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Ärzteschaft

Finanzpolster der Krankenkassen lösen Empörung aus

Freitag, 7. Dezember 2018

/Gina Sanders, stockadobecom

Berlin – Mit Empörung haben die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Hessen und auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) auf die weiter gestiegenen Finanzpolster der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) reagiert. Die KV Hessen forderte daher ein Ende der Budgetierung.

„Ein Überschuss von aktuell 21,7 Milliarden Euro bei den gesetzlichen Krankenkassen ist ein Schlag ins Gesicht jedes niedergelassenen Haus- und Facharztes in Hessen, der für seine Arbeit nach wie vor nur anteilig bezahlt wird“, sagten die Vorstands­vorsitzenden der KV Hessen, Frank Dastych und Eckhard Starke. Die Krankenkassen stellten zu wenig Geld zur Verfügung und horten gleichzeitig Beträge in Millionenhöhe.

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Als niedergelassener Facharzt in Hessen müsse man derzeit mit einer Auszahlungs­quote von teilweise nur 75 Prozent leben. Das bedeute, dass 25 Prozent der Leistungen ohne Vergütung erfolgten. Nun sei es an Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU), diesen „untragbaren Zustand“ endlich zu beenden.

Auch KBV-Chef Andreas Gassen hatte gestern betont, die Überschüsse der GKV gehöre in die Versorgung. „Die Kassen horten Milliardensummen, kommen aber für die Behandlung ihrer Versicherten in den Arztpraxen nicht in voller Höhe auf. Damit muss jetzt Schluss sein“, sagte er.

Wenn die Krankenkassen im ersten Schritt zumindest die Grund- und Versicherten­pauschalen in voller Höhe bezahlen würden, wären viele der scheinbaren Probleme vom Tisch, die Spahn mit seinem kleinteiligen und bürokratischen Terminservice- und Versorgungsgesetz lösen wolle. © may/EB/aerzteblatt.de

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Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Samstag, 8. Dezember 2018, 18:07

Lieber Kollege Körner,

Lieber Kollege Körner,
ich danke Ihnen sehr für Ihre kritischen und ausführlichen Ausführungen. Einzelne Klinikabteilungen werden in der Tat auch nach meinen eigenen Beobachtungen kaputt gespart. Das maximalversorgende Klinikzentrum (KLIDO) in Dortmund mit knapp 3.000 Betten hatte jahrzehntelang rote Zahlen geschrieben, aber jetzt einen ausgeglichenen Haushalt: Doch insgesamt viel zu wenig Personal, keine Kapazitätsreserven für Notfälle, Großschaden-Ereignisse, Epidemien z.B. in der Kinderklinik (KCH-Kinderchirurgie und Gesamte Pädiatrie) oder in der Infektiologie. Das bauliche, logistische und technische Erscheinungsbild zeugt von einem gigantischen Investitionsstau.

Aber die klinische Behandlung ist immer noch eine unverhältnismäßig teuer zu bezahlende Ausnahmesituation im biografischen Erleben unserer Patientinnen und Patienten. Weit über 95 Prozent der medizinischen Untersuchung, Beratung, (Differenzial-)Diagnose, Therapie, Intervention, Versorgung, Krankheitsbewältigung, Prävention und Palliation findet im dafür deutlich unterbezahlten ambulanten Bereich statt.

"Über die durchschnittliche Entwicklung der Tarifverdienste informiert der Tarifindex, der neben den wichtigsten Flächentarifverträgen auch Firmentarifverträge sowie angewandte Tarifverträge aus anderen Branchen berücksichtigt. Im Gesundheitswesen stiegen die tarifichen Monatsgehälter einschließlich Sonderzahlungen von 2015 bis 2017 um 5,8%. Sie lagen damit über der Entwicklung der Tarifverdienste insgesamt (+ 4,7%). Die Verbraucherpreise stiegen im gleichen Zeitraum um 2,2%." www.destatis.de/tarifdatenbank

Im gleichen Zeitraum 2015-2017 stieg der Orientierungswert:
- ab 1. Januar 2015 von 10,271 Cent, 
- ab 1. Januar um 1,6 Prozent auf 10,4361 Cent,
- ab 1. Januar 2017 für alle Leistungen um 0,9 Prozent auf 10,5300 Cent.
"Der Orientierungswert bestimmt neben der Punktzahl maßgeblich die Höhe des Preises einer Leistung. Er berücksichtigt die Investitions- und Betriebskosten einer Praxis. KBV und GKV-Spitzenverband sind laut Gesetz verpflichtet, jährlich über die Anpassung des Orientierungswertes zu verhandeln." Quelle http://www.kbv.de/html/2054.php

Bei den Gesamtausgaben der GKV (Darstellung: GKV-Spitzenverband; Quelle: Amtliche Statistik KJ 1) liegen die einzelnen Kostenblöcke in Prozent bei: 
Arzneimittel 17,31 %
Hilfsmittel 3,70 %
Heilmittel 3,10 %
ambulante Ärztliche Behandlung 17,49 % - Nicht berücksichtigt wurden die gezahlten Beträge für Früherkennung, Impfungen, ehemals Sonstige Hilfen und Dialyse-Sachkosten
Sonstiges 1,65 %
Behandlungspfege und Häusliche Krankenpfege 2,79 %
Vorsorge- und Rehabilitationsleistungen 1,59 %
Schwangerschaft/Mutterschaft 0,65 % ohne stationäre Entbindung
Zahnärztliche Behandlung (ohne Zahnersatz) 4,95 %
Zahnersatz 1,51 %
Fahrkosten 2,53 %
Krankengeld 5,64 %
Krankenhausbehandlung 34,38 %
Früherkennungsmaßnahmen 1,06 % Dialyse 1,00 %
Schutzimpfungen 0,64 %
https://www.gkv-spitzenverband.de/media/grafiken/gkv_kennzahlen/kennzahlen_gkv_2018_q2/300dpi_16/GKV-Kennzahlen_Leistungsbereiche_Prozent_2017.jpg

Ausgaben für die stationären Krankenhausbehandlungen in Höhe von 34,38 % stehen also Ausgaben für ambulante Ärztliche Behandlungen in Höhe von nur 17,49 % gegenüber.

Auf diesen/s Missstand/Missverhältnis wollte ich hinweisen.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund (z.Zt. St. Moritz/CH)
Avatar #715079
mhfk
am Samstag, 8. Dezember 2018, 13:48

An Dr. Schaetzler

"während in allen stationären Klinikbereichen bzw. bei innovativen Medikamenten die Versicherten-Beiträge mit vollen Händen ausgegeben werden"

Sehr geehrter Herr Kollege,
ich weiß ja nicht, welche stationären Klinikbereiche sie in letzter Zeit besucht haben, aber vielleicht unterliegen Sie hier einen sampling-error, denn aus eigener Erfahrung als Arzt in der Klinik (Innere Medizin) kann ich nur sagen, dass ich mir nicht vorstellen kann, wie wir mit noch weniger Mitteln die Versorgung der Bevölkerung auf einem verantwortungsvollen Maß halten sollen. Teilweise kritische Personalknappheit bei Ärzten und Pflegern, Investitionsstau bei Gebäuden und technischer Ausrüstung, Reduktion der Weiterbildung auf ein Mindestmaß, teilweise sogar darunter, um nur ein paar der Probleme zu benennen. Vielleicht mag Ihr pauschalisierter Rundumschlag für einzelne Bereich der Krankenhausversorgung noch stimmen (würde mich ehrlich gesagt wundern), spätestens bei der Grundversorgung der alternden und zunehmend gebrechlicheren Bevölkerung, bei der überwiegend kein Geld mehr herauszuquetschen ist, kann man diese aber nicht mehr akzeptieren.

Mit freundlichen Grüßen,
Mathias Körner
Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Freitag, 7. Dezember 2018, 20:33

GKV-Gesamtüberschuss beträgt über 30 Milliarden!

„Ein Überschuss von aktuell 21,7 Milliarden Euro bei den gesetzlichen Krankenkassen ist ein Schlag ins Gesicht jedes niedergelassenen Haus- und Facharztes in Hessen, der für seine Arbeit nach wie vor nur anteilig bezahlt wird“, sagten die Vorstands­vorsitzenden der KV Hessen, Frank Dastych und Eckhard Starke. Die Krankenkassen stellten zu wenig Geld zur Verfügung und horten gleichzeitig Beträge in Millionenhöhe."

Dabei übersehen die hessischen Kollegen die Gesundheitsfonds Rücklagen aus dem staatlichen Gesundheitsfonds in Höhe von 9 Milliarden Euro. Bereits im 1. Quartal 2018 berichteten FAZ und n-tv von Milliarden-Reserven aus dem Gesundheitsfonds:

Einem "FAZ"-Bericht zufolge, so der Nachrichten-Sender n-tv am 22.02.2018 unter
https://www.n-tv.de/wirtschaft/Kassen-erwirtschaften-Milliarden-Uberschuss-article20301349.html
"würden die Rücklagen und Reserven der 110 gesetzlichen Kassen mit dem neuen Überschuss auf 19 Milliarden Euro steigen. Diesen bezifferte das Blatt unter Berufung auf eigene Berechnungen auf 3,1 Milliarden Euro. Zusammen mit den von Fachleuten auf neun Milliarden Euro kalkulierten Rücklagen im staatlichen Gesundheitsfonds ergebe sich damit eine Gesamtreserve im Gesundheitssystem von 28 Milliarden Euro."

Wenn aktuell "Betriebsmittel und Rücklagen der Gesetzlichen Krankenkassen der GKV nach BMG-Angaben bis Ende September 2018 auf einen Wert von rund 21 Milliarden Euro gestiegen sind", wie die Ärzte-Zeitung berichtete,  verschweigt offensichtlich vorsätzlich das Bundesministerium für Gesundheit die zusätzlichen Geldreserven von "auf neun Milliarden Euro kalkulierten Rücklagen im staatlichen Gesundheitsfonds". Das sind dann zusammen nicht 21 Milliarden, sondern 30 Milliarden Euro, die m.E. völlig unberechtigt auf dem Boden von willkürlichen Leistungskürzungen der Kassen angehäuft wurden.

Es verdichtet sich der Eindruck, dass hier seit Jahren auf dem Rücken von ambulant tätigen Vertragsärztinnen und Vertragsärzten bzw. unseren Patientinnen und Patienten krank und kaputt gespart wird, während in allen stationären Klinikbereichen bzw. bei innovativen Medikamenten die Versicherten-Beiträge mit vollen Händen ausgegeben werden.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund (z.Zt. St. Moritz/CH)
LNS

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