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Medizin

Klimawandel: Hitzewellen bedrohen vor allem ältere Menschen

Donnerstag, 29. November 2018

/dpa

York – Der Klimawandel hat in den letzten Jahren zu einer Zunahme von Hitzewellen geführt, die vor allem die Gesundheit und das Leben älterer Menschen gefährdet. Laut einem Report im Lancet (2018; doi: 10.1016/ S0140-6736(18)32594-7) waren im letzten Jahr 157 Millionen mehr Menschen Hitzewellen ausgesetzt als im Jahr 2000.

Für das Projekt „The Lancet Countdown: Tracking Progress on Health and Climate Change“ haben Forscher aus weltweit 27 Forschungseinrichtungen Daten zu den Folgen des Klimawandels auf die Gesundheit zusammengetragen. Die weltweite Durchschnittstemperatur ist laut dem Bericht seit dem Referenzzeitraum von 1986 bis 2005 im Durchschnitt um 0,3°C gestiegen. In städtischen Ballungsgebieten fiel die Zunahme stärker aus als auf dem Land. Die Menschheit war deshalb einem Anstieg der Temperatur um 0,8° C ausgesetzt.

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Höhere Temperaturen stellen vor allem für ältere Menschen eine Belastung dar. Das Team um Hilary Graham von der Universität York in England geht deshalb davon aus, dass die Erderwärmung vor allem in Europa und im östlichen Mittelmeerraum zu Problemen führt, da der Anteil der Senioren (über 65 Jahre) an der Bevölkerung hier mit 42 Prozent und 43 Prozent höher ist als in Afrika oder Südostasien, wo der Anteil der Senioren mit 38 Prozent beziehungsweise 34 Prozent niedriger ist.

Im Jahr 2017 waren nach den Berechnungen der Forscher 157 Millionen mehr Menschen einer Hitzewelle ausgesetzt als im Jahr 2000. Pro Person ergibt dies eine Mehrbelastung um 1,4 Tage pro Jahr.

Steigende Temperaturen gefährden auch die Produktivität am Arbeitsplatz. Nach Berechnungen der Forscher gingen im Jahr 2017 153 Milliarden Arbeitsstunden durch Hitzeeinwirkung verloren. Das sei ein Anstieg um 62 Milliarden Stunden gegenüber 2000. Etwa 80 Prozent der Verluste entfielen auf den Agrarsektor (122 Mrd. Stunden), 17,5 Prozent auf den Industriesektor (27 Mrd.) und 2,5 Prozent auf den Dienstleistungssektor (4 Mrd.).

Tropenerkrankungen haben zugenommen

Die Auswirkungen auf die Gesundheit sind nicht leicht zu beziffern. Am ehesten ist dies für tropische Erkrankungen möglich, die durch Insekten übertragen werden. Ein Beispiel ist das Denguefieber. Die Überträger „Vektoren“ sind A. aegypti und A. albopictus: Für A. aegypti ermitteln die Forscher eine Zunahme der „vektoriellen Kapazität“ um 9,1 Prozent seit den 1950er Jahren. Bei A. albopictus habe es einen Anstieg um 11,1 Prozent gegeben.

Eine weitere Folge des Klimawandels seien Ernteausfälle, die rasch zu einer Unterernährung der Bevölkerung führen können: Laut dem Report erleben derzeit 30 Länder einen Rückgang der Ernteerträge. Ein zuvor über Jahrzehnte anhaltender Trend zu besseren Ernten habe sich umgekehrt.

Der Klimawandel wirkt sich auch auf die Weltmeere aus. In 16 von 21 untersuchten Fischereigebieten sei bereits ein Temperaturanstieg in den oberflächlichen Schichten beobachtet worden. Eine Folge ist die Korallenbleiche, die nicht isoliert betrachtet werden könne. Die Forscher befürchten, dass der Rückgang der „marinen Produktivität“ negative Auswirkungen auf den Fischfang haben wird.

Auslöser für Migration

Die Forscher betrachten den Klimawandel auch als einen wichtigen Auslöser für Migrationen. Für Tausende von Menschen sei der Klimawandel sogar der einzige Grund, ihre Heimat zu verlassen, heißt es in dem Report.

Gleichzeitig sehen die Forscher Anzeichen für eine steigende Bereitschaft, die Anforderungen des Klimawandels anzunehmen und die „Resilienz“ zu verbessern, um in Katastrophenfällen rascher reagieren zu können. So hätten in einer WHO-Umfrage („Climate and Health Country Survey“) 39 von 40 Ländern angegeben, sie hätten nationale Strategien oder Pläne, um die Auswirkungen des Klimawandels auf die Gesundheit der Bevölkerung zu begrenzen.

In einer anderen Umfrage unter 478 Städten gaben 65 Prozent an, dass sie derzeit eine Risikobewertung durchführten oder diese bereits abgeschlossen hätten: 51 Prozent dieser Städte hätten erkannt, dass der Klimawandel die Infrastruktur für die öffentliche Gesundheit ernsthaft gefährde. Andererseits fehlt es in vielen Ländern an Kapazitäten, um den durch den Klimawandel bedingten Anforderungen gerecht zu werden. Nach einer 2017 von der WHO durchgeführten Umfrage ist es hier zuletzt sogar zu einem Rückgang der Kapazitäten gekommen.

Ernst genommen wird offenbar die Bedrohung durch vektorübertragene Infektions­krankheiten. Die Forscher konstatieren einen Rückgang der „globalen Vulnerabilität“ um 28 Prozent im Zeitraum von 2010 bis 2016. Positiv vermerkt wird auch, dass in 53 Ländern die nationalen Wetterdienste inzwischen Klimadienstleistungen für den Gesundheitssektor bereitstellen.

© dpa/aerzteblatt.de

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