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Medizin

Autisten bei manchen rationalen und ökonomischen Entscheidungen im Vorteil

Freitag, 14. Juli 2017

Cambridge – Erwachsene, die an einer Autismus-Spektrum-Störung (ASD) leiden, zeigen in manchen Bereichen eine bessere Entscheidungsfähigkeit als neurotypische Erwachsene. Das berichtet eine Arbeitsgruppe der University of Cambridge unter der Leitung von George Farmer, Simon Baron-Cohen und William Skylark. Sie veröffent­lichten ihre Ergebnisse in der Fachzeitschrift Psychological Science (2017; doi: 10.1177/0956797617694867).

Die Autoren der Studie erklären, dass Menschen mit einer ASD weniger anfällig für sogenannte kontextuelle Stimuli sind. Dies zeige sich bei verschiedenen standardi­sierten Aufgaben. Menschen mit ASD können laut den Autoren Informationen besser isoliert betrachten und bewerten.

Zu diesem Zwecke untersuchten Farmer und seine Kollegen 90 Erwachsene mit einer ASD und 212 Erwachsene ohne die Störung. Die Probanden nahmen an einem Onlinetest teil, in dem sie sich zwischen verschiedenen Paaren von Produkten entscheiden mussten. Dabei wurden die Probanden mit einer sogenannten Köder-Option konfrontiert, die sie von den jeweils anderen Produkten ablenken sollte. Anschließend sollten sie das Beste der drei dargebotenen Produkte auswählen. Aus rein rationaler und ökonomischer Sicht stellten die „Köder-Produkte“ die eindeutig schlechteste Wahl dar. Die Probanden mit ASD trafen zumeist die gleiche rationale Entscheidung – unabhängig vom „Köder-Produkt“.

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Insgesamt konnten die Forscher anhand des Tests zeigen, dass Erwachsene mit ASD eine konsequentere Wahl trafen und sich weniger häufig umentschieden als neuro­typische Erwachsene. Vor allem Erwachsene, die in einem weiteren Test besonders viele ASD-Merkmale erfüllten, zeigten eine starke Tendenz zu rationalen und konse­quenten Entscheidungen. Die Wissenschaftler stellen heraus, dass Menschen mit ASD weniger beeinflussbar und weniger befangen in ihrer Entscheidungsfindung sind als neurotypische Erwachsene. Aus ökonomischer Sicht lasse sich festhalten, dass Men­schen mit ASD rationalere Entscheidungen träfen und sich weniger von der Präsenta­tion des jeweiligen Produktes beeinflussen ließen, so Farmer. 

Die Autoren schlussfolgern, dass dies bedeuten könnte, Autismus nicht länger nur als Behinderung oder Unfähigkeit zu sehen. Menschen mit ASD könnten im Gegenteil ihre Nische in der modernen Wirtschaft finden, in der ihre autistische Wahrnehmung von Vorteil sei, so die Autoren. © hil/aerzteblatt.de

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