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„Es fehlt ein Bekenntnis der Verantwortlichen zu gemeinsamen Entlastungszielen“

Donnerstag, 6. Dezember 2018

Berlin – Für Bürokratie und Papierarbeit haben niedergelassene Ärztinnen und Ärzte sowie Psychotherapeutinnen und -therapeuten im Jahr 2018 rund 60 Arbeitstage verbracht. Der angestrebte Abbau von Bürokratie in der Arztpraxis lief in den vergangenen Jahren in kleinen Schritten. Nur wenige Formulare konnten abgeschafft oder verkürzt werden. Auch der Nationale Normenkontrollrat, ein unabhängiges Beratungsgremium der Bundesregierung, setzt sich für Bürokratieabbau in der Verwaltung ein. 2015 endete das Projekt „Mehr Zeit für Behandlung“ mit klaren Handlungsempfehlungen an Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und Krankenkassen.

Fünf Fragen an Andrea Wernitz, Leiterin des Projektes „Mehr Zeit für Behandlung“ im Sekretariat des Nationalen Normenkontrollrates (NKR).

DÄ: Der Nationale Normenkontrollrat hat mit dem Abschlussbericht zum Projekt „Mehr Zeit für Behandlung“ vom August 2015 festgestellt, dass im Gesundheits­wesen ein zügiger Bürokratieabbau möglich wäre. Woran scheitert es aus Ihrer Sicht weiterhin?
Andrea Wernitz: Aus meiner Sicht kann man heute nicht mehr von einem „Scheitern“ des Bürokratieabbaus im Gesundheitswesen sprechen. Es passiert bereits einiges. In der Geschäftsordnung des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses ist seit 2012 eine Ex-ante-Schätzung der Bürokratiekosten verankert. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung überprüft, wie sich die Belastungen für Arzt- und Psychotherapeutenpraxen seit 2016 jährlich entwickeln und zieht Konsequenzen daraus. Auch der NKR hat mit seinem Arztpraxenprojekt einen wichtigen Grundstein gelegt. Was im Bereich des Gesundheitswesens nach wie vor fehlt, ist ein übergreifendes Bekenntnis zu gemeinsamen Entlastungszielen und Vereinfachungsmaßnahmen, getragen durch alle Verantwortlichen. Das heißt, nicht nur der Selbstverwaltungsträger, sondern auch der beteiligten rechtsetzenden und -vollziehenden Akteure beim Bund und den Ländern.

DÄ: Sind dies Probleme, die das System der Gesundheitsversorgung in Deutschland in sich trägt, oder haben andere Branchen ähnliche Herausforderungen?
Wernitz: Schwierigkeiten, sich auf gemeinsame Ziele zu verständigen und diese gemeinschaftlich umzusetzen, gibt es auch in anderen Politikbereichen – immer auch dort, wo ebenen- und fachübergreifend zusammengearbeitet werden muss. Im Gesundheitsbereich geht es am Ende aber sehr häufig auch um die Vergütung einer Leistung. Deren Abrechnung muss nachvollziehbar sein. Qualitätsstandards und haftungsrechtliche Fragen kommen hinzu. Die Informationsbedürfnisse der Beteiligten können in diesem Zusammenhang schon einmal unterschiedlich stark sein.

Um gemeinsam bürokratische Hürden zu überwinden, ist es notwendig, sich auf die Sachebene zu begeben. Bei der Durchführung des Arztpraxenprojektes war das eine der anfänglichen Schwierigkeiten. Aber das Projekt hat etwas bewegt, die Verantwortlichen der Selbstverwaltung lassen sich zunehmend stärker darauf ein, gemeinsam Möglichkeiten für Vereinfachungen zu identifizieren und anzugehen. Sowohl auf der Ärzte- und Zahnärzte- als auch auf der Kassenseite. Das zeigt, dass das Thema ernst genommen wird – gerade auch vor dem Hintergrund der Digitalisierung. Denn alles, was wir vereinfachen können, muss nicht aufwendig digitalisiert werden.

DÄ: Apropos Digitalisierung: Wird aus Ihrer Erfahrung die Digitalisierung einer Branche zum Bürokratieabbau beitragen?
Wernitz: Die Digitalisierung kann immer dann zum Bürokratieabbau beitragen, wenn die Prozesse vorher auf ihre Praxistauglichkeit und Vereinfachungspotenziale hin überprüft werden. Dies gelingt nicht, wenn bestehende Verfahren eins zu eins digitalisiert werden. Insofern sollte die Umstellung auf digitale Verfahren auch als Chance wahrgenommen werden, bestehende Strukturen, Prozesse und bestehendes Recht zu hinterfragen. Dazu gehört unter anderem auch zu prüfen, welche Informationen tatsächlich für die Erbringung einer Leistung erforderlich sind beziehungsweise auf welche Informationen auch verzichtet werden kann.

DÄ: Oder wird es möglicherweise eher noch aufwendiger werden, da die Datenerhebung und -verarbeitung nun leichter wird?
Wernitz: Digitalisierung darf nicht dazu führen, Datenfriedhöfe zu schaffen.

DÄ: Welchen Rat können Sie den Verantwortlichen geben, damit der Abbau auch wirklich in den Angriff genommen wird?
Wernitz: Die Verantwortlichen sind grundsätzlich auf einem guten Weg. Erreichtes muss aber auch immer wieder auf den Prüfstand gestellt werden, um entscheiden zu können, ob eine Regelung oder Handlungsanweisung immer noch zeitgemäß beziehungsweise praxistauglich ist. Bürokratieabbau ist und bleibt eine Daueraufgabe. Wichtige Erfolgsfaktoren sind dabei ein klares Bekenntnis zu gemeinsamen Zielen und die Einigung auf wirksame Instrumente, die die Zielerreichung nachvollziehbar, transparent, messbar und somit am Ende auch bilanzierbar machen. Dafür ist es wichtig, klare Regeln für ein frühzeitiges Mitdenken von Folgekosten festzulegen. © bee/aerzteblatt.de

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