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Politik

„Mediziner sollten sich aktiv für Frieden einsetzen“

Freitag, 28. Dezember 2018

Berlin – Einige deutsche Ärztinnen und Ärzte waren Anfang Dezember bei einer internationalen Konferenz zur Frage von Frieden und Gesundheit im Iran dabei. Gegenseitiges Kennenlernen der europäischen Mediziner mit den Kollegen aus den arabischen Ländern stand dabei im Mittelpunkt. Aber auch die Erkenntnis, dass ähnliche gesundheitliche Probleme in vielen Ländern vorkommen und sie oft nur global gelöst werden können.

Fünf Fragen an Katja Goebbels, Ärtzin und MSc International Health, Mitglied der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW).

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DÄ: Frau Goebbels, Sie waren vor einigen Wochen bei der International Conference on Health for Peace in Shiraz im Iran. Wie kann man sich den Ablauf dieser Konferenz vorstellen?
Katja Goebbels: Die Konferenz fand über drei Tage an einem universitären Zentrum in Shiraz mit rund 100 Teilnehmern statt. Der Ablauf war in thematischen Podien organisiert mit je fünf bis sechs Vortragenden, die unter dem großen Thema „Gesundheit und Frieden“ spezifische Aspekte referierten. Vorträge gab es beispielsweise zu Epidemiologie, mentaler Gesundheit oder auch zur Sichtweise der Nichtregierungsorganisationen, zu der ich auch gesprochen habe. Leider war die Konferenz wenig interaktiv gestaltet, nur ein paar Fragen waren am Ende jedes Podiums zugelassen.

DÄ: Welche Ergebnisse von der Konferenz bringen Sie mit und welche Einflüsse hatte der internationale Austausch auf die Teilnehmer aus dem In- und Ausland?
Goebbels: Für mich persönlich war die Möglichkeit besonders wertvoll, den kostenlosen Online-Bildungskurs Medical Peace Work vorzustellen. Dieser enthält theoretische und praktische Anleitungen für Mediziner, die sich für Krieg und Frieden interessieren. Das Interesse daran war groß. Es wird sich aber zeigen, ob Studierende oder Ärzte aus dem Iran den Kurs wirklich absolvieren.

Die Gesamtkonferenz hat ein Abschlussdokument verfasst, das relativ unkonkret gehalten ist, sich aber für die Fortführung solcher Treffen und eine Verankerung der Themen „Frieden, Krieg und Gesundheit“ in der Ausbildung von Studierenden in Gesundheitsberufen ausspricht. Die internationalen Gäste wurden privilegiert behandelt. Wir Internationalen haben uns in den Präsentationen mehrfach ergänzt, ohne uns vorher abgesprochen zu haben, was besonders für uns Europäer zutraf und ungeplant ein recht einheitliches europäisches Bild präsentierte. Für die lokalen Teilnehmer war es attraktiv, mit uns Internationalen in Austausch zu gehen und wir führten viele Einzelgespräche.

DÄ: Wie kann Gesundheit der Menschen oder eine gute Gesundheitsversorgung aus Ihrer Sicht zum Frieden in der Region beitragen und diesen erhalten?
Goebbels: Frieden und Gesundheit stehen in engem Zusammenhang, was in gewaltsam ausgetragenen Konflikten schnell sichtbar wird. Aber auch strukturelle Gewalt, wie die Sanktionen gegen den Iran, hat gesundheitliche Auswirkungen, zum Beispiel wenn Menschen aufgrund der wirtschaftlichen Lage nicht mehr in der Lage sind, Zuzahlungen zu leisten oder Medikamente knapp werden. Mitarbeiter im Gesundheitssystem sollten auf diese Folgen aufmerksam machen, auch um Politik zu beeinflussen.

Konkret können Projekte zur Versorgung der Bevölkerung und den Geflüchteten (im Falle Irans den afghanischen Geflüchteten) zur Entspannung einer Situation beitragen, wenn Hilfe unabhängig von Nationalität, ethnischer Zugehörigkeit oder religiöser Gesinnung geleistet wird und als neutral empfunden wird. Ein solches Projekt, das besonders mit geflüchteten Afghaninnen arbeitet, wurde auf der Konferenz vorgestellt.

Generell sollte aber auch die andere Richtung bedacht werden, also „Gesundheit durch Frieden“, dass nämlich Frieden die Grundvoraussetzung für eine vollständige Gesundheit ist. Es ist zwar auch möglich, dass Gesundheitsprojekte zu Frieden beitragen. Das gelingt aber meist nur kurzfristig oder ist weniger nachhaltig, wie zum Beispiel Waffenstillstände für Impfaktionen. Daher plädiere ich dafür, dass sich Mediziner auch aktiv für Frieden einsetzen und auf Missstände durch Konflikte, Gewalt und Kriege aufmerksam machen.

DÄ: Wie bewerten die Ärztinnen und Ärzte vor Ort die Gesundheit der Bevölkerung? Besonders in dem Spannungsfeld zwischen westlicher und sehr religiöser Lebensweise?
Goebbels: Allgemein kann ich das nicht beantworten. Bei einem Abendessen schilderten zwei iranische Psychiater aber sehr eindrucksvoll, dass eines der Hauptprobleme der jüngeren Generation eine Identitätskrise sei. Sie fühlten sich zwischen der traditionellen und der westlichen Lebensweise, wie sie auch über Instagram und andere soziale Medien transportiert wird, hin- und hergerissen.

Unter der älteren Bevölkerung scheint Einsamkeit und Isolation zu einem immer größeren Problem zu werden, da die traditionellen Familienstrukturen aufbrechen und die Jüngeren studieren und arbeiten wollen, statt sich in den Dörfern um ihre Eltern zu kümmern. Strukturen wie Altenheime oder ambulante Pflege bei uns gibt es aber noch kaum. Diese Probleme sind unseren so ähnlich, dass mir klar wurde, wie sehr wir in dieser globalisierten Welt unsere Probleme teilen, mit unterschiedlichen nationalen Einfärbungen vielleicht. Und dass wir sie nur global werden lösen können.

DÄ: Wie schätzen Sie die Lage in dem Land für Ärzte ein – von der Freiheit der Berufsausübung her sowie den wirtschaftlichen Perspektiven?
Goebbels: Ärztinnen und Ärzte sind privilegiert und hoch angesehen, das wurde mir in Einzelgesprächen gesagt. Sie verdienen recht gut und sind nur am Rande von den Sanktionen betroffen. Die meisten sagten, dass es ihnen gut gehe und sie sich lediglich in Luxusgütern und Reisen einschränken müssten. Doch ihren Patienten – besonders aus niedrigeren sozialen Schichten – ergehe es schlechter. Insgesamt war es schwierig mehr über die konkreten Folgen der Sanktionen zu erfahren. Vielleicht waren einige auch einfach vorsichtig im Gespräch mit uns. Viele der Studierenden planen dennoch, ihr Studium in Europa fortzusetzen oder in Deutschland zu arbeiten, weil sie sich davon bessere Arbeits- und Lebensbedingungen versprechen. © bee/aerzteblatt.de

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Avatar #757131
Jonathan Lark
am Samstag, 29. Dezember 2018, 08:57

Reisen in den Iran

sind sehr verführerisch. Einerseits ist eine Kontaktmöglichkeit in das Land, die Gelegenheit Eindrücke zu sammeln und das Interesse an eigenen Forschungen und medizinischen Analyse- und Heilverfahren
zu sehen, willkommen, doch vergessen wir nicht, dass das Regime eine recht faschistisch orientierte Diktatur ist. Andererseits kann man sich fragen inwiefern das Regime solche Veranstaltungen nutzt, um die eigene Brutalität zu verdecken und sich der Bevölkerung und dem Ausland gegenüber in schönerem Licht zu zeigen. Iran hat ein Interesse massive Menschenrechtsverletzungen durch die Pasdaran aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit zu tilgen. Auch wenn es politisch nicht opportun ist, aber bei Iran würde ich schon auch eine Frage und eine Aussage erwarten, wie sich physische Folter und psychischer Druck durch Justiz, vielfältige Geheimdienste und Revolutionsgarden auf Gesundheit und Frieden auswirken. Danke.
LNS

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