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Antibiotika­produktion in Deutschland möglich, aber teurer

Donnerstag, 29. November 2018

/Tobias Arhelger, stock.adobe.com

Berlin – Angesichts einer zunehmenden Zahl von Fällen nicht lieferbarer Arzneimittel in Deutschland – insbesondere von Antibiotika – wäre eine Rückverlagerung von Teilen der im nichteuropäischen Ausland stattfindenden Wirkstoffproduktion nach Europa gewünscht und auch grundsätzlich möglich. Zu diesem Fazit kam heute eine Dialogveranstaltung des Verbandes Pro Generika in Berlin.

„Um die Versorgungssicherheit bei Arzneimitteln zu erhöhen, ist eine Stärkung der heimischen Produktion notwendig. Dieser Weg ist hochkomplex und kann nicht von einem Akteur alleine getragen werden“, sagte Wolfgang Späth, Vorstandsvorsitzender Pro Generika und Vorstand Hexal. Auch wenn klar sei, dass „Autarkie“ angesichts der Globalisierung weder sinnvoll noch realistisch sei, wolle man mit der Politik Ansätze diskutieren.

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Hintergrund für die Debatte ist die seit Jahren zunehmende Konzentration der Antibiotikaproduktion außerhalb der Europäischen Union. Viele für die Herstellung von Arzneimitteln notwendigen Wirkstoffe und Vorstufen werden aus Schwellenländern außerhalb der EU importiert, für Antibiotika vor allem aus China.

Dass dies problematisch sein kann, zeigte sich 2017: Es kam zu Engpässen bei der Wirkstoffkombination Piperacillin/Tazobactam, nachdem eine Produktionsstätte in China explodiert war, in der ein großer Teil des weltweit eingesetzten Wirkstoffs beziehungsweise seiner Vorstufen hergestellt wurde.

Die Möglichkeiten, Teile der Antibiotikaproduktion wieder nach Deutschland und Europa zurück zu verlagern, hat jetzt die Unternehmensberatung Roland Berger im Auftrag der Generikaindustrie untersucht. Morris Hosseini, Senior Partner Roland Berger, präsentierte bei der Dialogveranstaltung von Pro Generika die Machbar­keitsstudie zum Thema: „Versorgungssicherheit mit Antibiotika: Wege zur Produktion von Antibiotikawirkstoffen in Deutschland bzw. der EU“. Diese untersucht am Beispiel der Antibiotika drei Modelle, wie die Wirkstoffproduktion wieder in Europa intensiviert werden könnte.

Problematisch sei, dass die Produktion von Antibiotikawirkstoffen in allen drei Szenarien – die auf unterschiedlich hohen Mengenproduktionen basieren – nicht wirtschaftlich sei, sagte Hosseini. Die Gründe dafür seien höhere Personal- und Investionskosten sowie hohe Standards. Für die Produktion von 100 Tonnen Cephalosporin-Wirkstoffen zur Abdeckung des innerdeutschen Verbrauchs müsse man beispielsweise mit 55 Millionen Euro Mehrkosten rechnen, so das Ergebnis der Studie.

Als Lösung für das Dilemma schlägt die Unternehmensberatung eine staatliche Unterstützung vor. Auch diese könnte auf drei Wegen funktionieren: erstens durch staatliche Eingriffe beim Preis, zweitens durch Subventionen oder drittens durch eine Förderung von Herstellern, die Kapazitäten für die Produktion bereitstellen. Sollte man sich für eine Verlagerung der Mehrkosten auf den Preis entscheiden, käme der Studie zufolge auf die Krankenkassen, die jährlich rund 22 Milliarden Euro für Arzneimittel ausgeben, ein Kostenanstieg von 0,25 Prozent zu.

Eine „einfache Zusatzfinanzierung für Antibiotika“ in Deutschland ist für Karl Broich, Präsident des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), jedoch keine zufriedenstellende Lösung. „Wir müssen auch die anderen europäischen Länder mitnehmen, die ebenfalls von Lieferengpässen betroffen sind, sagte er in Berlin. Viele Länder seien an einer Rückführung der Medikamentenproduktion nach Europa interessiert.

Auch Michael Hennrich, Arzneimittelexperte der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, würde eine europäische Lösung favorisieren „Die Wichtigkeit des Themas ist erkannt“, sagte er und versprach, die Diskussion über die möglichen Lösungswege in den 2. Pharmadialog der Bundesregierung aufzunehmen. © ER/aerzteblatt.de

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