NewsPolitikSoziale Ursachen und finanzielle Auswirkungen führen zu Unterschieden in der Lebenserwartung
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Politik

Soziale Ursachen und finanzielle Auswirkungen führen zu Unterschieden in der Lebenserwartung

Dienstag, 20. November 2018

/Rainer Fuhrmann, stockadobecom

Berlin – In Deutschland hängt die durchschnittliche Lebensdauer eines Menschen stark mit seiner wirtschaftlichen und sozialen Lage zusammen. Darauf wies die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina heute mit ihrem Symposium „Gesundheitliche Ungleichheit im Lebenslauf“ in Berlin hin.

Konkret beträgt die Lebenserwartung für neugeborene Jungen inzwischen 78 Jahre und zwei Monate, für Mädchen 83 Jahre und einen Monat. Diese Mittelwerte variieren jedoch deutlich entsprechend des jeweiligen sozioökonomischen Status: Der Unterschied in der Lebenserwartung zwischen ärmeren und reicheren Menschen betrage bei Frauen vier bis sechs Jahre. Männer lebten sogar durchschnittlich acht Jahre länger, wenn sie aus wohlhabenderen Verhältnissen stammten, sagte Johannes Siegrist von der Universität Düsseldorf.

Anzeige

Die Schere zwischen Arm und Reich gehe zudem immer weiter auseinander, betonte Ursula M. Staudinger von der Columbia Universität New York. Auch die Lebenserwartung für wohlhabende Menschen steige stärker als für die ärmeren Menschen. „Wir brauchen eine gesellschaftliche Debatte, da die Thematik an Relevanz gewinnt“, sagte sie in Berlin.

Bereits im Kindesalter werde der Einfluss des sozioökonomischen Status auf die Gesundheit deutlich, erklärte Thomas Lampert vom Robert-Koch-Institut. Noch stärker präge sich dieser soziale Gradient im mittleren Lebensalter aus. Die Unterschiede zwischen Armen und Wohlhabenden fallen dann bei Erkrankungen wie Herzinfarkt, Schlaganfall, Diabetes mellitus auf: Beispielsweise sei das Risiko, an Diabetes mellitus zu erkranken, bei Frauen mit niedrigem sozialen Status vierfach so hoch wie für gleichaltrige Frauen mit höherem sozialen Status.

Risikofaktoren für die Gesundheit seien Bewegungsmangel, Übergewicht und Rauchen, erklärte Lampert. Diese kämen vielen Studien zufolge in Gruppen mit niedrigem Sozialstatus überproportional häufig vor und führten zu früherem Krankheitseintritt, mehr Komorbidität, häufigerer Chronifizierung und schlechterer Krankheits­bewältigung. „Wir brauchen deshalb politikbereichsübergreifende Aktivitäten“, sagte Lampert.

Relevant ist diese Entwicklung auch für die gesetzliche Rentenversicherung, sagte Peter Haan vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Der soziale Gradient und damit die unterschiedliche Lebenserwartung hätten Auswirkungen auf das Rentensystem. Hier käme es mittlerweile zu einer Umverteilung von unten nach oben und damit zu einer Verletzung des Äquivalenzsystems, erläuterte er.

Ärmere Menschen, die über Jahre Beiträge zur Rentenversicherung gezahlt hätten, aber aufgrund einer geringeren Lebenserwartung wenig Rente erhielten, finanzierten quasi die Rente der Wohlhabenderen. „Eine künftige Rentenreform muss das berücksichtigen, denn das Phänomen wird sich vermutlich noch verstärken“, betonte Haan. © ER/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

28. November 2018
Berlin – Das Bundeskabinett hat heute das „Rahmenprogramm Gesundheitsforschung“ verabschiedet. Es soll aufzeigen, auf welchen medizinischen Gebieten großer, bisher nicht gedeckter Bedarf gesehen wird.
Bundeskabinett beschließt Rahmenprogramm Gesundheitsforschung
20. November 2018
Hamburg – Krebs bleibt die Krankheit, vor der die Deutschen am meisten Angst haben. Allerdings fürchtet sich mittlerweile jeder Zweite vor Alzheimer und Demenz, wie eine heute in Hamburg
Mehr Menschen fürchten sich vor Alzheimer
8. November 2018
Berlin – Die Charité – Universitätsmedizin Berlin und die London School of Hygiene & Tropical Medicine (LSHTM) wollen im Bereich der globalen Gesundheit („Global Health“) eng zusammenarbeiten. Die
Team der London School of Hygiene & Tropical Medicine startet an der Charité
24. Oktober 2018
Oberschleißheim – Das deutschlandweit größte Lager für menschliche Bioproben ist heuteh in Oberschleißheim bei München eröffnet worden. Im „Nako Biorepository“ des Helmholtz-Zentrums München werden
Deutschlands größtes Lager für menschliche Bioproben eröffnet
26. September 2018
Berlin – Einkommen, Bildungsstand und Beschäftigung beeinflussen in Deutschland das Krebsrisiko. Nach einer Studie in Frontiers in Oncology (2018; doi: 10.3389/fonc.2018.00402) kommt es in Regionen
Sozioökonomische Unterschiede: Wo Armut in Deutschland Krebs fördert
29. August 2018
München – Wer Urlaub nimmt, kann sein Leben verlängern. Das zeigt eine Studie, die heute im Rahmen des Europäischen Kardiologiekongresses in München vorgelegt wurde. Allerdings sei in der Untersuchung
Studie: Wer länger Urlaub macht, lebt länger
2. August 2018
Hamburg – Die Bundesbürger beurteilen fehlendes Personal als das größte Problem des deutschen Gesundheitssystems. Sechs von zehn Deutschen (61 Prozent) sehen den Mangel an Gesundheitsfachkräften als
LNS
NEWSLETTER