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Politik

Drogenbeauftragte fordert Entstigmatisierung der Suchtkranken

Mittwoch, 7. November 2018

/Piotr Marcinski, stockadobecom

Berlin – Die Drogenbeauftragte der Regierung, Marlene Mortler (CSU), hat zu einem unverstellten Blick auf die Realität von Suchterkrankungen in Deutschland aufgerufen. „Jeder und jede in diesem Land kann und muss helfen“, erklärte Mortler heute anlässlich ihrer Jahrestagung in Berlin. Ihr zufolge sind etwa 8,2 Millionen Menschen in Deutschland als abhängig zu betrachten.

Mortler forderte, die Betroffenen nicht zu stigmatisieren. Sie erinnerte dabei unter anderem an die schwerwiegenden Folgen von Alkoholmissbrauch. Jede sechste Kündigung werde aus diesem Grund ausgesprochen, berichtete sie. Jeder zehnte Arbeitnehmer trinke, teilweise sogar während der Arbeit. Wer sich dies vor Augen führe, dem werde klar, „dass das Thema jeden etwas angeht“.

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Betroffene und deren Familien Hilfe anbieten

Mortler rief dazu auf, Sucht als Krankheit anzuerkennen. Nötig sei ein sensiblerer Blick „aller“. Das gelte für Kollegen und Arbeitgeber bis hin zu den Mitarbeitern von Kindergärten. Sie müssten Betroffenen und deren Angehörigen Hilfe anbieten. Sie erinnerte daran, dass knapp zehn Millionen Verwandte von der Sucht ihrer Angehörigen betroffen seien. Aber der Bund müsse seinen Anteil zur Bewältigung dieser Aufgabe leisten, betonte sie.

Zur Jahrestagung der Drogenbeauftragten kamen heute rund 400 Mediziner, Psychologen, Sozialarbeiter sowie Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Sport zusammen. Auf dem Programm standen Vorträge und Diskussionsrunden, auch ein Statement von Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) war vorgesehen.

Die Grünen im Bundestag warfen Mortler unglaubwürdige Positionen bei der Frage der Entstigmatisierung von Suchtkranken vor. Die Grünen-Expertin Kirsten Kappert-Gonther verwies dabei auf Mortlers Haltung zur kontrovers diskutierten möglichen Legalisierung von Cannabis. Sie empfehle eine „Kehrtwende in der Drogenpolitik“. Wer Drogenprobleme habe, brauche Hilfe und keine Strafe, erklärte Kappert-Gonther in Berlin. „Bei Alkohol und Cannabis wird mit zweierlei Maß gemessen, obwohl das jeder wissenschaftlichen Grundlage entbehrt und die gesellschaftlichen Folgen ausblendet.“

Gesellschaftlichen Kosten des Rauchens betragen 100 Milliarden Euro

In einer bei der Jahrestagung vorgestellten Studie werden die gesellschaftlichen Kosten des Rauchens mit 100 Milliarden Euro beziffert. Das berichteten die Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland heute unter Berufung auf die Analyse eines Wirtschaftswissenschaftlers der Universität Hamburg.

Die direkten und indirekten volkswirtschaftlichen Kosten waren in früheren Studien zu dem Thema unterschiedlich angesetzt worden. 2009 wurden sie in einer Studie für das Deutsche Krebsforschungszentrum, an der ebenfalls der Hamburger Experte beteiligt war, auf rund 33,5 Milliarden Euro veranschlagt. 2015 gab dieser die direkten und indirekten Kosten in einer weiteren Studie für das Krebsforschungszentrum mit etwa 80 Milliarden Euro an.

Den neuen Anstieg begründete der Wissenschaftler gegenüber den Zeitungen mit einem geänderten Rauchverhalten. Während Kinder und Jugendliche weniger rauchten, griffen Erwachsene häufiger zur Zigarette. Deshalb seien die volkswirtschaftlichen Kosten höher. © afp/aerzteblatt.de

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Avatar #112726
woewe
am Montag, 12. November 2018, 00:37

Ein "Kukucks-Ei von Prof. Schomerus und der DG-Sucht im DS-Bericht?

Im DSB wird das Memorandum v.d. genannten Personen/Gruppen kurz zitiert und dann darauf komplett verwiesen.
Da sind Passagen, die der aktuellen Drogenpolitik komplett widersprechen, Zitate daraus:
"Die Stigmatisierung von Menschen mit Suchtkrankheiten kann als Versuch verstanden werden, Suchtprobleme durch Tabuisierung, Ausgrenzung und Abwertung zu lösen oder zumindest handhabbar zu machen. Allerdings ist diese „Lösung“ dysfunktional, weil sie das Problem nicht kleiner, sondern größer macht. "
"Das Stigma von Suchtkrankheiten isoliert und entwertet Menschen."
"Viele Menschen vermeiden oder verzögern aus Angst vor Stigmatisierung die Inanspruchnahme von Hilfe."
"Der durch Abschreckung erzielte primärpräventive Effekt ist zweifelhaft ... Auch die Illegalisierung von Substanzen trägt zur Stigmatisierung der Konsumenten dieser Substanzen bei."
"....Stigma sind Frauen, ... aber auch Menschen, die einer sexuellen Minderheit angehören" (ehem. §175 Verfolgte)
"Nicht zuletzt wird durch die Stigmatisierung die Menschenwürde der Betroffenen verletzt." Art. 1 GG!!!
(all das erinnert mich an Passagen aus dem Manifest des Schildower Kreises) und zum Schluss:

"V. Konzeptionelle und rechtliche Weiterentwicklungen
a. Die legalen Rahmenbedingungen des Suchtmittelkonsums müssen kontinuierlich auf stigmatisierende Effekte hin überprüft werden. Eine Entkriminalisierung des Konsums, verbunden mit stigmafreier Präventionsarbeit, muss angestrebt werden."
LNS

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