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Ärzteschaft

Sparkurs der Kommunen gefährdet Gesundheitsschutz

Montag, 26. November 2018

/Thomas Schwarz

Dortmund – Mehr als 100 Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (ÖGD) in Nordrhein-Westfalen haben am vergangenen Freitag vor dem Dortmunder Gesundheitsamt für bessere Arbeitsbedingungen in ihren Behörden demonstriert. Sie waren einem Aufruf des Marburger-Bund-Landesverbands Nordrhein-West­falen/Rheinland-Pfalz (MB NRW/RLP), des Bundesverbands der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (BVÖGD) und des Bundesverbands der Zahnärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (BZÖGD) gefolgt.

„In den Gesundheitsämtern wird die Kluft immer größer zwischen unseren Aufgaben und den Menschen, die sie erledigen müssen“, betonte Anne Bunte. „Wir haben bundesweit einen Ärztemangel und ganz besonders merken wir den im öffentlichen Gesundheitsdienst“, sagte die Leitende Ärztin des Kölner Gesundheitsamtes, die auch dem nordrhein-westfälischen Landesverband des BVÖGD und dem MB NRW/RLP angehört.

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Als Grund für den Ärztemangel in den Gesundheitsämtern ist nach Ansicht von Johannes Nießen der Sparkurs der Städte und Kreise verantwortlich. „In den letzten 20 Jahren wurden allein 30 Prozent aller Arztstellen im öffentlichen Gesundheitsdienst gestrichen“, berichtete der stellvertretende Vorsitzende des BVÖGD.

Im Wettbewerb um Ärztenachwuchs „abgehängt“

Außerdem würden Amtsärzte deutlich schlechter bezahlt als Ärzte in den Kliniken oder beim Medizinischen Dienst der Krankenkassen. Ärzte, die von der Klinik ins Gesundheitsamt wechseln, erhielten monatlich ein um 1.000 bis 1.500 Euro niedrigeres Bruttogehalt. „Wenn jemand aus der Klinik ins Gesundheitsamt wechseln möchte, wird er auf das Gehaltsniveau eines Berufsanfängers zurückgestuft“, verdeutlichte Nießen. „Deshalb können wir unsere freien Arztstellen nicht besetzen.“

Vor sechs Jahren hätten die Gesundheitsämter in Deutschland 200 offene Facharztstellen gehabt. „Jetzt sind es noch mehr geworden.“ Die Gesamtzahl der berufstätigen Ärzte in Deutschland steige, die Zahl der Amtsärzte sinke hingegen. „Dies bedeutet für uns als ÖGD, dass wir unseren gesetzlichen Aufgaben nicht mehr gerecht werden können“, ist Nießen überzeugt. Dadurch drohe ein Kollaps der öffentlichen Gesundheitsfürsorge.

„Seit über sieben Jahren treten die Tarifverhandlungen für uns auf der Stelle. Bis heute ist es zu keinem Ergebnis gekommen“, betonte der BVÖGD-Vize. Die Vereinigung kommunaler Arbeitgeberverbände (VKA) habe die Arbeitnehmerseite „hingehalten“ und bisher kein akzeptables Angebot vorgelegt. Damit seien die Gesundheitsämter im Wettbewerb um qualifizierten ärztlichen Nachwuchs „völlig abgehängt“.

Im Tarifbereich bestehe „erheblicher Nachholbedarf“, um ein weiteres Ausbluten des ÖGD zu stoppen. Dabei gehe es den Städten und Gemeinden finanziell gut. Die Amtsärzte fordern daher eine Anpassung ihrer Vergütung auf das Niveau der Klinikärzte.

Amtsärzte bekleiden Schlüsselposition

Rückendeckung erhielten die ÖGD-Ärzte von der Kammerversammlung der Ärzte­kammer Westfalen-Lippe (ÄKWL). Diese verlangte in ihrer Herbstsitzung von den Verantwortlichen in Kommunen, Land und Bund, für eine angemessene Vergütung zu sorgen.

„Wenn der ÖGD kaputtgespart wird, dann wird kein Arzt dort arbeiten wollen, sondern in andere Berufsfelder bis hin zum Medizinischen Dienst der Krankenkassen ein­steigen“, ist ÄKWL-Präsident Theodor Windhorst überzeugt. „Für mich ist es ein Schlag in das Gesicht derjenigen, die sich jeden Tag aufmachen und ihren Weg gehen“, sagte er mit Blick auf die Vergütung der Amtsärzte. Es gehe auch um Wertschätzung, die Vergleichbarkeit der Anerkennung der beruflichen Fähigkeiten und nicht zuletzt um die medizinische Versorgung der Bevölkerung.

Windhorst sieht die Amtsärzte dabei in einer Schlüsselposition. Denn oft seien sie es, die Bewegungsmangel, Fehlernährung und Adipositas bei Kindern erkennen und entsprechende Beratungs- und Therapieangebote vermitteln und die Familien in schwierigen sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen beraten und begleiten.

Unterstützung signalisierte auch der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ). Ärzte in den Gesundheitsämtern hätten „eine wichtige Monitoring-Funktion innerhalb des Gesundheitssystems“, sagte BVKJ-Präsident Thomas Fischbach. Ohne ihren Einsatz seien beispielsweise Massenausbrüche oder andere gefährliche Infektionskrankheiten nicht unter Kontrolle zu bringen. Ärzte im ÖGD müssten analog zu ihren Kollegen beim Medizinischen Dienst der Krankenkassen, bei den Renten­versicherungen, bei den Kran­ken­ver­siche­rungen, in Krankenhäusern und Rehakliniken bezahlt werden. Nur so könne das heute schon dramatische „Ausbluten des ÖGD gestoppt werden“. © may/aerzteblatt.de

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