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Medizin

Vitamin D und Fischölkapseln schützen (wahrscheinlich) nicht vor Krebs und Herz-Kreis­lauf-Erkrankungen

Montag, 12. November 2018

/gamjai, stockadobecom

Boston – Die tägliche Einnahme von Vitamin-D-Supplementen und/oder Fischöl­kapseln hat in einer großen randomisierten Studie zur Primärprävention gesunde Menschen weder vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen noch vor Krebs geschützt. Die auf der Jahrestagung der American Heart Association vorgestellten und im New England Journal of Medicine (2018; doi: 10.1056/NEJMoa1809944 und 10.1056/NEJMoa1811403) publizierten Ergebnisse zeigen erneut, dass epidemiologische Studien eine trügerische Evidenz für medizinische Ratschläge sind. 

Zahlreiche epidemiologische Studien haben gezeigt, dass Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Menschen mit Vitamin-D-Mangel häufiger auftreten. Betroffen sind Bewohner in polnahen Regionen und ältere Menschen. Fischölkapseln, die die für die Ernährung wichtigen Omega-3-Fettsäuren enthalten, haben darüber hinaus auch in tierexperimentellen Studien eine positive Wirkung erzielt, und in der GISSI-HF-Studie aus den späten 1990er-Jahren war eine, wenn auch geringe, sekundärpräventive Wirkung (kardiovaskuläre Endpunkte und Gesamtsterblichkeit) beobachtet worden, die aber durch spätere Negativergebnisse aus anderen randomisierten Studien infrage gestellt wurde. 

Trotz der fehlenden Belege für eine präventive Wirkung erfreuen sich Vitamin D und Fischölkapseln in der US-Bevölkerung einer steigenden Beliebtheit. Der Anteil der Erwachsenen, die Vitamin D einnehmen, ist innerhalb eines Jahrzehnts von 5,1 auf 19 % gestiegen. Bei den Fischölkapseln nahm der Anteil von 1,3 auf 12 % zu (JAMA 2016; 316: 1464-1474). Vitamin D und Fischölkapseln ersetzen zunehmend die Multivitamin­präparate, die wegen negativer Studien – bei Vitamin E und Beta-Carotin teilweise mit einem Anstieg der Krebsrate – an Beliebtheit verloren haben.

Die jetzt vorliegenden Ergebnisse des „Vitamin D and Omega-3 Trial“ (VITAL) könnten jetzt auch die Popularität der beiden neuen Favoriten der gesundheitsbewussten US-Bevölkerung herabsetzen. An der von den US-National Institutes of Health gesponserten Studie hatten 25.871 gesunde Männer (über 50 Jahre) und Frauen (über 55 Jahre) teilgenommen. Darunter waren 5.106 Afroamerikaner und 1.103 Hispanics, um die heutige Zusammensetzung der US-Bevölkerung nachzubilden.

In einem 2x2-Versuchsplan waren die Teilnehmer auf die tägliche Einnahme von Vitamin D (2000 IE/Tag Cholecalciferol), Fischölkapseln (1 g/Tag Omega-3-Fettsäuren), beider Wirkstoffe oder Placebo randomisiert worden. Primärer Endpunkt war die Häufigkeit von Krebs oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Nach insgesamt 5,3 Jahren war weder für Cholecalciferol noch für Omega-3-Fettsäuren ein gesundheitlicher Vorteil erkennbar. Ein kardiovaskuläres Ereignis hatten 396 Teilnehmer in der Vitamin-D-Gruppe, 386 Teilnehmer in der Fischöl-Gruppe und 419 Teilnehmer in der Placebo-Gruppe erlitten. Für die Einahme von Omega-3-Fettsäuren ermittelten JoAnn Manson vom Brigham and Women’s Hospital in Boston und Mitarbeiter eine Hazard Ratio von 0,92 mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,80 bis 1,06. Für die Einnahme von Vitamin D betrug die Hazard Ratio 0,97 (0,85 bis 1,12).

An Krebs erkrankten in der Omega-3-Gruppe 820 Teilnehmer, in der Vitamin-D-Gruppe 793 Teilnehmer und in der Placebo-Gruppe 797 Teilnehmer. Die Hazard Ratio betrug für die Einnahme von Omega-3-Fettsäuren 1,03 (0,93-1,13) und für die Einnahme von Vitamin D 0,97 (0,85-1,12). Alle Hazard Ratios waren nicht signifikant und die engen 95-%-Konfidenzintervalle machen es unwahrscheinlich, dass ein Nutzen übersehen wurde.

In 2 sekundären Endpunkten wurde dagegen eine signifikante protektive Wirkung gefunden: Die Einnahme von Omega-3-Fettsäuren senkte das Herzinfarktrisiko um 28 % (Hazard Ratio 0,72; 0,59-0,90). Die Zahl der tödlichen Herzinfarkte ging sogar um 50 % zurück (Hazard Ratio 0,50; 0,26-0,97). Besonders deutlich war der Effekt bei Menschen, die wenig Fisch aßen, und bei Afroamerikanern. Vitamin D senkte die Sterberate an Krebs, wenn die Erkrankungen im ersten Jahr (Hazard Ratio 0,79; 0,63-0,99) oder im zweiten Jahr (Hazard Ratio 0,75; 0,59-0,96) in der Analyse nicht berücksichtigt wurden.

Eine kardioprotektive Wirkung von Omega-3-Fettsäuren wäre biologisch plausibel, da die Omega-3-Fettsäuren günstige Auswirkungen auf Blutgerinnung, aber auch auf Blutdruck und Entzündungsparameter haben. Die Nichtberücksichtigung von Krebserkrankungen in den ersten beiden Jahren lässt sich dadurch rechtfertigen, dass Krebserkrankungen erst nach einer Latenz von mehreren Jahren diagnostiziert werden.

Die Evidenz von Sekundäranalysen ist jedoch aus statistischen Gründen begrenzt. Für eine Empfehlung bedarf es deshalb weiterer Studien, meint John Keaney von der University of Massachusetts Medical School in Worcester. Es wäre nicht das erste Mal, dass sich günstige Ergebnisse einer Sekundäranalyse in späteren klinischen Studien nicht bestätigen, meint der Editorialist. © rme/aerzteblatt.de

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Avatar #715180
DrSchnitzler
am Montag, 19. November 2018, 16:39

Vitamin D UNTERDOSIERT ???????

2.000 IE tgl. sind die MAXIMAL als gesichert verträglich anzusehende Dosis (zB Dtsch Arztebl Int 2010; 107(37): 638–43; DOI: 10.3238/arztebl.2010.0638). Nebenwirkungen wie Intoxikationen (Hyperkalzämie, Emesis) oder auch "nur" Nephrolithiasis kommen im internistisch-nephrologischen Alltag bei Nichtbeachtung durchaus vor. Zu denken wäre auch an eine langfristig akzelerierte Arteriosklerose.

Nach hiesiger Erfahrung wäre sehr wohl eine gesicherte Indikation abzuwägen, jedoch nicht ewig diese anscheinend v.a. industriegetriggerte "Hype" (vgl. "Die Wahrheit über Vitamine"; WDR vom 13.09.2016).

Aufschlussreich:
- Lancet Diabetes Endocrinol 2017; 5: 986–1004 (Review)
- a-t 2010; 41: 127-9: PRÄVENTION MIT HOCHDOSIERTEM VITAMIN D?
Aus eigener Erfahrung zu ergänzen: eine "Blutspiegelmessung" scheint UNZUVERLÄSSIG zu sein, um Intoxikationen rechtzeitig zu erkennen (Emesis bei 40.000 IE/Woche x 6 Monate, somit ca. 6.000 IE tgl., Serumspiegel um 30 ng/ml; empfohlen wurde dagegen eine NOCH höhere Dosierung...; Besserung nach Absetzen).

@gennaro: im Kommentar wurde allerdings sehr deutlich auf diverse Probleme hingewiesen. Und: "Ein solches Ausmaß statistischer Signifikanz habe ich in all meinen Jahren, in denen ich klinische Studien mache, noch nie gesehen." Na ja, SERIÖS klingt für mich anders...

NB behandeln wir u.a. (supportiv) mit hochdosiertem "Fischöl" bei IgA-Nephropathie schon seit langem (Donadio J V et al. (1994) A controlled trial of fish oil in IgA nephropathy. NEJM 331: 1194). Die Verträglichkeit ist, sagen wir mal, "bescheiden" (Abfallprodukt); wenn schon, dann zB Walnüsse oder andere O3-Träger.

Avatar #67593
von Helden
am Donnerstag, 15. November 2018, 21:35

"Wissenschaft ist irgendwas mit Tabellen" -NEIN !

Die Vital-Studie sollte zurückgezogen werden, das fordern internationale Experten. Die Gründe:
1)Unterdosierung ist eine klassische Strategie, um Unwirksamkeit vorzutäuschen.
2) Jeder weiß, dass Vitamin D auch durch Sonnenstrahlen gebildet wird, nur die Studienautoren scheinbar nicht.
3) Wieso wurden die Teilnehmer der Studie nicht im Bezug auf ihren Vitamin-D-Spiegel ausgewertet?
So wäre ein perfektes Kriterium da gewesen, um den Nutzen des besseren Vitamin-D-Spiegels zu erkennen (oder abzulehnen), so wie dies andere Studien bereits gezeigt haben.
Dr. med. Raimund von Helden, Hausarzt, 57368 Lennestadt
Avatar #92280
Gennaro
am Dienstag, 13. November 2018, 11:00

gennaro

als Gegenstück zum Artikel der aktuelle Bericht in Medscape zur REDUCE-IT-Studie:http://click.newsletter.medscapemedizin.de/?qs=9d2817f0000cee00691e84dd5dd6c2cacea8a7efeef8f0bfe2b571de73c72d6a720ac342b50f19aaae50b47118fa4c714b3c44c9638c1f95af639c6cb7d61cc5
Avatar #755210
fi93son
am Montag, 12. November 2018, 20:56

Vitamin D dosierung zu niedrig

die Dosierung ist viel zu niedrig. Einer netter Versuch der Pharmaindustrie die Menschen hinters Licht zu fuehren.
LNS

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