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Ärzteschaft

Künstliche Intelligenz wird Ärzte nicht ersetzen

Freitag, 16. November 2018

/sveta, stock.adobe.com

Berlin – Experten haben betont, dass sich die Rolle des Arztes durch die Digitali­sierung des Gesundheitswesens deutlich wandeln werde. „Die künstliche Intelligenz wird unseren Berufsstand massiv verändern“, prognostizierte der Vorsitzende des Hartmannbundes, Klaus Reinhardt, heute auf der Haupt­ver­samm­lung seines Verbandes in Berlin.

„Die Ärzteschaft wird ihr Wissensmonopol verlieren.“ Er habe jedoch keine Angst, dass der Arzt deshalb überflüssig wird. Denn die individualisierte Anwendung des medizinischen Wissens werde beim Arzt verbleiben. „Der Arzt muss aber seine Kompetenz auch in Zeiten der Digitalisierung unter Beweis stellen und darf nicht sagen: Ich mache da nicht mit“, betonte Reinhardt. 

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Der Wissenschaftsjournalist Boris Hänßler erklärte, dass es heute 325.000 Gesund­heits- und Fitness-Apps auf dem Markt gebe. Die Patienten könnten jedoch nicht einschätzen, ob eine App gut sei oder nicht. Es gebe auch noch zu wenige Studien, die die Qualität von Apps untersuchen.

Hänßler forderte die Ärzteschaft auf, sich besser in den Prozess der Bewertung von Apps einzubringen. In der Zukunft könnten „Ärzte bestimmte Apps empfehlen“, meinte er. „Sie können auf ihre Wirksamkeit oder Nichtwirksamkeit hinweisen.“

Ärzte sollen Qualitätskriterien definieren

Klaus Juffernbruch von der FOM-Hochschule in Düsseldorf rief die Ärzteschaft dazu auf, sich nicht gegen die Digitalisierung zu wehren, sondern sie aktiv mitzugestalten, zum Beispiel durch die Definition von Qualitätskriterien. „Wir sind in Deutschland keine Insel“, sagte er. „Wenn wir hier die Bedürfnisse der Patienten ignorieren, überlassen wir anderen das Feld und haben dann keine Kontrolle mehr über die Qualität digitaler Systeme.“ 

Reinhardt sprach die Sorgen an, die viele Ärzte in Bezug auf die Haftung haben, wenn sie digitale Systeme anwenden – oder wenn sie sie nicht anwenden. „Als Arzt kann man sich auf die Inhalte der elektronischen Patientenakte so wenig verlassen wie auf die Aussagen eines Patienten, der vor einem sitzt“, meinte er.

„Wir wissen doch, dass nicht alles zutrifft, was Patienten uns sagen. Das ist auch legitim. Bei der Digitalisierung leben wir aber in der Vorstellung, dass alles zu 100 Prozent richtig sein muss. Und wir glauben, wenn wir auf der Grundlage digitaler Informationen Fehler begehen, seien wir in einem höheren Maße haftbar. Das ist aber nicht so.“

Reinhardt: Entspannter mit der Digitalisierung umgehen

Er rief dazu auf, pragmatischer und entspannter mit dem Thema Digitalisierung umzugehen. „Wenn ich als Hausarzt zum Beispiel Hinweise auf Arzneimittel­interaktionen durch die moderne Technik erhalte, bin ich doch heilfroh, darauf zurückgreifen zu können“, sagte er. Es gehe ja nicht darum, dass diese Informationen vollständig oder zu 100 Prozent richtig sein müssen. Doch alle Instrumente, die die Patientenversorgung leichter oder besser machten, seien für Ärzte doch hochwill­kommen.

Auch Thomas Lipp aus dem Vorstand des Hartmannbundes bezeichnete digitale Systeme wie Gesundheits-Apps als „gute Diagnosehilfsmittel“ für Ärzte. „Früher habe ich bei meinen Patienten noch Blutdruck gemessen, heute bringen sie mir diese Daten mit“, sagte er. Solche Daten unterstützten die Arbeit des Arztes, sie ersetzten ihn aber nicht. „Zukünftig wird der Arzt sogar noch eine wichtigere Rolle in der Gesundheits­versorgung spielen als heute“, prognostizierte er. „Denn der Arzt muss die ganzen Daten patientenindividuell bewerten.“

Patienten brauchen die Vergewisserung durch den Arzt

„Ärzte haben seit Jahrtausenden Instrumente benutzt, um ihre Patienten zu behandeln“, sagte Hans-Jürgen von Lücken vom Marienkrankenhaus Hamburg. „Digitale Systeme sind solche Instrumente. Wir müssen keine Angst davor haben, durch sie ersetzt zu werden. Stattdessen sollten wir uns für die Möglichkeiten der Digitalisierung öffnen. Dann können wir die Instrumente, die wir benutzen, auch selbst mitbestimmen.“ 

„Wenn es mir schlecht geht, suche ich den Kontakt zu einem Arzt“, sagte Cristina Koehn vom Unternehmen Kry Deutschland. „Das wird keine Maschine und keine künstliche Intelligenz übernehmen können.“ Es gebe mittlerweile zahlreiche Möglichkeiten für Patienten, sich zu orientieren. Doch diese würden alle letztlich keine Diagnose stellen können. „Und ich brauche als Patient schon die Gewissheit zu erfahren: Das ist es jetzt“, meinte sie. „Und dafür suche ich mir als Patient die Vergewisserung durch den Arzt.“

KI als Qualitätsmerkmal einer Behandlung

Koehn zeigte sich überzeugt, dass digitale Systeme die Versorgung aber besser machen könnten. „Wenn mein Kind morgens mit Hautausschlag aufwacht, muss ich wissen, ob ich mit ihm zum Arzt fahren soll oder ob ich es zur Schule schicken kann. Mit einem Video kann man so etwas abklären“, sagte sie. „Ich glaube auch, dass wir die Notfallambulanzen entlasten können, wenn die Patienten mithilfe digitaler Systeme eine Orientierung erhalten, ob sie ins Krankenhaus gehen sollen oder nicht.“

Hänßler meinte, dass künstliche Intelligenz (KI) auch eine Möglichkeit für Ärzte sein könne, sich im Wettbewerb abzuheben. „Chronisch kranke Menschen werden künftig einen Bogen um Praxen machen, in denen diese Technik nicht eingesetzt wird“, meinte er. Auch Reinhardt glaubt, dass die Verwendung von KI-Systemen künftig ein Qualitätsmerkmal für Ärzte werden könnte. „Es könnte passieren, dass unsere Patienten uns eines Tages fragen werden, weshalb wir die Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz nicht genutzt haben, als wir sie hätten nutzen können.“ © fos/aerzteblatt.de

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