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Genetisch veränderte Babys: Peking ordnet Untersuchung an

Dienstag, 27. November 2018

IVF In-vitro-Fertilisation Injektion von Spermium in die Eizelle/ dpa
Ein chinesisches Forscherteam soll ungewollt kinderlose Paare für Crispr/Cas9-Versuche angeworben haben, um die Keimbahn vor der künstlichen Befruchtung zu manipulieren. /dpa

Peking – Chinas Regierung hat eine Untersuchung angeordnet, nachdem der chinesischer Wissenschaftler He Jiankui auf Youtube die weltweit erste Geburt genmanipulierter Babys verkündet hatte. Die Lokalregierung der Provinz Guangdong, wo der Forscher nach eigenen Angaben seine Experimente durchgeführt hat, wurde zu einer „unverzüglichen Untersuchung“ aufgefordert. Das teilte die Nationale Gesund­heits­kommission in Peking gestern mit. Der Fall müsse in Übereinstimmung mit den Gesetzen behandelt werden, die auf dem Grundsatz basierten, für die Gesundheit der Menschen Verantwortung zu tragen.

Nachdem sich Hes eigene Universität in Shenzhen bereits gestern in einer Stellungnahme von den Versuchen distanziert hatte, meldet sich jetzt auch die Harmonicare-Frauen- und Kinderklinik in Shenzhen zu Wort. Sie weisen jegliche Beteiligung an dem Experiment zurück. Eine Unterschrift auf einem Dokument, das He in dem Fall die Einhaltung ethischer Standards bescheinige, sei offenbar gefälscht worden, teilte das Krankenhaus auf seiner Website mit. Daher habe es die Polizei eingeschaltet.

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He Jiankui hatte einen weltweiten Aufschrei unter Wissenschaftlern und Ethikern ausgelöst, als er am Sonntag die Geburt der ersten genmanipulierten Babys verkündet hatte. „Zwei wunderschöne kleine chinesische Mädchen namens Lulu und Nana kamen vor einigen Wochen weinend und so gesund wie jedes andere Baby zur Welt“, sagt der Forscher gestern in einem auf Youtube verbreiteten Video.

/youtube, the He Lab

Die an Embryonen vorgenommene Manipulation mit dem noch sehr jungen Verfahren Crispr/Cas9 sollten nach seinen Worten die Kinder resistent gegen HIV zu machen. Eine geprüfte wissenschaftliche Veröffentlichung zu dem Eingriff gibt es nicht. Auch eine Bestätigung durch andere Quellen lag zunächst nicht vor.

„Bei den Experimenten handelt es sich um unverantwortliche Menschenversuche“, betonte Peter Dabrock, Vorsitzender des Deutschen Ethikrats. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt seien solche Ansätze aufs Schärfste zu kritisieren.

Auch von chinesischen Forschern kam massive Kritik: „Direkte Versuche am Menschen können nur als verrückt beschrieben werden“, hieß es in einem gestern veröffentlichten Schreiben, das 122 Forscher unterzeichneten. Die Versuche seien ein „schwerer Schlag für die weltweite Reputation der chinesischen Wissenschaft“.

Die Nachricht der ersten genmanipulierten Babys kommt pünktlich zum heute beginnenden internationalen Gipfeltreffen „Second International Summit on Human Genome Editing“, das kurzfristig von Peking nach Hongkong verlegt worden war.

Beim ersten Ethik-Gipfel 2015 in den USA hatten sich die Wissenschaftler noch eine freiwillige Selbstbeschränkung auferlegt: Grundlagenforschung sollte vorangetrieben, die Keimbahn-Therapie aber – zumindest für mehrere Jahre – geächtet werden.

Seitdem gab es mehrere Berichte über Eingriffe in die menschliche Keimbahn in China, den USA und Großbritannien. Allerdings: Die Embryonen wurden niemals in den Körper einer Frau eingepflanzt, wie es jetzt in China passiert sein soll.

Der zuständige Berichterstatter der SPD-Bundestagsfraktion, René Röspel, erklärte in Berlin, die genmanipulierten Babies Lulu und Nana seien „als Versuchskaninchen benutzt“ worden. Die Manipulation ihres Erbgutes habe „in erster Linie der Sensationslust der Forscher“ gedient.

Die Volksrepublik strebt im Wettstreit mit den USA die weltweite Führungsrolle in der Genforschung an. Nach Angaben der Schweizer Großbank UBS ist China bereits der zweitgrößte Markt für Genom-Verfahren. Sein Umfang von 7,2 Milliarden Yuan (914 Millionen Euro) 2017 dürfte sich der Analyse zufolge bis 2022 nahezu verdreifachen auf 18,3 Milliarden Yuan. © dpa/kna/afp/aerzteblatt.de

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