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Medizin

Antipsychotika können bei Kindern zu unerwarteten Todesfällen führen

Freitag, 14. Dezember 2018

/White bear studio, stockadobecom

Nashville/Tennessee – Der „Off-Label“-Einsatz von Antipsychotika bei Kindern und Jugendlichen ist offenbar nicht ohne Risiken. Eine Kohortenstudie dokumentiert in JAMA Psychiatry (2018; doi: 10.1001/ jamapsychiatry.2018.3421) ein erhöhtes Sterberisiko.

Ihre vermeintlich gute Verträglichkeit hat dazu geführt, dass atypische Antipsychotika nicht nur in den zugelassenen Indikationen, der Schizophrenie und andern Psychosen, verordnet werden. Ein „Off-Label“-Einsatz ist häufig. Risperidon, Quetiapin, Aripiprazol und Olanzapin werden zunehmend auch Kindern und Jugendlichen verordnet, weil sie bei der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) und anderen Verhaltens­auffälligkeiten eine beruhigende Wirkung haben. In den USA wurden 2010 mehr als 1,3 Millionen Patienten im Alter unter 24 Jahren mit atypischen Anti­psychotika behandelt.

In den letzten Jahren wurde erkannt, dass die Einahme von Antipsychotika mit kardiovaskulären und metabolischen Risiken verbunden ist. Bei Demenzpatienten kommt es zu einem Anstieg von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und zu Todesfällen. Besonders hoch ist das Risiko nach Beginn der Behandlung.

Für Wayne Ray von der Vanderbilt University School of Medicine in Nashville stellte sich die Frage, ob der Einsatz bei Kindern und Jugendlichen sicherer ist. Der Forscher hat hierzu die Daten von Medicaid, der staatlichen Kran­ken­ver­siche­rung für sozial Bedürftige, im Staat Tennessee ausgewertet. Ray stellte 189.361 Kinder, die mit ADHS-Medikamenten (meist Psychostimulanzien), Antidepressiva oder Stimmungs­stabilisierern behandelt wurden, einer Gruppe von 58.497 Kindern und Jugendlichen (bis 24 Jahre) gegenüber, denen Antipsychotika verordnet wurden. Darunter waren 30.120 Kinder und Jugendliche, die hoch dosiert mit mehr als 50 mg Chlorpromazin-Äquivalenten behandelt wurden.

Endpunkt der Studie war die Zahl der Todesfälle nach dem Beginn der Verordnung. In der Kontrollgruppe starben 67 Kinder, was eine Sterberate von 54,5 auf 100.000 Personenjahre ergibt. Bei den Kindern, die niedrig dosiert mit Antipsychotika behandelt worden waren, traten 8 Todesfälle auf oder 49,5 auf 100.000 Personenjahre. Bei den Kindern, die hoch dosiert mit Antipsychotika behandelt wurden, kam es zu 40 Todesfällen oder 146,2 auf 100.000 Personenjahre, was einen deutlichen Anstieg gegenüber den anderen beiden Gruppen bedeutet.

Der Unterschied war vor allem auf eine erhöhte Zahl von unerwarteten Todesfällen zurückzuführen: Die Inzidenz betrug bei den Kindern, die hoch dosiert mit Antipsycho­tika behandelt wurden, 76,8 pro 100.000 Personenjahre gegenüber 17,9 pro 100.000 Personenjahre in der Kontrollgruppe.

In einer Propensity-Analyse, die nur Kinder mit gleichen Eigenschaften vergleicht, ermittelte Ray eine Hazard Ratio von 1,80, die mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 1,06 bis 3,07 statistisch signifikant war. 

Noch deutlicher war der Unterschied bei den unerwarteten Todesfällen. Ray ermittelte hier eine Hazard Ratio von 3,51 (1,54-7,96). Auch die Zahl von Herz-Kreislauf-Todesfällen war mit einer Hazard Ratio von 4,29 (1,33-13,89) nach der Verordnung von hoch dosierten Antipsychotika deutlich erhöht. Todesfälle durch Verletzung oder Suizide traten dagegen nicht häufiger auf (Hazard Ratio 1,03; 0,53-2,01).

Für die Gruppe der Kinder und Jugendlichen, die mit der niedrigen Dosierung behandelt wurden, konnte Ray kein signifikant erhöhtes Sterberisiko nachweisen. Die Zahl der Todesfälle war hier allerdings sehr gering.

Die Antipsychotika wurden zu 71,4 % wegen einer ADHS oder zur Behandlung von Verhaltensstörungen und einer erhöhten Impulsivität der Kinder oder Jugendlichen eingesetzt. © rme/aerzteblatt.de

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