie als Teenager sehr zu schätzen gewusst: die Vorhersage, wann die nä. Regelblutung einsetzt. Selbst wenn sie nicht ganz genau stimmt, ist Frau vorgewarnt und kann vorsorgen.
Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Mittwoch, 7. November 2018, 19:56

Der Pearl-Index...

Der Pearl-Index (PI), benannt nach dem amerikanischen Biologen Raymond Pearl (1879–1940), ist ein Maß für die Wirksamkeit bzw. Zuverlässigkeit von Methoden zur Empfängnisverhütung. Er gibt an, wie hoch der Anteil sexuell aktiver Frauen ist, die trotz Verwendung einer bestimmten Verhütungsmethode innerhalb eines Jahres schwanger werden. Je niedriger der Pearl-Index ist, desto sicherer ist die Methode. https://de.m.wikipedia.org/wiki/Pearl-Index

Ein PI von 7 bedeutet sieben ungewollte Schwangerschaften pro Jahr. Das sind in 5 Jahren 35 von Hundert. Zusätzlich ist eine statistische Korrektur notwendig, weil die unbeabsichtigt schwanger Gewordenen im Studienverlauf der beobachteten Jahre ja über 9 Monate gar nicht erneut schwanger werden können.

Mf+ kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
LNS

Nachrichten zum Thema

13. November 2018
Berlin – Der Bundesrat sieht keinen Korrekturbedarf am Gesetzentwurf der Bundesregierung zur Änderung des Geburtenregisters. Das geht aus der als Unterrichtung vorliegenden Stellungnahme des
Bundesrat sieht keinen Änderungsbedarf bei Reform des Geburtenregisters
8. November 2018
Wuhan/China – Kinder von Frauen, die während der Schwangerschaft rauchen, entwickeln häufiger einen Strabismus. Dies kam in einer Metaanalyse in Acta Ophthalmologica (2018; doi: 10.1111/aos.13953)
Strabismus: Kinder von Raucherinnen schielen häufiger
2. November 2018
Hannover – Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) spricht sich dafür aus, Maßnahmen der nichtinvasiven Pränataldiagnostik (NIPD) bei Risikoschwangerschaften als Kassenleistung anzuerkennen,
Evangelische Kirche für vorgeburtliche Bluttests mit Beratung als Kassenleistung
2. November 2018
Palo Alto – Kann sich ein hohes Alter des Vaters ungünstig auf Schwangerschaft und Geburt auszuwirken? Laut einer Kohortenstudie im Britischen Ärzteblatt (BMJ 2018; 363: k4372) kommt es häufiger zu
Schwangerschafts- und Geburtsrisiken bei älteren Vätern erhöht?
1. November 2018
Berlin – Rund 64 Prozent der 2,8 Millionen Studierenden in Deutschland leiden unter Kopfschmerzen. Dies geht aus einer repräsentativen Befragung an drei Hochschulen hervor, die für das Pilotprojekt
Neues Informationsangebot soll Kopfschmerzen bei Studierenden vorbeugen
31. Oktober 2018
Berlin – Digitalisierung ist als „Megatrend“ auch in der Rehabilitation angekommen. Davon zeugen viele digitale Angebote und Aktivitäten, die derzeit für die Phasen vor, während und nach einer
Rehabilitation: Nachsorge per App
30. Oktober 2018
Berlin – Nach Hinweisen auf Sicherheitsmängel haben die Betreiber der Gesundheits-App Vivy reagiert und diese nach eigenen Angaben beseitigt. Das IT-Sicherheitsunternehmen Modzero hatte Vivy zuvor
LNS LNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

Anzeige
NEWSLETTER