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Vermischtes

Medizin-Nobelpreis­trägerin für sachliche Debatte über Genschere

Montag, 10. Dezember 2018

/natali_mis, stock.adobe.com

Frankfurt am Main – Bei der Debatte über mutmaßliche Genmanipulationen an Babys in China wünscht sich die deutsche Medizin-Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard mehr Sachlichkeit. In einem Gastbeitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung warnte die Biologin vor überzogenen Erwartungen an die Einsatzmög­lichkeiten der Genschere. Zugleich verweist sie Befürchtungen, wonach Wissenschaftler die Züchtung der Menschheit selbst in die Hand nehmen könnten, ins „Reich der Utopie“.

Internationale Gemeinschaft muss Standards festlegen

Gleichwohl seien, so Nüsslein-Volhard weiter, Standards für die künftige Forschung notwendig. „Hier darf nicht die Entscheidung des Einzelnen, sondern nur die der internationalen Gemeinschaft der Wissenschaftler gelten.“ 

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Ende November hatte der chinesische Forscher He Jiankui weltweit für Schlagzeilen gesorgt, als er erklärte, das Erbgut bei einem Zwillingspaar verändert zu haben, um die beiden Mädchen gegen HIV immun zu machen. Viele Wissenschaftler äußerten sich kritisch; die Kirchen warnten vor unkalkulierbaren Folgen durch Eingriffe ins Erbgut.

Nüsslein-Volhard bezeichnete das Vorgehen als naiv und schreibt von einem schlechten Versuch. „Ob der Eingriff wirklich zu einer erhöhten Resistenz der beiden Mädchen gegen HIV-Infektionen führen wird, das wird hoffentlich nie einem Test unterzogen werden. Und ob er geschadet oder genützt hat, wird nicht festzustellen sein, weil man nicht weiß, wie die Mädchen sich sonst entwickelt hätten.“

Bei der CRISPR-Methode gebe es noch viele Fragezeichen, betont die Biologin. Das habe vor allem damit zu tun, „dass man von keinem Gen des Menschen genau weiß, was es alles bewirkt“. So werde der Intelligenzquotient durch Genvarianten in mehr als 100 Genen beeinflusst.

„Und es gibt nicht nur ein Gen für Musikalität, eine lange Nase oder blonde Haare, nein, viele Gene bedingen diese Eigenschaften.“ Schon allein aus diesem Grunde sei es vermessen, die Menschen durch Genomeditierung „besser, größer, klüger oder schöner“ zu machen.

Einige wenige Erbkrankheiten könnten geheilt werden

Anders sehe es bei der somatischen Gentherapie von Erbkrankheiten aus, erläutert die Medizin-Nobelpreisträgerin. Dabei würden zunächst körpereigene Zellen des Patienten in Kultur vermehrt und die nach einer „Reparatur“ durch Genomeditierung veränderten Zellen in einem geeigneten Verfahren angereichert und zurück in den Körper transplantiert. „Einige wenige Erbkrankheiten könnten sich damit heilen oder zumindest lindern lassen.“

Grundsätzlich bedürfe es einer transparenten Forschung, die durch Experten aus verschiedensten Disziplinen begleitet werden müsse, fordert Nüsslein-Volhard. „Kein einzelner Wissenschaftler kann gleichzeitig Embryologe, Experte im Genediting, in Virologie und klinischer Medizin sein und noch dazu die Umstände und Bedürfnisse seiner Patienten in vollem Umfang einschätzen.“ © kna/aerzteblatt.de

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