NewsMedizinAntibiotika­resistenzen: Mund- oder Darmdekonta­mination kann Blutstrominfektionen (außerhalb der Niederlande) nicht verhindern
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Antibiotika­resistenzen: Mund- oder Darmdekonta­mination kann Blutstrominfektionen (außerhalb der Niederlande) nicht verhindern

Mittwoch, 28. November 2018

/dpa

Utrecht – Eine in den Niederlanden häufig praktizierte Dekontamination von Mund­höhle oder Darm hat in einer randomisierten klinischen Studie die Häufigkeit von Blutstrominfektionen bei Risikopatienten auf Intensivstationen mit Resistenz­problemen nicht gesenkt, wie aus einer Publikation im US-amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2018; 320: 2087-2098) hervorgeht.

Viele Blutstrominfektionen auf Intensivstationen werden durch Bakterien aus dem Gastrointestinaltrakt der Patienten ausgelöst. Seit den 1980er Jahren wird deshalb eine selektive Darmdekontamination (SDD) oder eine oropharyngeale Dekontamination” (SOD) als präventive Maßnahme diskutiert.

Anzeige

Zwei in den Niederlanden durchgeführte Studien haben gezeigt, dass SDD und SOD das Sterberisiko von Intensivpatienten senken können (Lancet 2003; 362: 1011-1016 und New England Journal of Medicine 2009; 360: 20-31). In den Niederlanden wird die Behandlung heute auf fast 60 Prozent der Intensivstationen durchgeführt. Außerhalb der Niederlande hat sich die Behandlung bisher nicht durchsetzen können. Viele Intensivmediziner haben Bedenken, dass die „Massenbehandlung“ mit Antibiotika, die für SDD und SOD erforderlich ist, die Häufigkeit von Resistenzen auf ihren Stationen erhöhen und damit mehr Schaden als Nutzen anrichten könnte.

Die RGNOSIS-Studie („Ecological Effects of Decolonisation Strategies in Intensive Care“) hat in den Jahren 2013 bis 2017 in sechs europäischen Ländern (keine deutsche Beteiligung) untersucht, ob das niederländische Modell auf andere Länder übertragbar ist. Für die Studie wurden 13 Intensivstationen ausgewählt, in denen mehr als fünf Prozent der Blutstrominfektionen durch Enterobakterien mit ESBL-Resistenz („Extended-Spectrum-Betalaktamase“) verursacht wurden.

An der Studie nahmen 8.665 maschinell beatmete Patienten teil, deren Extubation nicht vor 24 Stunden erwartet wurde. Sie wurden auf vier Gruppen verteilt. In zwei Gruppen wurde eine SOD oder eine SDD durchgeführt. Die Paste für die Dekonta­mination des Oropharynx und die Suspension für die Darmdekontamination enthielten die Antibiotika Colistin und Tobramycin sowie das Fungistatikum Nystatin.

In den beiden anderen Gruppen wurde entweder eine Spülung der Mundhöhle mit Chlorhexidin (CHX) oder lediglich eine Standardbehandlung ohne Dekontamination und Desinfektion durchgeführt. Auf die in den Niederlanden übliche prophylaktische intravenöse Antibiotika-Prophylaxe mit einem Cephalosporin wurde in allen vier Gruppen verzichtet.

Wie Bastiaan Wittekamp vom Julius Center for Health Sciences and Primary Care der Universität Utrecht und Mitarbeiter berichten, konnten die beiden Dekontamina­tionsmaßnahmen die Rate der auf der Intensivstation erworbenen Blutbahninfektionen mit multiresistenten gram-negativen Bakterien (MDRGNB) nur unwesentlich senken. Dieser primäre Endpunkt trat nach SOD bei 1,5 Prozent der Patienten und nach SDD bei 1,2 Prozent der Patienten auf. In den Kontrollgruppen erlitten 2,1 Prozent eine MDRGNB, nach der CHX-Prophylaxe waren es 1,8 Prozent der Patienten.

Diese geringfügigen Senkungen der MDRGNB um 0,6 Prozentpunkte in der SOD-Gruppe und um 0,8 Prozentpunkte in der SDD-Gruppe waren nicht signifikant. Wittekamp ermittelte adjustierte Hazard Ratios von 0,89 (95-Prozent-Konfidenzintervall 0,55 bis 1,45) für die SOD und von 0,70 (0,43-1,14) für die SDD.

Auch in der 28-Tage-Sterberate war kein wesentlicher Unterschied erkennbar. In der SOD-Gruppe waren 32,4 Prozent und in der SDD-Gruppe 34,1 Prozent der Patienten gestorben. In der Kontrollgruppe waren es 31,9 Prozent und in der CHK-Gruppe 32,9 Prozent. Die adjustierten Odds Ratios betrugen 1,05 (0,85-1,29) für die SOD-Gruppe und 1,03 (0,80-1,32) für die SDD-Gruppe.

Warum funktioniert die Darmdekontamination außerhalb der Niederlande nicht? Wittekamp nennt vier mögliche Gründe. Erstens waren Antibiotika-Resistenzen in den beteiligten Intensivstationen deutlich häufiger als in den Niederlanden. Die Erfolgsrate von SOD und SDD könnte dann insgesamt niedriger sein. Allerdings nahmen keine Zentren aus den Niederlanden teil, um dies zu untersuchen.

Zweitens könnte der Verzicht auf die viertägige intravenöse Antikörperprophylaxe die Erfolgsrate geschmälert haben. Drittens werden SOD und SDD in den Niederlanden bis zur Entlassung aus der Intensivstation fortgesetzt. In der Studie wurde die Dekontamination nach der Extubation abgebrochen.

Einen vierten Unterschied gab es bei der Mundspülung mit Antiseptika. Sie wurde an elf der 13 Zentren der Studie eingesetzt, in den Niederlanden sind sie nicht üblich. Auch bei den generellen Hygienemaßnahmen gibt es laut Wittekamp Unterschiede zwischen den Niederlanden und anderen europäischen Ländern.

Unbeantwortet bleibt die wichtige Frage, ob SOD und SDD auf Dauer zu einem Anstieg der Resistenzen auf den Intensivstationen führen. Die Forscher fanden im Verlauf der Studie keine Hinweise auf einen Anstieg resistenter Erreger in Rektalabstrichen oder in den Atemwegen. Dies schließt allerdings nicht aus, dass sich im Verlauf der Zeit nicht doch resistente Keime auf einer Intensivstation „festsetzen“. Die bisher in den Niederlanden gemachten Erfahrungen sprechen dagegen. Aufgrund des rationalen Einsatzes von Antibiotika sind Resistenzen dort deutlich seltener als in den Nachbarländern. © rme/aerzteblatt.de

Liebe Leserinnen und Leser,

diesen Artikel können Sie mit dem kostenfreien „Mein-DÄ-Zugang“ lesen.

Sind Sie schon registriert, geben Sie einfach Ihre Zugangsdaten ein.

Oder registrieren Sie sich kostenfrei, um exklusiv diesen Beitrag aufzurufen.

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort


Mit der Registrierung in „Mein-DÄ“ profitieren Sie von folgenden Vorteilen:

Newsletter
Kostenfreie Newsletter mit täglichen Nachrichten aus Medizin und Politik oder aus bestimmten Fachgebieten
cme
Nehmen Sie an der zertifizierten Fortbildung teil
Merkfunktion
Erstellen Sie Merklisten mit Nachrichten, Artikeln und Videos
Kommentarfunktion und Foren
Kommentieren Sie Nachrichten, Artikel und Videos, nehmen Sie an Diskussionen in den Foren teil
Job-Mail
Erhalten Sie zu Ihrer Ärztestellen-Suche passende Jobs per E-Mail.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

19. Juni 2019
Berlin – Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) fordert von den Bauern Vorschläge, wie sie auf Reserveantibiotika verzichten können. „Andernfalls werden wir gesetzgeberisch tätig
Bauern sollen Vorschläge zur Reduktion von Reserveantibiotika machen
19. Juni 2019
Dresden – Nach dem Tod eines mit Meningokokken infizierten Mädchens aus einer Dresdner Kita haben die Behörden mit der vorsorglichen Behandlung weiterer Kinder begonnen. 37 Krippenkinder erhielten nun
Dreijährige aus Dresden stirbt an Meningokokken
19. Juni 2019
Genf – Die Antibiotikaresistenz weltweit nimmt nach Angaben der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) alarmierende Ausmaße an. „Die Antibiotikaresistenz droht, 100 Jahre medizinischen Fortschritts
WHO stuft Antibiotika wegen Resistenzen neu ein
17. Juni 2019
Silver Spring/Maryland – In den USA sind zwei unter Immunsuppression stehende Patienten nach einem fäkalen Mikrobiotatransfer (FMT), auch als Stuhltransplantation bekannt, an einer invasiven Infektion
Stuhltransplantation übertrug tödliche Erreger
17. Juni 2019
Madrid – In Spanien haben sich erstmals Menschen in dem Land mit dem Chikungunyavirus angesteckt. In der Urlaubs-Provinz Alicante im Osten des Landes infizierten sich Touristen aus Island mit dem von
Tigermücke überträgt erstmals Chikungunyavirus in Spanien
14. Juni 2019
Madrid – Spanien reagiert mit einer Kondom-Kampagne auf den Anstieg sexuell übertragbarer Krankheiten. Das spanische Ge­sund­heits­mi­nis­terium erklärte gestern, es werde von Montag an Anzeigen und Videos
Spanien ruft wegen sexuell übertragbarer Krankheiten zur Nutzung von Kondomen auf
13. Juni 2019
Berlin – Spezifischer, verträglicher, umweltfreundlicher: Mit dieser Formel kann man der Zunahme antibiotikaresistenter Krankheitserreger begegnen. Darauf hat die israelische Nobelpreisträgerin und
LNS LNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

NEWSLETTER