NewsÄrzteschaftGelenkverschleiß: Arzt fordert mehr Therapie für extrem dicke Kinder
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Ärzteschaft

Gelenkverschleiß: Arzt fordert mehr Therapie für extrem dicke Kinder

Freitag, 9. November 2018

/dpa

Wiesbaden – Manche extrem dicken Kinder und Jugendliche haben bereits eine Herzmuskelverdickung oder andere Symptome, wie sie sonst erst im Alter ab 50 Jahren vorkommen. Gerade für diese Altersgruppe gebe es aber Versorgungslücken in der Therapie, warnte der Kinderarzt Martin Wabitsch von der Universitätsklinik Ulm. Er ist Präsident der heute gestarteten Jahrestagung der Deutschen Adipositas-Gesellschaft in Wiesbaden. „Sowohl Kniegelenk als auch Hüftgelenk bilden früh Verschleiß­erscheinungen“, sagte Wabitsch.

Auch Fettleber oder eine Verfettung der Bauchspeicheldrüse „wie bei erwachsenen Patienten im Alter von 50 oder 60 Jahren“ seien bei jungen Patienten anzutreffen. „Die sind früh krank und häufig untertherapiert, denn Kinder- und Jugendärzte setzen zum Beispiel selten Blutdrucksenker ein“, sagte Wabitsch. „Da wird oft über viele Jahre etwas versäumt.“

Anzeige

Hoher Leidensdruck

„Zudem gehen Übergewicht und Adipositas mit einem hohen Leidensdruck einher“, ergänzte Wabitsch. Bereits im Kindesalter würden Menschen mit Übergewicht stigmatisiert. Dabei sei das Körpergewicht in der frühen Kindheit zunächst genetisch bedingt und werde dann etwa vom Angebot an Lebensmitteln beeinflusst.

Nach einer Untersuchung des Robert Koch-Instituts zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland haben rund 26 Prozent der Fünf- bis Siebzehnjährigen in Deutschland Übergewicht, etwa neun Prozent sind von Adipositas und damit von extremem Übergewicht betroffen.

Wer bereits im Jugendalter einen Body-Mass-Index von mehr als 30 habe, sei medizinisch nur noch schwer zu erreichen, warnte Wabitsch. „Nur ein kleiner Prozentsatz sucht aktiv nach einer Behandlung.“ Wenn Jugendliche nach Diätpro­grammen mit frustrierendem Ausgang zu dem Ergebnis kämen, „das bringt ja alles nichts“, gingen sie oft gar nicht mehr zu Arzt. „Gerade diejenigen, die früh im Leben adipös sind, haben später viel schlechtere Karten“, so Wabitsch.

Kinder nicht die Schuld geben

„Unsere Daten zeigen uns, dass Jugendliche mit extremer Adipositas durch konventionelle Programme und Verhaltenstherapie nicht abnehmen können.“ Falsch sei es, den Kindern und Jugendlichen die Schuld an ihrem Zustand zuzuschreiben: „Nicht die Kinder sind schuld, sondern die Biologie und die Lebensbedingungen.“ Häufig hätten übergewichtige Kinder übergewichtige Eltern, die zudem wenig über gesunde Ernährung wüssten.

Wabitsch sieht für die wachsende Gruppe extrem adipöser Kinder und Jugendlicher drei Möglichkeiten: Entweder den Zustand des Gewichts zu akzeptieren und auf präventive Diabetesbehandlung, Einstellung des Blutdrucks und ähnliche Maßnahmen zu achten. „Das ist nicht der optimale Weg, aber ein realistischer“, sagte er. Eine weitere Möglichkeit sei eine stationäre Langzeittherapie über mehrere Monate hinweg. Dabei gehe es darum, den Lebensstil komplett umzustellen und ein ganz strenges Trainingsprogramm anzubieten. „Nur ein Teil der jungen Leute wird es schaffen, anschließend das deutlich reduzierte Gewicht zu halten“, sagte Wabitsch. Für die anderen komme als dritter Weg die Adipositas-Chirurgie infrage. © hil/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

19. November 2018
Boston – Menschen, die im mittleren Alter adipös sind, haben später ein erhöhtes Sterberisiko. Dies zeigt eine Analyse der Framingham Heart Study. In der Offspring-Studie war laut der Publikation in
Framingham-Studie: Sterberisiko durch Adipositas sinkt
16. November 2018
London – Die Magnetresonanzspektroskopie, mit der die Konzentration bestimmter Metabolite im Thalamus bestimmt werden kann, hat in einer Kohortenstudie in Lancet Neurology (2018; doi:
Neonatale Enzephalopathie: Magnetresonanzspektroskopie erkennt dauerhafte Hirnschäden frühzeitig
15. November 2018
Magdeburg – In Sachsen-Anhalt sind im vergangenen Jahr etwa vier Prozent aller Babys mit einer angeborenen Fehlbildung auf die Welt gekommen. Damit sei ihr Anteil an allen Neugeborenen im Vergleich zu
Vier Prozent der Neugeborenen in Sachsen-Anhalt haben Fehlbildungen
14. November 2018
Berlin/Bremen/Ulm – Rund ein Viertel aller Patienten mit chronisch entzündlichen Darm­er­krank­ungen (CED) wie Morbus Crohn erhalten ihre Diagnose im Kindes- und Jugendalter. „Wir verzeichnen eine
Hunderte Kinder erhalten jährlich Diagnose „Chronisch entzündliche Darm­er­krank­ung“
14. November 2018
Berlin – Wie Kinder in Deutschland aufwachsen, ist stark von ihren familiären Verhältnissen abhängig. Dies ist eine zentrale Erkenntnis des heute in Berlin vorgestellten neuen Datenreports zur
Sozioökonomischer Status hat Einfluss auf Kindergesundheit
13. November 2018
Dublin/Irland und Davis/Kalifornien – Eine Adipositas hat einen paradoxen Einfluss auf Krebserkrankungen. Zum einen steigt mit dem Body-Mass-Index das Risiko auf mindestens 18 verschiedene Malignome,
Warum Übergewicht Krebs fördert, aber dennoch manchmal die Behandlungschancen verbessert
12. November 2018
Paris – Bis zum Ende des kommenden Jahrzehnts drohen laut einer Studie Millionen kleine Kinder an einer Lungenentzündung zu sterben. Ausgehend von gegenwärtigen Tendenzen dürften bis 2030 mehr als
LNS LNS LNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

Anzeige
NEWSLETTER