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Politik

Deutsche Transplantations­mediziner fordern Kehrtwende bei Organspenden

Donnerstag, 8. November 2018

/Alexander Raths, stockadobecom

Berlin – Transplantationsmediziner haben eine Kehrtwende bei den Organspenden in Deutschland gefordert. Für den Weg „aus dem Transplantationstief“ sei ein gesamtgesellschaftlicher Konsens nötig, um die Zahl der Organspenden wieder zu erhöhen, erklärte Bernhard Banas, Präsident der Deutschen Transplantations­gesellschaft (DTG), heute auf dem Jahreskongress in Berlin.

Zwar hätten sich die Spenderzahlen nach dem historischen Tief 2017 in diesem Jahr leicht erholt, die Situation bleibe aber "besorgniserregend". Die Leidtragenden seien jene rund 10.000 Menschen, die auf ein Spenderorgan warten. Nur zwei Drittel schafften es bis zur lebensrettenden Transplantation.

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„Die Wartezeit auf ein Organ ist inakzeptabel lang“, kritisierten die Transplantations­mediziner. Während in Deutschland ein Patient im Durchschnitt etwa acht bis zehn Jahre auf eine neue Niere warte, seien es in vielen Nachbarländern hingegen nur zwei Jahre. Das führe dazu, dass in Deutschland viele Patienten auf der Warteliste sterben oder von der Liste genommen werden müssen, weil sie nach der langen Zeit aufgrund ihres Allgemeinzustands keine Transplantation mehr überstehen würden.

Der vor Kurzem von Bundeskabinett beschlossene Gesetzentwurf, der unter anderem eine bessere Vergütung von Kliniken vorsieht, die Spenderorgane entnehmen, sieht die Fachgesellschaft als „wichtigen Schritt auf dem Weg zur so dringend notwendigen Kehrtwende“. Es müsse aber insgesamt gesellschaftlichen Konsens darüber geben, dass die Organspende gestärkt wird.

In diesem Zusammenhang unterstüzten die Transplantationsmediziner die Einführung der Widerspruchslösung. Dies erhöhe die Zahl möglicher Spender, „aber vor allem nimmt es Druck von den Angehörigen“. Außerdem setze die Widerspruchslösung „ein klares Zeichen pro Organspende“.

Auch Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) befürwortet die Widerspruchs­lösung. Danach soll jeder als Spender gelten, wenn er oder Angehörige nicht ausdrücklich widersprechen. Bislang ist eine explizite Zustimmung erforderlich. © dpa/aerzteblatt.de

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Avatar #715180
DrSchnitzler
am Montag, 12. November 2018, 14:02

Transplantationspraxis

@dr.med.thomas.g.schaetzler

In einem Punkt möchte ich nach eigenem Erleben widersprechen: bei der postmortalen Organspende geht es gerade NICHT um "Minuten".

Wir reden hier mW im absoluten Regelfall um (ggf. langzeit-) beatmete Patienten auf einer Intensivstation.
Ein "Hirntod" fällt zunächst einmal – praktisch gesehen – dadurch auf, dass "aus dem Nichts heraus" essentielle (zB hormonelle) Körperfunktionen ausfallen, wie das ADH (erkennbar an "plötzlichen" Urinmengen im Bereich von 10 L tgl.), Elektrolytentgleisungen etc. pp.; ERST DANN kommt man auf die Idee des eingetretenen "Hirntods", macht 2x/24h ein EEG, Neurologe, Angiogramm, Atemtest usw.; es besteht also hier gerade KEINE "Eile", jedenfalls nicht im Vorfeld.

Anders beim "Herztod" (NHBD, non-heart-beating-donors), der aber in D bislang mW noch keine Rolle spielt; da teile ich die vorgetragenen Einwände uneingeschränkt.

Meines Wissens liegt das Problem nicht in der – dankenswert hohen – SPENDEBEREITSCHAFT, sondern in der unzureichenden MELDUNG potentieller Organspender. Im Vorfeld des 1997 in Kraft getretenen Transplantationsgesetzes war zu hören, dass bei etwa 6.000 Menschen in D jährlich der Hirntod festgestellt wird. Würde nun dem Patientenwilllen Rechnung getragen (ca. 1/3 Ablehnung), und medizinisch ungeeignete Fälle (ebenfalls rund 1/3) ausgeschlossen, hätten wir etwa 2-3.000 Spender, statt heute 800-1.000.

Von daher sind wir einer Meinung, dass die "Widerspruchslösung" schon rein sachlich nicht zwingend wäre, und dem bspw. jüngst im "neuen äztlichen Gelöbnis" gestärkten Selbstbestimmungsrecht ohne weiteres Rechung getragen werden könnte.


Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Donnerstag, 8. November 2018, 23:21

Dilemmata ohne öffentlichen Diskurs!

M.E. bestehen Unehrlichkeiten und mangelnde Orientierungen in der Transplantationsmedizin: Ursache mangelnder Organspende-Bereitschaft ist in Deutschland nach wie vor die fehlende gesellschaftspolitische Debatte über bio-psycho-sozialen Auswirkungen der Transplantationsmedizin. Bei möglichst lebensfrischen, transplantablen Spenderorganen mit zu Recht geforderten, guten Erfolgsaussichten bei den Organempfängern kann es keine "postmortale", sondern nur eine p e r i m o r t a l e Organspende geben.

Verantwortliche Fachärzte-Teams, die den Hirntod feststellen sollen, bzw. die Organ-Ex-, -Trans- bzw. -Implanteure, deren chirurgisch-fachliche Qualifikation ich nicht in Frage stelle, bewegen sich auf einem denkbar schmalen Grat zwischen Leben und Tod. Es geht um Minuten zwischen Hirntodfeststellung, Entscheidungsfindung und Transplantations-Geschehen.

"Mehr Organspende-Bereitschaft wagen"?
Wenn man "mehr Organspende-Bereitschaft wagen" will, geht das nur mit Stetigkeit, Beharrlichkeit, Überzeugungskraft, Selbst-Reflexion, Nachhaltigkeit, Perspektive, Mut u n d Offenheit. In einer säkularen Gesellschaft sind eine "Wiedergeburt" (Transplantationsmediziner Prof. E. Nagel) ebenso wie eine "moralisch-ethische Pflicht zur Organspende" oder ein "Ja" oder "Nein" ebenso spekulativ wie appellativ unwirksam.

Allein die nicht nur von Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn, sondern auch von unserer Bundeskanzlerin, Frau Dr. Angela Merkel, in die Debatte geworfene "Widerspruchslösung", nach der Jede(r) quasi von Geburt an potenzieller Organspender wäre und bleiben solle, wenn er nicht ausdrücklich widerspräche, reflektiert einen undemokratischen Fundamentalismus. Sie wird in Spanien gar nicht in dieser Form realisiert, wie eine Gruppe von Parlamentariern jüngst feststellen musste: https://www.aerztezeitung.de/politik_gesellschaft/organspende/article/975345/organspende-spanien-widerspruchsloesung-erfolgreich.html

Die Widerspruchslösung offenbart in der medizinischen Grenzsituation einer primären oder sekundären Reanimation unauflösbare medizinisch-ethische Zielkonflikte und Fragen:
1. Eine (prä-)klinische Reanimation wird nur halbherzig durchgeführt, um den Hirntod zur Erreichung eine Organspende-Option feststellen zu können?
2. Eine Reanimation wird ohne erkennbare Wiederbelebungs-Effekte in extenso ohne klinischen Erfolg so lange fortgesetzt, bis ein Transplantationszentrum erreichbar ist?
3. Eine (prä-)klinische Reanimation wird selektiv in Abhängigkeit vom Organspende-Status gemacht?

Diese 3 Fragen sind zugegebenermaßen provokativ, müssen aber endlich gestellt und diskutiert werden. In den Diskurs gehört auch das immer wieder selbst von einigen Ärztinnen und Ärzten öffentlich vorgetragene Argument, eine Selektion von zur Organspende bereiten und nicht bereiten Personen einzuleiten: In dem Sinne, dass "wer sich nicht selbst zur Organspende bereit erklärt, auch keine fremden Organe bekommen solle". Dies verkennt neben dem Recht auf informationelle Selbstbestimmung, dass viele unserer Patientinnen und Patienten auf Grund von wesentlichen, bedrohlich lebensverkürzenden Erkrankungen selbst niemals als potenzielle Organspender, sondern nur als Organempfänger in Frage kämen.

Bei allem Respekt, auch wenn die bisherige, verfassungskonforme Entscheidungs-/Zustimmungslösung von einer breiten Mehrheit im Deutschen Bundestag durch eine m. E. verfassungswidrige Widerspruchslösung ersetzt würde, müsste die Bereitschaft zur Organspende ebenfalls zusätzlich durch flankierende Maßnahmen verbessert werden. Denn wenn wie bisher auch nur der Hauch eines Verdachts der Diskriminierung Organspende-unwilliger Betroffener entsteht, bricht die Organspende-Bereitschaft erneut zusammen.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

Persönlich komme ich nach einem komplexen, hochmalignen Non-Hodgkin-Lymphom Stadium IVa im Jahr 2000 mit Hochdosis-Chemotherapie, konsekutiver autologer Stammzelltransplatation und einem Rezidiv des niedrig-maligen Anteils 2007 mit 4-fach Chemotherapie und Rituximab-Behandlungszyklen als aktiver Organspender nicht mehr in Frage. Ich schließe für mich aber zugleich die Möglichkeit eines Organempfangs auch weitestgehend aus.
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