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Digitale Medizin: Ärzte müssen eingebunden werden

Dtsch Arztebl 2019; 116(13): A-630 / B-516 / C-508

Schmitt-Sausen, Nora

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Sind Elektronische Gesundheitsakten ein Treiber für Burn-out bei Ärzten? Auf dem HIMSS-Branchentreffen von Gesundheits- und IT-Experten gehörte dies zu einer viel diskutierten Frage. Besuch in Orlando/Florida, Teil 2.

Foto: picture alliance
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Ebene 3, Raum W304E. Während sich unten im Erdgeschoss die Aussteller noch für den Besucheransturm wappnen, ist die Jahreskonferenz der Healthcare Information Management Systems Society (HIMSS) für viele Mediziner schon in vollem Gange. Hinter den schweren Türen eines der großen Vortragssäle sitzen Ärzte aus den gesamten USA zusammen, um den ganzen Tag den Vorträgen des Executive Symposiums zu folgen. Es sind überwiegend Mediziner in leitenden Funktionen, die hier sind. Klinikchefs, Abteilungsleiter, jene, die Verantwortung tragen.

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Beim ersten Vortrag des Nachmittagsprogramms hören viele von ihnen genau hin. Das Thema: Burn-out bei Ärzten. Das Problem ist im Saal gut bekannt. Dies wird deutlich, als nahezu alle Hände in die Höhe schießen, als von den Referenten danach gefragt wird.

Burn-out von Medizinern ein großes Thema in den USA

Die Referenten sind Dr. med. Christopher Sharp, Chief Medical Information Officer an der Stanford Universität, und Taylor Davis, Kopf eines Research-Unternehmens im Medizinsektor. Ihr Vortragstitel lautet etwas irreführend „What is holding you back from an EHR Revolution?“

Tatsächlich geht es 60 Minuten lang aber um genau eines: Die Auswirkungen und das Ausmaß von Burn-out bei Medizinern. Und eben die Frage, in welchem Zusammenhang das Gefühl von emotionaler Erschöpfung mit den Electronic Health Records (EHR) steht, die in den USA bereits seit zehn Jahren sukzessive Einzug in den medizinischen Alltag gehalten haben und diesen heute nahezu papierfrei gemacht haben.

Sharp bringt zunächst das Problem unmissverständlich auf den Punkt: Die Ärzte in den USA leiden in großen Zahlen unter Burn-out und einem Verlust ihrer Work-Life-Balance. Und er macht deutlich, dass es kein Phänomen ist, dass sich lediglich auf einzelne Sektoren der Medizin bezieht: „Burn-out zieht sich quer durch alle Spezialisierungen“, sagt er. Besonders groß sei die Gefahr unmittelbar nach der Ausbildung und in den mittleren Berufsjahren, wenn der Arbeitsumfang besonders hoch ist.

Sharp transportiert in Orlando kein Bauchgefühl, sondern Fakten. Ruhig und sachlich. Fakten, die an der Standford Universität schon seit Jahren erhoben werden. Bereits im Jahr 2011 entstand dort die Initiative „Standford Medicine WellMD“, die das Wohlbefinden von Ärzten zum Mittelpunkt macht.

Die Initiative forscht, führt Umfragen durch und hat verschiedene Projekte etabliert, um Ärzte und deren Wohlbefinden zu unterstützen. Denn die Amerikaner wissen bereits seit einiger Zeit: Die Ärzteschaft ist seit einigen Jahren in Schieflage. Circa jeder zweite hat bereits Symptome von Burn-out erlebt. Die Burn-out-Rate unter Amerikas Ärzten liegt signifikant höher als in der amerikanischen Gesamtbevölkerung.

Diese Entwicklung hat Konsequenzen – nicht nur für die Ärzte selbst, sondern auch für die Qualität der Versorgung. „Ärzte, die sich nicht gut fühlen, arbeiten nicht gut.“ Burn-out, so Sharp, sei die größte Fehlerquelle für medizinische Fehler.

Und noch mehr als das: In den USA ist die Last auf den Ärzten bereits zur Last für das System geworden. Die Stanford Universität hat durch ihre Umfragen und Forschungsarbeiten berechnen lassen: Ärzte-Burn-out kostet die Universität mindestens 7,75 Millionen Dollar. Jährlich. Doch was steckt dahinter? Wie ist es so weit gekommen?

Die Abläufe müssen gerade für Ärzte benutzerfreundlich sein

Sharp nennt drei Faktoren, die im Zusammenhang mit ärztlichem Burn-out stehen. Erstens: Die persönliche Resilienz jedes Einzelnen (Kann trainiert werden.). Zweitens: Die Kultur, in der gearbeitet wird (Was herrscht für ein Klima? Gibt es Anerkennung? Gibt es Wertschätzung?). Und drittens: Die Effizienz von Arbeit und Systemen.

Und bei Letzterem kommen die EHR ins Spiel. Mehr als 90 Prozent aller US-Kliniken arbeiten digital. Computer und digitale Dokumentation sind fester Bestandteil des medizinischen Alltags – und beeinflussen die Arbeitsabläufe damit massiv. Doch: Die Worte Effizienz und EHR fallen in den USA selten in einem Satz. Im Gegenteil. Der Frust von vielen US-Medizinern über die Arbeit mit Tablet und Computer ist groß.

Sharp führt aus: Der zentrale Aspekt, der zu diesem negativen Eindruck führt, ist die schlechte „Usability“, also die unzureichende Benutzerfreundlichkeit vieler Systeme, die in Kliniken oder Praxen laufen. Ein weiterer großer Faktor ist das Gefühl, dass Ärzten durch die Digitalisierung der Abläufe Mehrarbeit aufgedrückt wurde. Zudem sehen viele, dass die mit den EHR einhergegangenen neuen Regularien für die Dokumentation wahre Zeitfresser sind. Nicht wenige Mediziner betrauern auch eine sich wandelnde Interaktion mit den Patienten; selbst wenn man in einem Raum sei, stehe etwa der Computer wortwörtlich zwischen Patienten und Behandler. All dies führe zu Frust – und sei ein Trigger für Burn-out.

An anderer Stelle wurde es auf der HIMSS so formuliert: „Der Zustand der Ernüchterung unter Ärzten, die der Dateneingabe-Aufgaben müde sind und noch dazu mit Verwaltungsaufgaben und übermäßigem Zeitaufwand für das Durchforsten von Patientendaten“ kämpfen, sei ein großes Problem im amerikanischen Gesundheitswesen.

Und so macht nicht allein Sharp in Orlando deutlich: „Es ist Zeit für Kurskorrekturen.“ Viele EHR passten nicht zu den Bedürfnissen derer, die täglich damit arbeiten müssten.

Die Zufriedenheit steigt mit der Souveränität der Nutzer

Referent Davis, sehr groß, sehr beweglich und sehr energetisch auf der Bühne, ist derjenige von den beiden, der den Frust der Ärzte nicht befeuern, sondern ihn stoppen will. Fast sieht es so aus, als wolle er von der Bühne runterrufen: „Hey Leute, nicht verzagen. Es gibt eine Lösung.“

Und die zentrale Lösung in seinen Augen lautet: Den Umgang mit elektronischen Gesundheitsakten trainieren, trainieren und nochmals trainieren. Dies steigere die Effizienz bei der Arbeit, schaffe Souveränität und helfe dabei, Zufriedenheit bei der medizinischen Tätigkeit im 21. Jahrhundert zu schaffen.

Wie der Referent darauf kommt, dass ein sicherer Umgang mit EHR helfen kann, wieder mehr Spaß am Job – und an der Technologie – zu haben? Durch die Ergebnisse seiner Studien. Und er hatte für die HIMSS in Orlando neue, noch nicht veröffentlichte Zahlen im Gepäck.

Diese machen deutlich: Die treibende Kraft bei der Frage, ob EHR als positives Element in der Versorgung bewertet werden oder nicht, liege in erster Linie nicht daran, wie gut das Produkt sei oder die Organisation, die es am Arbeitsplatz eingeführt hätte. Sondern: Wie souverän oder wenig souverän der User – also der Arzt – mit den EHR umgehe.

„Wissen Sie, was die Lieblingsantworten von mir und meinem Team auf die Frage sind, warum manche Ärzte den EHR positiver für die Versorgung bewerten als andere?“, fragt er ins Publikum. „Ich zeige es Ihnen“, sagt er, dreht sich zu den beiden großen digitalen Leinwänden hinter der Bühne um und klickt das nächste Chart ein. Antwort eins: „Weil ich schlauer bin als andere.“ Antwort zwei: „Vielleicht weil ich niedrigere Erwartungen hatte?“ Lautes Lachen im Saal.

Als sich die Erheiterung gelegt hat, kommt Davis zu dem für ihn wichtigen Punkt seines Vortrages. Ein wichtiger Aspekt bei der Debatte um die Wechselwirkungen von EHR und Burn-out sei eben auch: „Übernimmt der Arzt Verantwortung dafür, dass er das Instrument kennt, mit dem der arbeitet?“

Und er hat – basierend auf den Ergebnissen seiner Untersuchungen – noch einen Tipp für die anwesenden Ärzte parat. Die Weiterbildung in Sachen EHR sei effektiver, wenn Ärzte Ärzte anleiten würden, und nicht IT-ler als Lehrende aufträten. „Organisationen, die Ärzte Trainings machen lassen, berichten von größeren Erfolgen.“

Mit digitalen Produkten zufrieden sind Anwender nur, wenn sie einen echten Mehrwert dahinter sehen. Foto: JEFF SWENSEN/NYT/Redux/laif
Mit digitalen Produkten zufrieden sind Anwender nur, wenn sie einen echten Mehrwert dahinter sehen. Foto: JEFF SWENSEN/NYT/Redux/laif

Fehler im System müssen adressiert werden

Nicht jeder sieht vor allem die Ärzte in der Pflicht. Sondern auch die, von denen die Systeme entwickelt worden sind – die IT-Unternehmen. Zu einem der Kritiker gehört die American Medical Association (AMA), die sich nicht erst seit Orlando auf die Fahne geschrieben hat, „Technologie zu einem Vorteil in der Versorgung zu machen, nicht zu einer Bürde.“

Es gelte, Fehler im System zu adressieren, damit Hürden für eine qualitative Versorgung beiseitegeschafft werden könnten. Dazu zählt die AMA eindeutig eine verbesserte Usability von elektronischen Patientenakten. Nach Ansicht der Ärzteorganisation sei vieles an der gängigen EHR-Technik „dysfunktional“ – auch weil Ärzte zu viel Zeit in die Dateneingabe steckten, aber gleichzeitig noch nicht die Ergebnisse bekämen, die sie für eine qualitativ hochwertige Versorgung benötigten. Die Ärzteorganisation appellierte in Orlando, die Perspektive von Ärzten – und Patienten – stärker in Innovationen mit einfließen zu lassen.

In dieselbe Richtung argumentierten auch jene Akteure, die das Digitale bereits mit der traditionellen Medizin erfolgreich miteinander verschmolzen haben. „Es wird mit Blick auf die Patienten immer so viel über die Customerization im Gesundheitswesen gesprochen. Ärzte sind aber genauso Kunden“, sagte Dr. med. S. David McSwain von der Medizinischen Universität South Carolina in seinem Vortrag über Telehealth. „Sie müssen mit an Bord sein. Das müssen Unternehmen und Gesundheitseinrichtungen verstehen.“

Auch für McSwain ist klar: Ein digitales Produkt könne nicht erfolgreich sein, wenn diejenigen, die es tagtäglich nutzen sollen, nicht überzeugt sind. Sie müssten einen Mehrwert dahinter sehen. Wichtig dabei sei auch, dass Innovationen die Arbeitsabläufe von Ärzten verbesserten, nicht erschwerten.

Künstliche Intelligenz soll den Workflow verbessern

Mit Blick auf die Unzufriedenheit vieler Ärzte mit den EHR und der daraus resultierenden Belastungssteigerung geht derweil bereits die nächste Tür auf. Und auch sie ist digital. Künstliche Intelligenz wird als möglicher Ausweg aus dem Burn-out-Dilemma gesehen und in den USA – und auf der HIMSS – stark diskutiert.

Die Ideen? Etwa diese: Künstliche Intelligenz soll dabei helfen, den Workflow von Ärzten zu verbessern, indem es Lücken und Schwachstellen in den EHR von Patienten identifiziert. Oder solche Ansätze: Die ärztliche Dokumentation könnte in Zukunft vollautomatisiert erfolgen – über Tonaufnahmen und digitale Spracherfassung, die beiläufig beim Arzt-Patienten-Gespräch abläuft.

Das Interessante: An diesen neuen Entwicklungen arbeiten zunehmend auch Ärzte mit. Ihr Ziel: Sie wollen die digitale Medizin von Beginn an einem stärkeren Praxistest unterziehen – und so dabei mithelfen, dass das Digitale nicht als Fluch verstanden wird, sondern als Segen. Nora Schmitt-Sausen

Ärzte-Burn-out in den USA

Die Worte Burn-out und Ärzte fallen in den USA bereits seit Jahren in einem Atemzug. Verschiedene Studien zeigen einheitlich: Parallel zu den großen Umbrüchen innerhalb des amerikanischen Gesundheitswesens, zu denen auch die Einführung der elektronischen Patientenakte gezählt wird, haben die Burn-out-Zahlen zugenommen. Neben den Faktoren Zeit und Regularien gilt die Technologie als ein zentraler Treiber für das Phänomen.

Ein Lichtblick: Aktuelle neue Zahlen geben Grund zur Hoffnung. Studienergebnisse einer Gemeinschaftsarbeit von Standford Universität, Mayo Klinik und der American Medical Association zeigen: Erstmals seit dem Jahr 2011 ist die Burn-out-Rate bei US-Medizinern unter die 50 Prozent gesunken. Ein Aufatmen bedeutet das aber noch nicht.

Doch: In den USA versuchen Ärzteorganisationen, Kliniken und Gesundheitseinrichtungen das Phänomen des Ärzte-Burn-outs durch verschiedene Maßnahmen zu adressieren – und es möglichst gar nicht so weit kommenzulassen. So haben einige Häuser etwa Coaching-Programme installiert, splitten die Verantwortung durch das Stärken von Teamarbeit, geben den Medizinern mehr Zeit am Patientenbett oder haben die Nutzerfreundlichkeit ihrer IT-Systeme verbessert, indem der
Login vereinfacht wurde oder Ärzte mit weniger Klicks zum Ziel kommen.

aerzteblatt.de

Foto: Oscar & Associates for HIMSS19
Foto: Oscar & Associates for HIMSS19

Digitalisierung in der Medizin

Gesundheits- und IT-Experten kamen Mitte Februar in Orlando zusammen, um über die Digitalisierung der Medizin zu sprechen. Teil 1 des Berichts erschien in Ausgabe 11/2019.

►www.aerzteblatt.de/19515

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Avatar #707541
andreas.proske
am Freitag, 26. April 2019, 20:48

Benutzerfeindliche IT-Designs im klinischen Kontext

Generell wird Digitalisierung mit Vereinfachung, Optimierung und mehr ärztlicher Produktivität verbunden. Dies ist ein Mythos. Digitalisierung wurde und wird von der Planung bis zur Umsetzung, nicht kontextadaptiert designed. Hierzu einige Beispiele aus meinem persönlichen klinischen Alltag:

- Eine simple Röntgenanforderung erzeugen: 22 Arbeitsschritte
- In unserem MVZ sind dafür 44 Arbeitsschritte auf dem Desktop notwendig
- Gesamte PC-Arbeit direkt nach einer Hüft-TEP bei Schenkelhalsfraktur: 200 Arbeitsschritte auf dem Desktop (nur was der Operateur direkt nach der Op im OP ins System einspeisen muss!)

Ein weiteres Beispiel dafür, dass die "neuen digitalen" Prozesse nicht weniger umständlich sind als die "alten analogen" Prozesse: ich komme früh in die Klinik und will mir Akte + Patient für eine OP ansehen: zwischen Verlassen meines Autos bis zum Erreichen eines zu operierenden Patienten auf Station + Akte öffnen: 6 min, dabei sind 12 Türen zu überwinden, 2 davon mit Schlüssel.

Vergleich rein digitaler Prozess: zwischen Einschalten PC und Erreichen der relevanten elektronischen Daten: 6:30 min, dabei sind 40 PC Arbeitsschritte am PC notwendig, 3 davon mit Passwort.

Die modernen, digitalen Abläufe sind also im Kontext des normal arbeitenden Arztes meist genauso lang und (auf andere Weise) genauso umständlich, wie die „alten“ analogen Abläufe. Als Nebenprodukte der Digitalisierung entstanden überdies zahllose sog. Bullshit-Jobs im Sinne von Übertragung bereits digitalisierter Daten in andere qualitäts- und zertifikatsverwaltende Plattformen. Dies kostet hochgerechnet auf das Jahr hunderte, tausende Arztstunden und wertvolle Konzentration; es raubt uns kostbare Zeit für Patienten, selbstgesteuertes Lernen, CIRS-Fall-Studium, kurze Pausen, Übergaben und Kommunikation, Teaching, Mentoring und vieles mehr, … alles was eigentlich wichtiger sein sollte als immerfort unendliche Wege auf dem Desktop zurückzulegen, jede Stunde, jeden Tag, das ganze Jahr, das ganze Arztleben lang.

Kontextadaptierte IT-Benutzeroberflächen mit individuell einfach zu erzeugenden (vielleicht sogar intelligenten) „Hotkeys“ wären eine mögliche Lösung. Das Potenzial liegt in der Kooperation von Hersteller, Programmierern, Designern und kreativen, jungen Usern aus dem klinischen Bereich.