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Traumatisierte Geflüchtete besser versorgen mit Peer-Beratern

Freitag, 9. November 2018

Viele Flüchtlinge haben Unvorstellbares erlebt: wochenlange Fußmärsche, lebensgefährliche Meeresüberquerungen, körperliche und seelische Gewalt, Folter, Verlust der Angehörigen und Freunde. /Ajdin Kamber, stock.adobe.com

Berlin – Viele Flüchtlinge haben traumatische Erfahrungen gemacht und bräuchten dringend Unterstützung. Ihre Versorgung in Deutschland ist jedoch nicht sichergestellt. Die Politik hat das Thema zurzeit nicht im Fokus. Konkrete Lösungsansätze bietet eine Stellungnahme der Leopoldina, die Experten bei einer Veranstaltung in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW) diese Woche diskutiert haben.

Die Behandlung, die heute in Deutschland angeboten wird, zeige keine Wirkung, warnte Thomas Elbert von der Universität Konstanz. Eine der Folgen: 30 Prozent der Jungen, die Gewalt erfahren, haben das Risiko, letztlich selbst zurückzuschlagen und in den kriminellen Kreislauf gezogen zu werden, Frauen verletzen eher sich selbst. „Wir dürfen nicht zulassen, dass viele junge Leute, die bei uns Schutz gesucht haben und Gewalt erlebt haben, in einen solchen Kreislauf hineingezogen werden“, sagte der Professor für Klinische Psychologie und Neuropsychologie.

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Gute Erfahrungen hat Elbert mit Peer-Beratern gemacht. Dabei kann es sich unter anderem um Personen mit Migrationshintergrund oder eigenen Fluchterfahrungen handeln, die nach einer zeitlich überschaubaren Schulung als Gesundheitslotsen oder Trauma-Berater psychologische Psychotherapeuten entlasten. In der Stellungnahme der Leopoldina stellen sie den zentralen Lösungsansatz dar, um die Versorgung zu verbessern.

In vielen Ländern kommen Peer-Berater erfolgreich zum Einstatz

In Ruanda haben deutsche Psychotherapeuten ruandische Psychologiestudenten und Sozialarbeiter geschult. Diese Personen können wiederum andere Personen trainieren – das Therapieergebnis beim Patienten sei ebenso gut, berichtet Elbert und verweist auf eine Studie in Psychotherapy and Psychosomatics. Auch im Kongo erzielen nicht professionelle Berater gute Ergebnisse. „Solche Methoden sind möglich in Burundi, Uganda, Afghanistan, aber nicht in Deutschland“, sagte Elbert (Jama 2011, BMC Psychiatry 2012).

Er plädiert dafür, ein ähnliches Peer-Modell auch in Deutschland zu entwickeln. Auch unter den Geflüchteten könnten Menschen ausgebildet werden, um ihre Peers zu betreuen. „Nicht jeder muss eine mehrjährige Ausbildung als Psychotherapeut haben, um zu helfen“, ist sich Elbert sicher. Spezialisten übernehmen in diesem Modell die Funktion eines Supervisors.

In ihrer Stellungnahme rechnet die Leopoldina den Bedarf genau vor: „Das skizzierte Modell sieht die Möglichkeit vor, dass ein Psychotherapeut an bis zu zehn Trauma-Berater delegiert. Mit ihnen führt er regelmäßig – mindestens 14-tägig bei laufenden Verfahren – Supervisionssitzungen durch, einzeln oder in der Gruppe. Wenn sich nur zehn Prozent der derzeit 24.000 vertragsärztlichen Psychotherapeutinnen und -therapeuten an diesem System beteiligen und dabei durchschnittlich vier Trauma-Berater betreuen würden, könnten somit circa 10.000 Trauma-Berater zum Einsatz kommen.“ Die regulatorischen und gesetzgeberischen Voraussetzungen dafür müssten geprüft und unter Umständen angepasst werden, fordert die Leopoldina.

Kommunen und Länder strategisch nicht vorbereitet

In der Politik scheint die Idee noch nicht angekommen zu sein. Suat Yilmaz, seit drei Monaten Leiter der Landesweiten Koordinierungsstelle der Kommunalen Integrationszentren NRW zeigte aber großes Interesse bei der Veranstaltung in der BBAW: „Wir haben nicht genügend Fachkräfte, um so viele traumatisierte Menschen zu versorgen. Projekte wie die aus dem Kongo machen mir Hoffnung.“

In unserer Jahresplanung für 2019 taucht das Thema Versorgung traumatisierter Flüchtlinge derzeit nicht auf.  Suat Yilmaz, Leiter der Landesweiten Koordinierungsstelle der Kommunalen Integrationszentren NRW

Der studierte Sozialwissenschaftler macht auch deutlich, dass die Kommunen und Länder strategisch nicht vorbereitet seien. „In unserer Jahresplanung für 2019 taucht das Thema Versorgung traumatisierter Flüchtlinge derzeit nicht auf. Kommunen reagieren nur auf Bedarf und dieser wurde noch nicht gemeldet“, sagte Yilmaz in Berlin. Die Veranstaltung hat ihn aber überzeugt. Das Thema will Yilmaz in der aktuellen Jahresplanung mit einbringen, kündigte er an.

Exakte Daten zum Bedarf der Versorgung traumatisierter Flüchtlinge liegen nicht vor. Experten gehen aber davon aus, dass etwa die Hälfte traumatische Erlebnisse belasten und davon wiederum die Hälfte eine Behandlung benötige. Das wären 250.000 bis 300.000 Betroffene allein in Deutschland. Die hohen Zahlen untermauerte erst kürzlich auch eine Studie des wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO).

Viele Flüchtlinge sind schwer traumatisiert

Berlin – Rund drei Viertel der in Deutschland lebenden Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak und Afghanistan sind nach Gewalterlebnissen traumatisiert. Das zeigt eine Befragung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (Wido), die heute veröffentlicht wurde. Für die Analyse befragte das AOK-Institut bundesweit 2.021 Asylbewerber aus Syrien, dem Irak und Afghanistan. Aus diesen Ländern stammten mehr als (...)

© gie/aerzteblatt.de

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