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Medizin

Sichelzellanämie: Hydroxyharnstoff auch in Malaria-Gebieten sicher

Montag, 3. Dezember 2018

Blutbild bei Sichelzellanämie /extender 01 stock.adobe.com
Blutbild bei Sichelzellanämie /extender 01 stock.adobe.com

Cincinnati – Der Wirkstoff Hydroxyharnstoff, der in reichen Ländern Patienten mit Sichelzellanämie vor den schmerzhaften und manchmal tödlichen Komplikationen schützt, hat sich jetzt in einer Feldstudie im New England Journal of Medicine (2018; doi: 10.1056/NEJMoa1813598) auch in Afrika als sicher erwiesen. Die befürchtete Steigerung von Infektionen blieb aus.

Etwa 1 % aller Kinder in Afrika südlich der Sahara leidet unter einer Sichelzellanämie. Die Erkrankung ist Folge einer vor etwa 7.500 Jahren entstandenen Mutation. Sie konnte sich in Afrika südlich der Sahara ausbreiten, weil sie den Verlauf einer Malaria-Infektion abschwächt. Dieser Schutz vor einem Malaria-Tod, der häufig in den ersten Lebensjahren eintritt, hat jedoch einen hohen Preis. Die Sichelzellen sind rigide und neigen dazu, kleine Blutgefäße zu verlegen. Bei den regelmäßigen Sichelzellkrisen kommt es zu ischämischen Gewebeschäden, die äußerst schmerzhaft sind und das Leben der Patienten gefährden können. Die Patienten leiden zudem unter Anämien, da die Sichelzellen weniger stabil sind als normale Erythrozyten und nach kurzer Zeit zerfallen.

Seit 2 Jahrzehnten werden Patienten in den USA und in Europa mit Hydroxyharnstoff behandelt. Der Wirkstoff, der als Hydroxyurea auch in der Krebstherapie eingesetzt wird, senkt die Zahl der Sichelzellkrisen. Wie die Wirkung zustande kommt, ist nicht abschließend erforscht. Hydroxyharnstoff stimuliert die Bildung des fetalen Hämo­globins, das nicht von den Mutationen der Sichelzellanämie betroffen ist und die Sichelzellen im Blut zurückdrängt.

Befürchtete Anfälligkeit für Infektionen blieb aus

In Afrika wurde Hydroxyharnstoff bisher nicht eingesetzt. Es wurde befürchtet, dass das Mittel die Anfälligkeit für eine Malaria und andere Infektionen erhöhen könnte. Die jetzt vorliegenden Ergebnisse der REACH-Studie („Realizing Effectiveness across Continents with Hydroxyurea“) können diese Bedenken jetzt entkräften.

An der offenen 1/2-Studie nahmen 606 Kinder unter 10 Jahren aus 4 Zentren in der Demokratischen Republik Kongo, Uganda, Kenia und Angola teil. Alle Kinder wurden mit Hydroxyharnstoff behandelt. Die Tagesdosis betrug in den ersten sechs Monaten 15 bis 20 mg/kg Körpergewicht. Danach wurde sie je nach Verträglichkeit gesteigert.

Wie ein Team um Russell Ware vom Cincinnati Children’s Hospital Medical Center berichtet, war die Akzeptanz der Behandlung hoch: Insgesamt 94,2 % der Patienten nahmen die Medikamente auch nach 3 Jahren noch ein. Die Dosis konnte bei 85 % der Kinder auf im Mittel 22,5 mg/kg erhöht werden. Der Hb-Wert der Kinder konnte von durchschnittlich 7,3 auf 8,3 gesteigert werden. Der Anteil des fetalen Hämoglobins nahm von 10,9 auf 21,2 % zu.

Hydroxyharnstoff reduziert Schmerzattacken um mehr als die Hälfte

Die Behandlung hatte eine deutliche Linderung der Beschwerden zur Folge. Vor der Behandlung war es noch zu 98,3 vaso-okklusiven Schmerzattacken auf 100 Personenjahre gekommen. Unter der Behandlung mit Hydroxyharnstoff waren es mit 44,6 Schmerzattacken auf 100 Personenjahre weniger als halb so viele. Ware ermittelt eine relative Inzidenzrate (IRR) von 0,45, die mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,37 bis 0,56 hoch signifikant war.

Der befürchtete Anstieg der Infektionen blieb aus. Im Gegenteil: Die Häufigkeit von Malaria-Infektionen ging von 46,9 auf 22,9 pro 100 Patientenjahre zurück (IRR 0,49; 0,37-0,66). Auch Nicht-Malaria-Infektionen nahmen von 142,5 auf 90,0 Ereignisse pro 100 Patientenjahre ab (IRR 0,62; 0,53-0,72). Der Bedarf an Bluttransfusionen ging von 43,3 auf 14,2 pro 100 Patientenjahre (IRR 0,33; 0,23-0,47) zurück, und es starben weniger Kinder: Die Behandlung mit Hydroxyharnstoff senkte die Sterberate von 3,6 auf 1,1 Todesfälle pro 100 Patientenjahre IRR 0,30; 0,10-0,88).

Die Bedeutung der Behandlung für die Länder südlich der Sahara kann kaum überschätzt werden. Laut Ware sterben in Afrika 50 bis 90 % aller Kinder mit Sichelzellanämie in den ersten 5 Lebensjahren. In Ressourcen-reichen Ländern wie den USA und Europa, aber auch in der Karibik, überleben dank eines Neugeborenen-Screenings und einer umfassenden Betreuung die meisten Kinder. Dazu gehören neben der Hydroxyharnstoff-Behandlung eine Penicillin-Prophylaxe, Pneumokokken-Impfungen und eine Schulung des Pflegepersonals. Mit einem routinemäßigen transkraniellen Doppler-Screening werden Kinder mit einem erhöhten Schlaganfallrisiko frühzeitig erkannt und durch regelmäßige Erythrozyten-Transfusionen geschützt. © rme/aerzteblatt.de

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