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Medizin

Infektionen: ECDC rät zu Screening und Impfung von Migranten

Dienstag, 11. Dezember 2018

/dpa

Stockholm – Viele Migranten kommen aus Ländern, in denen bestimmte Infektions­krankheiten häufiger sind als in Europa. Das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) hat jetzt Empfehlungen herausgegeben, bei welchen Krankheiten ein Screening sinnvoll wäre und von welchen Impfungen die Migranten am meisten profitieren würden.

Die Angst, dass einzelne Migranten Krankheitserreger tragen, die in Europa verheerende Epidemie anstoßen könnten, ist völlig aus der Luft gegriffen. Es gibt aber Krankheiten, die mit den Migranten nach Europa gelangen könnten. Dazu gehört die Tuberkulose. Der Anteil der Migranten unter den diagnostizierten Tuberkulosepatienten ist in Europa innerhalb eines Jahrzehnts von 13,6 auf 32,7 % gestiegen.

In Ländern mit einer niedrigen Inzidenz entfällt laut dem Report bereits jede zweite Erkrankung auf Personen, die im Ausland geboren wurden. Die ECDC rät deshalb, bei Migranten nach der Einreise durch Röntgenuntersuchungen des Thorax nach aktiven Erkrankungen zu suchen. Bei einem Verdacht sollte die Diagnose durch eine Sputumanalyse gesichert und die Betroffenen behandelt werden.

Tuberkulin-Hauttest empfohlen

Die wenigsten mit der Tuberkulose infizierten Migranten haben jedoch bei der Einreise eine aktive Erkrankung, die bei einer Röntgenuntersuchung erkannt werden könnte. Die meisten Erkrankungen treten erst Jahre nach der Einreise auf. Es handelt sich dann um die Reaktivierung einer latenten Infektion. Diese latenten Tuberkulosen sind häufig. In einigen Hochendemie-Ländern sind 22 bis 31 % der Bevölkerung dauerhaft mit M. tuberculosum infiziert, ohne erkrankt zu sein. Die Experten raten deshalb, Menschen aus Ländern, in denen die latente Tuberkulose verbreitet ist, einen Tuberkulin-Hauttest oder einen Interferon-Gamma-Release-Assay (IGRA) anzubieten. Wenn eine latente Tuberkulose festgestellt wird, sollte eine Behandlung erwogen werden.

Auch viele HIV-Infektionen werden aus Hoch-Endemie-Ländern importiert. Obwohl die Zahl der HIV-Diagnosen unter Migranten im letzten Jahrzehnt zurückgegangen ist, entfallen noch immer 40 % der Neudiagnosen auf diese Gruppe (davon 17 % aus afrikanischen Länden südlich der Sahara und 23 % aus anderen Ländern). Aus Sicht der ECDC-Experten erscheint es sinnvoll, Migranten, die vorher in Ländern mit einer hohen HIV-Prävalenz gelebt haben, bei der Einreise zu einem HIV-Test zu raten. Da sich viele dieser Migranten erst nach der Einreise (etwa durch sexuelle Kontakte mit anderen Migranten) infizieren, wäre es wichtig, dass sich sexuell aktive Migranten regelmäßig testen lassen.

Kindern und Jugendlichen Hepatitis-B-Impfung anbieten

Wesentlich häufiger als HIV ist die Hepatitis B. In 5 europäischen Ländern (Bulgarien, Griechenland, Rumänien, Litauen und Slowenien) liegt die Seroprävalenz bei über 2 %. Noch höher ist sie jedoch in vielen Ländern Afrikas und Asiens. Von den 49 Millionen Menschen, die außerhalb Europas geboren wurden, stammt mehr als die Hälfte aus Ländern mit einer mittleren Prävalenz (über 2 % der Bevölkerung) oder hohen Prävalenz (über 5 %). Die ECDC rät allen Menschen aus diesen Ländern, sich auf Hepatitis B (HBsAg und anti-HBc, anti-HBs) testen zu lassen. Allen Kindern und Jugendlichen sollte eine Impfung angeboten werden.

Noch höher ist der Anteil der Migranten, die aus Ländern kommen, in denen die Hepatitis C (HCV) hochendemisch ist. Die ECDC schätzt, dass 2 % aller Migranten aus diesen Ländern mit Hepatitis C infiziert sind. Der Anteil der Migranten an den in Europa lebenden Menschen mit Hepatitis C wird mit 14 % beziffert. Die ECDC rät zu einem Antikörper-Screening bei Migranten, die aus HCV-Endemie-Ländern (Prävalenz 2 % oder höher) kommen. Bei einer aktiven Erkrankung sollte eine Behandlung erwogen werden.

Einige Migranten können auch mit Erregern infiziert sein, die es in Europa nicht oder nicht mehr gibt. Dazu gehören der Zwergfadenwurm Strongyloides stercoralis, mit dem weltweit 370 Millionen Menschen infiziert sind, die meisten davon in Afrika. Auch Schistosoma-Arten, die eine Bilharziose auslösen, sind dort verbreitet. Weltweit sollen mehr als 200 Millionen Menschen infiziert sein. Für beide Erkrankungen gibt es einfache Screeningtests und effektive Behandlungen, die Migranten angeboten werden sollten.

MMR-Impfung ​zählt zu den Prioritäten für die ECDC

Auch Erkrankungen, die sich durch Impfungen verhindern lassen, können durch Migranten nach Europa gelangen – wo sie möglicherweise auf eine durch eine niedrige Impfquote nur unzureichend geschützte Bevölkerung treffen. Zu den Prioritäten zählt für die ECDC eine MMR-Impfung (Masern/Mumps/Röteln), die allen Kindern und Jugendlichen ohne Impfnachweis angeboten werden sollte. Aber auch Impfungen gegen Diphtherie, Tetanus, Pertussis, Polio und HiB werden für Kinder und Jugendliche als sinnvoll betrachtet. Erwachsene Migranten könnten eine erste Serie von Impfstoffen gegen Diphtherie, Tetanus und Polio erhalten. © rme/aerzteblatt.de

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