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Medizin

Beckenbodenstörungen nach Kaiserschnitt seltener

Mittwoch, 19. Dezember 2018

/dpa

Baltimore – Frauen, die per Kaiserschnitt entbunden wurden, leiden in den Folgejahren seltener unter Störungen des Beckenbodens, die von Stressinkontinenz bis zum Uterusprolaps reichen. Zu diesem Ergebnis kommt eine prospektive Beobachtungsstudie im amerikanischen Ärzteblatt JAMA (2018; 320: 2438-2447).

Beckenbodenstörungen wie Stressinkontinenz, Reizblase, Stuhlinkontinenz oder Uterusprolaps sind bei Frauen häufig, und Geburten gelten als ein wichtiger Risikofaktor. Kaiserschnitte, die mit zahlreichen anderen Risiken für Mutter und Kind verbunden sind, könnten das Risiko senken, da den Gebärenden die Dehnung des Geburtskanals erspart bleibt, die zu Verletzungen des Beckenbodens führen kann.

Ein Team um Victoria Handa vom Johns Hopkins Bayview Medical Center in Baltimore hat jetzt den Einfluss von vaginalen Geburten, vaginal-operativen Geburten (Zange, Saugglocke) und Kaiserschnitten verglichen. Grundlage bildet die MOAD-Studie („Mothers’ Outcomes After Delivery“), die 1.528 Frauen über mehrere Jahre begleitet hat. Die Geburten lagen bei den Frauen am Ende der Studie zwischen 9 und 14 Jahren zurück, was die Kalkulation von 15-Jahres-Inzidenzen ermöglichte (der letzte Wert durch statistische Extrapolation).

In den ersten 15 Jahren nach einer vaginalen Geburt kam es bei 34,3 % der Frauen zu einer Stressinkontinenz (SUI), bei 21,8 % zu einer Reizblase („overactive bladder“ OAB), bei 30,6 % zu einer Stuhlinkontinenz („anal incontinence“ AI) und bei 30,0 % zu einem Uterusprolaps („pelvic organ prolapse“ POP).

Die entsprechenden 15-Jahres-Inzidenzen nach einem Kaiserschnitt betrugen 17,5 % (SUI), 14,6 % (OAB), 25,8 % (AI) und 9,4 % (POP). 15 Jahre nach einer vaginal-operativen Geburt lag bei 38,2 % eine SUI, bei 31,8 % eine OAB, bei 37,8 % eine AI und bei 44,9 % eine POP vor.

3 der 4 Beckenbodenstörungen traten nach dem Kaiserschnitt signifikant seltener auf als nach einer vaginalen Geburt. Handa ermittelt für die Stressinkontinenz eine adjustierte Hazard Ratio (aHR) von 0,46 (95-%-Konfidenzintervall 0,32-0,67). Für die Reizblase betrug die aHR 0,51 (0,34-0,76) und für den Uterusprolaps 0,28 (0,19 bis 0,42). Stuhlinkontinenzen traten nach Kaiserschnitt nicht signifikant seltener auf.

Bei den vaginal-operativen Geburten gab es keine Unterschiede zur vaginalen Geburt mit der Ausnahme des Uterusprolaps, der mit einer aHR von 1,88 (1,28-2,78) signifikant häufiger auftrat – was für ein erhöhtes Risiko auf eine Beschädigung durch Zange oder Saugglocke hinweist.

Neben der Art der Geburt gibt es weitere Einflussfaktoren. So erkrankten Afro­amerikanerinnen seltener an einer Stuhlinkontinenz (aHR 0,42), während bei adipösen Frauen die Risiken auf Stressinkontinenz (aHR 1,97) und Stuhlinkontinenz (aHR 2,24) erhöht waren. Die Zahl der Geburten beeinflusste vor allem das Risiko auf einen Uterusprolaps, der nach 3 Geburten doppelt so häufig war wie nach einer Geburt (aHR 2,08).

Ein weiterer Einflussfaktor war die Größe des Hiatus genitalis. Anatomisch handelt es sich um die „Lücke“ im Beckenboden, die durch die beiden Levatorschenkel gebildet wird (auch Hiatus genitalis genannt) und den Durchtritt für Scheide und Harnröhre ermöglicht. In der Studie wurde der Hiatus genitalis regelmäßig als Distanz zwischen Harnröhrenaustritt und hinterer Scheidenbegrenzung (auf Höhe des Hymen) gemessen.

Gegenüber dem „Normalwert“ von 2 cm war eine Länge des Hiatus genitalis von 3 cm mit einem 3-fach erhöhten Risiko auf einen Uterusprolaps verbunden (aHR 3,0; 1,7-5,3). Bei einer Distanz von mehr als 3,5 cm kam es sogar 9-fach häufiger zu einem Uterusprolaps (aHR 9,0; 5,5-14,8).

Handa vermutet, dass die Vergrößerung des Hiatus genitalis nicht die Ursache, sondern eher Folge eines sich abzeichnenden Uterusprolaps ist. Die Bestimmung der Distanz könnte deshalb ein nützlicher Prädiktor für einen bevorstehenden Uterusprolaps sein.

Die Ergebnisse der Studie bedeuten nicht, dass Frauen zum Schutz vor einer Beckenbodenschädigung zu einem Kaiserschnitt geraten werden sollte. Für eine Nutzen-Risiko-Abschätzung müssten auch die Nachteile der Sectio caesarea für die Mutter (Wundheilungsstörungen) und das Kind (diskutiert wird eine gestörte Entwicklung der Immunabwehr) betrachtet werden, was nicht Gegenstand der Studie war. © rme/aerzteblatt.de

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