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Die meisten Antibiotika­resistenzen könnten für zwei US-Dollar pro Person und Jahr verhindert werden

Mittwoch, 7. November 2018

/dpa

Paris – Infektionen mit multiresistenten Keimen könnten in den nächsten 30 Jahren rund 2,4 Millionen Menschen in Europa, Nordamerika und Australien das Leben kosten. Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Drei von vier Todesfällen könnten jedoch durch einfache hygienische Maßnahmen wie Händewaschen und eine umsichtigere Verschreibung von Antibiotika vermieden werden, heißt es in dem Report.

Der Report zeichnet ein bedrohliches Szenario für die 36 Mitgliedsstaaten, die zu den Ländern mit einem hohen Pro-Kopf-Einkommen zählen und als hoch entwickelt gelten. Neben den meisten europäischen Ländern, den USA und Kanada, Australien und Neuseeland gehören auch Japan und Südkorea, Mexiko, Chile, die Türkei und Israel zu den OECD-Mitgliedern. 

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Diese Länder verfügen über ein hoch entwickeltes Gesundheitssystem und nach Ansicht der OECD auch über die wirtschaftlichen Mittel, um etwas gegen die Ausbreitung von Antibiotikaresistenzen zu unternehmen. Doch bisher hätten sich die Regierungen nicht auf eine entschiedenere Reaktion gegen die wachsende Bedrohung verständigen können, kritisiert der Report. 

Der Report kommt zu dem Ergebnis, dass zwischen 2015 und 2050 insgesamt 2,4 Millionen Menschen an Infektionen mit multiresistenten Keimen sterben könnten, wenn nichts unternommen werde. Vor allem Südeuropa wäre betroffen. Die höchste relative Mortalitätsrate wird für Italien, Griechenland und Portugal prognostiziert. Die höchste absolute Zahl von Todesfällen könnte es in den USA, Italien und Frankreich geben. Allein für die USA rechnet die OECD mit 30.000 Todesfällen pro Jahr durch Infektionen mit resistenten Keimen.

Innerhalb der OECD-Länder gibt es große Unterschiede. In der Türkei, Südkorea und Griechenland werden laut dem Bericht bereits etwa 35 Prozent aller Infektionen auf resistente Erreger zurückgeführt – siebenmal mehr als in Island, den Niederlanden oder Norwegen, den Ländern mit den niedrigsten Werten (rund fünf Prozent).

Noch schlechter sieht es außerhalb der OECD aus. In Indonesien, Brasilien und Russland würden schon heute zwischen 40 und 60 Prozent der Infektionen durch resistente Keime ausgelöst, heißt es in dem Report. In den drei genannten Ländern werden die Resistenzraten bis 2030 laut der Prognose vier- bis siebenmal so schnell zunehmen wie in den OECD-Staaten. Derart hohe Resistenzraten in Gesundheits­systemen, die bereits heute von Budgetzwängen geplagt sind, würden in massivem Ausmaß ihren Tribut an Todesopfern fordern, so die OECD. Die Betroffenen wären in erster Linie Neugeborene, Kleinkinder und ältere Menschen.

Die Autoren raten zu einem fünfgleisigen Vorgehen: Als erste Maßnahme sollte die Hygiene in Gesundheitseinrichtungen verbessert werden, etwa durch Förderung des Händewaschens und einer besseren Krankenhaushygiene.

Als zweite Maßnahme wird zu einem Antibiotic Stewardship (ABS) geraten, um bei den Ärzten einen verantwortungsvollen Umgang mit Antibiotika zu fördern und eine jahrzehntelange übermäßige Verschreibung zu stoppen.

Die dritte Maßnahme besteht im Einsatz von Schnelldiagnose-Tests, um festzustellen, ob Infektionen durch Viren oder Bakterien ausgelöst werden.

Als vierte Maßnahme werden zeitlich verzögerte Verschreibungen empfohlen. Patienten würden dabei beispielsweise ein Eventualrezept erhalten, das sie erst einlösen sollen, wenn sich die Symptome nach einigen Tagen nicht abgeschwächt haben. 

Die Maßnahme Nummer fünf umfasst Kampagnen zur Sensibilisierung der Öffentlichkeit, die stärker als bisher über die Risiken eines unkritischen Einsatzes von Antibiotika informiert werden sollte.

Infektionen mit antibiotika­resistenten Keimen nehmen in Europa weiter zu

Stockholm – Im europäischen Wirtschaftsraum (EU und EEA) erlitten 2015 mehr als 670.000 Menschen eine Infektion mit antibiotikaresistenten Keimen, an denen etwa 30.000 Menschen starben und durch die circa 875.000 beschwerdefreie Lebensjahre (DALY) verloren gingen. Dies kam in einer Studie in Lancet Infectious Diseases (2018; doi: 10.1016/S1473-3099(18)30605-4) heraus (...)

Die Investitionen in die genannten Maßnahmen würden sich laut der OECD innerhalb nur eines Jahres selbst tragen und sie könnten danach zu Einsparungen von rund 1,5 US-Dollar je investiertem US-Dollar führen. Auf die OECD hochgerechnet wären dies 4,8 Milliarden US-Dollar pro Jahr. 

Erst am Dienstag hatte das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) vor einer Zunahme von Infektionen mit multiresistenten Bakterien gewarnt. Berechnungen der EU-Behörde zufolge sind 2015 in der EU mehr als 33.000 Menschen an einer Infektion mit resistenten Bakterien gestorben (Lancet Infectious Diseases 2018; doi: 10.1016/S1473-3099(18)30605-4). © rme/aerzteblatt.de

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