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Ärzteschaft erinnert an die national­sozialistische Verfolgung jüdischer Kollegen

Freitag, 9. November 2018

Blumen und Gedenktafel zur Erinnerung an die Verfolgung jüdischer Ärzte im Nationalsozialismus /dpa

Berlin – Zum Gedenken an jüdische Ärzte, die während der Zeit des National­sozialismus aus dem Beruf gedrängt und verfolgt wurden, haben die Bundesärzte­kammer (BÄK) und die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) gemeinsam mit dem Vizepräsidenten der Knesset, Yehiel Bar, der Vizepräsidentin des Deutschen Bundes­tages Petra Pau (Linke), Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) und dem Präsidenten des Weltärztebundes Leonid Eidelman am Herbert-Lewin-Platz in Berlin eine Gedenktafel errichtet.

„Schon ab Sommer ‘33 wurden jüdische und politisch andersdenkende Ärzte systematisch in die Ausreise getrieben“, sagte der Vorstandsvorsitzende der Kassen­ärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, bei der Einweihung. Die komplette „Ausschaltung“ jüdischer und politisch andersdenkender Ärzte sei ein erklärtes und öffentlich benanntes Ziel des NS-Regimes gewesen.

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Andreas Gassen /axentis

1938 wurde sämtlichen jüdischen Ärzten die Approbation entzogen – damit einher ging automatisch die Kündigung der Praxisräume und der dazugehörenden Wohnungen. „Die Kollegen wurden gleichzeitig arbeits- und wohnungslos. Kassen, Kassenärztliche Vereinigungen und Kommunen beteiligten sich an dieser entwürdigenden Entrechtung, so mancher nichtjüdische Kollege profitierte von den zu Spottpreisen veräußerten Praxis-Inventaren“, erläuterte Gassen. „Das ist die Schmach, die wir als Ärzteschaft anerkennen müssen. Ärztliches Handeln und ärztlicher Ethos haben in diesen Jahren entsetzlich versagt“, betonte der KBV-Vorsitzende.

Projekt „KBV übernimmt Verant­wortung“

Die Ver­tre­ter­ver­samm­lung der KBV habe daher im vergangenen Jahr beschlossen, Licht in die verbliebenen Archive zu bringen. Mit dem Projekt „KBV übernimmt Verant­wortung“ stelle die KBV für zunächst zwei Jahre die Mittel zur Verfügung, um die entsprechenden Akten systematisch zu erfassen und in einem sogenannten Findbuch zu katalogisieren. „Wir werden sie dann der Forschung zugänglich machen, um die Verstrickung der Kassenärztlichen Vereinigung Deutschlands (KVD) in die Verbrechen des Nationalsozialismus aufarbeiten zu können“, so Gassen. Die KVD ist die Vorgängerorganisation der KBV.

Gassen wies darauf hin, dass Rechtspopulismus und Rechtsextremismus sich in Deutschland in den öffentlichen Diskurs drängten. Im Internet würden Hassreden salonfähig. „Was vor 80 Jahren geschah, ist uns Mahnung und Auftrag zugleich. Wir werden Intoleranz und Ausgrenzung nicht dulden, wir werden Hass und Gewalt entschieden entgegentreten“, betonte der KBV-Chef.

An die Schuld der nichtjüdischen Ärzteschaft Deutsch­lands erinnerte auch die Vorsitzende der KBV-Vertreter­versammlung, Petra Reis-Berkowicz. „Was damals geschah, geschah nicht im Verborgenen. Jeder, der ärztliche Publikationsmedien wie das Deutsche Ärzteblatt oder überhaupt nur Zeitung las, konnte es wissen“, sagte sie.

Der Barbarei der Vergangenheit stehe aber ein Hoffnungszeichen der Jugend entgegen: dass es die israelische Jugend vermehrt nach Deutschland und vor allem nach Berlin ziehe. „Die jüdischen Gemeinden wachsen langsam wieder“, sagte sie.

Gesellschaftlicher Friede basiere darauf, dass sich alle Mitglieder dieser Gesellschaft auf Augenhöhe begegneten, erinnerte sie. Dies sei eine Verpflichtung für alle Bürger. „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Aber diese Würde ist zerbrechlich, so wie jede zivilisierte Gesellschaft zerbrechlich ist“, so Reis-Berkowicz. Die Mehrheit der Deutschen sei sich dieser Verantwortung bewusst, sie dürfe zu Antisemitismus in der Welt nicht schweigen, forderte sie.

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Ärzteschaft hat sich viel zu spät zu der Schuld im Nationalsozialismus bekannt

„Wir werden wachsam sein, seien Sie versichert – gerade in Zeiten wie diesen“, versprach der Präsident der BÄK, Frank Ulrich Montgomery, auf der Gedenk­veranstaltung. Er kritisierte, die Ärzteschaft habe sich spät, „viel zu spät“, zu der Schuld von Ärzten im Nationalsozialismus bekannt. Bis in die 1970er-Jahre hinein habe es keine wirkliche Auseinandersetzung mit den von Ärzten begangenen Verbrechen und Verfehlungen gegeben, so der BÄK-Präsident. Seit 1987 hätten sich aber viele Deutsche Ärztetage intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt.

Frank Ulrich Montgomery /axentis

Besonders hervorzuheben sei die im Jahr 2012 vom 115. Deutschen Ärztetag gefasste sogenannte Nürnberger Erklärung zur Rolle der Ärzteschaft in der NS-Zeit. „Darin bekennt der Ärztetag die wesentliche Mitverantwortung von Ärzten an den Unrechtstaten der NS-Medizin. Er drückt sein tiefstes Bedauern darüber aus, dass Ärzte sich entgegen ihrem Heilauftrag durch vielfache Menschen­rechtsverletzungen schuldig gemacht haben“, so Montgomery. 

Der BÄK-Präsident wies darauf hin, dass die Kammer zusammen mit dem Bundes­ministerium für Gesundheit, der KBV sowie den Spitzenorganisationen der Zahnärzteschaft seit dem Jahr 2006 einen Forschungspreis zur Aufarbeitung der Geschichte der Ärzte in der NS-Zeit auslobe, den „Herbert-Lewin-Preis“. Geehrt und gefördert wurden in den vergangenen Jahren auch Arbeiten, die sich explizit mit dem Schicksal entrechteter jüdischer Ärzte beschäftigten. 

Die Gedenktafel hat diese Inschrift: „Die Vergangenheit ist uns Verpflichtung für die Zukunft. Gegen Antisemitismus und Ausgrenzung. In Erinnerung an unsere jüdischen Kolleginnen und Kollegen und alle Opfer des menschenverachtenden NS-Regimes.“

Ein ebenso wichtiger Bestandteil der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit sei ein ehrlicher, regelmäßiger Austausch mit den Nachfahren der Verfolgung und mit ärztlichen Kollegen aus Israel. So seien im August 2015 Vertreter der BÄK und der Vorstand des Israelischen Ärzteverbandes am Herbert-Lewin-Platz in Berlin zusammengekommen. „Mit dem Besuch einer Delegation des Vorstandes der Bundes­ärzte­kammer in Israel auf Einladung des israelischen Ärzteverbandes im März dieses Jahres wurde der gegenseitige Austausch nun fast schon zu einer guten Tradition“, so Montgomery.

Deutsche und israelische Ärzte haben eine gemeinsame Verantwortung

Der Austausch sei von der Erkenntnis getragen, dass deutsche und israelische Ärzte eine gemeinsame Verantwortung gegenüber den zukünftigen Ärztegenerationen haben, so Montgomery. „Gedanken und Gedenken sind wichtig. Sie halten die Erinnerung an das Geschehene wach. Sie halten uns wachsam, Unrecht und Unmenschlichkeit nicht einmal im Ansatz zuzulassen“, betonte der BÄK-Präsident.

Ärzte dürfen niemals ihr Wissen missbrauchen, um Menschenrechte zu verletzen

Der Präsident des Weltärztebundes und frühere Präsident der Israel Medical Association, Leonid Eidelman, betonte, es sei die Maßgabe für jeden Arzt, seine eigenen Wege zu gehen. Ärzte sollten aber niemals ihr Wissen dafür missbrauchen, Meschenrechte zu verletzen. Der Holocaust müsse Teil der täglichen Erinnerung sein, damit solch eine Periode des Hasses sich nicht wiederhole.

Eidelman erinnerte ebenfalls an die erste gemeinsame Tagung der Vorstände von Bundes­ärzte­kammer und Israel Medical Association im Jahr 2015. Dies sei ein klares Bekenntnis zur Wahrung der Menschenrechte der deutschen und israelischen Ärzteorganisationen gewesen.

Die Vizepräsidentin des Bundestages Petra Pau sagte, der Antisemitismus sei zwar jahrhundertealt. Die Nationalsozialisten hätten ihn aber in den Exzess getrieben. Und das nicht plötzlich, sondern langsam. Vor diesem Hintergrund müsse man heute wachsam sein, denn die aktuellen rechtspopulistischen Bestrebungen machten deutlich, dass es gilt, die Demokratie immer wieder aufs Neue zu verteidigen.

Antisemitismus muss von allen Seiten bekämpft werden

Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) betonte, die Erinnerung an diese Vergangenheit sei bedrückend und sie werde es bleiben. Vor allem bleibe die Mahnung, es in Zukunft besser zu machen. Die Schuld müsse benannt werden, von Institutionen und von Personen.  Man müsse sich wappnen gegen die Rückkehr von solchem schrecklichen Unrecht. 

Spahn wies aber auch darauf hin, dass es ein großes Glück sei, dass inzwischen junge Israelis nach Deutschland kämen und Deutschland bereicherten. Das dürfe man nicht wieder aufs Spiel setzen. Antisemitismus müsse von allen Seiten bekämpft werden.

Yehiel Bar /axentis

Die Gedenkveranstaltung am Tag vor der Reichskristallnacht sei ein wichtiges Zeichen für die jüdischen Ärzte, betonte der Vizepräsident der Knesset, Yehiel Bar. In Zeiten, in denen der Antisemitismus wieder an Kraft gewinne, müsse man klarmachen, dass es dafür keine Toleranz geben dürfe. Man müsse Zusammenstehen gegen Hass, Gewalt und Diskriminierung. © hil/mis/aerzteblatt.de

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