NewsPolitikWarnstreik an der Charité: Fronten verhärtet
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Politik

Warnstreik an der Charité: Fronten verhärtet

Dienstag, 8. August 2017

/dpa

Berlin – An der Berliner Universitätsklinik Charité wird gestreikt. Die Gewerkschaft Verdi hat das Pflegepersonal zu dem Ausstand aufgerufen, nachdem die Verhandlungen zur Zukunft des Tarifvertrags ins Stocken geraten waren. Der Ausstand und die Argumentation beider Seiten zeigt, wie verhärtet die Fronten sind.

Rund 70 Mitarbeiter seien in den Warnstreik getreten, sagte der Verhandlungsführer der Gewerkschaft Verdi, Kalle Kunkel. Insgesamt hätten sich aber rund 200 Beschäftigte an den Aktionen an den Standorten in Mitte und Steglitz beteiligt, etwa in Pausen und am freien Tag. Viele Demonstranten setzten sich rosa Brillen auf – eine Anspielung auf die laut Verdi verzerrte Sicht des Klinikvorstands auf die aktuelle Situation an Europas größter Uniklinik.

Anzeige

Der Konflikt dreht sich um die Arbeitsbelastung von Pflegekräften und schien schon vor gut einem Jahr beigelegt. Beide Seiten einigten sich damals auf einen Tarifvertrag, der personelle Mindestbesetzungen auf Stationen und damit einen Personalzuwachs vorsah. Verdi hat den Vertrag nun auslaufen lassen und fordert eine Weiterentwicklung, weil die Unterbesetzung andauere. Die Charité argumentiert weiterhin, sie habe nach Möglichkeit neue Schwestern und Pfleger eingestellt – bislang 250. Wegen des Fachkräftemangels hätten aber noch nicht alle geplanten Stellen besetzt werden können.

Wir haben in einem großen Umfang zusätzliches Personal aufgebaut. Ulrich Frei

Der ärztliche Direktor der Berliner Charité, Ulrich Frei, zeigte kein Verständnis für den Warnstreik. Er räumte heute im Inforadio des Rundfunks Berlin-Brandenburg zwar ein, dass die Forderung der Pfleger nach mehr Klinikpersonal berechtigt sei. Die Pfleger wüssten aber, dass die Klinik sich intensiv bemühe, weiteres Personal zu gewinnen. In ganz Deutschland fehlten aber Fachkräfte. „Wir haben in einem großen Umfang zusätzliches Personal aufgebaut. Vom Ausgangspunkt her etwa 260 zusätzliche Stellen und bis Ende des Jahres werden es 300 sein“, sagte Frei. Ihm sei kein anderes Krankenhaus bekannt, in dem so viel Personal aufgebaut worden sei. „Es gibt keinen Grund, jetzt zu streiken, da die Situation sich in den letzten zwei Jahren verbessert hat.“

Unterstützung für die Charité kommt von der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG). Die Appellierte an die Verantwortung von verdi. Es helfe nicht weiter, ohne Rücksicht auf die Verfügbarkeiten am Arbeitsmarkt und die Finanzierungsmög­lichkeiten der Krankenhäuser mehr Pflegepersonal zu fordern, sagte DKG-Hauptgeschäftsführer Georg Baum. „Die Gewerkschaft muss sich fragen lassen, mit welchem Personal die Kliniken denn die geforderten Stellen besetzen sollen. Der Arbeitsmarkt für Pflegekräfte in Deutschland ist leergefegt“, erklärte er. Baum verwies auf rund 10.000 Stellen im Pflegebereich in deutschen Krankenhäusern, die nicht besetzt werden könnten.

Die FDP in Berlin rief beide Parteien dazu auf, endlich eine einvernehmliche Lösung zu finden. „Der heutige Aktions-Streik, bei dem Operationen ausfallen, wird auf dem Rücken der Patienten ausgetragen, was nicht akzeptabel ist und sich daher nicht wiederholen darf“, sagte Florian Kluckert, gesundheitspolitischer Sprecher der FDP-Fraktion im Abgeordnetenhaus von Berlin.

Die Charité habe es „scheinbar verschlafen genug Fachkräfte in verschiedenen Bereichen auszubilden, wodurch es nun zu Engpässen und Überstunden in den Operationssälen kommt“. Kluckert mahnte die Verantwortlichen der Charité, die im Brandbrief von 160 Mitarbeitern aufgezeigten Mängel an der Universitätsklinik ernst zu nehmen. „Vor allem die unzureichende Privatsphäre bei der Operationsvorbereitung muss schnellstmöglich wieder behoben werden“, sagte er.

© may/dpa/afp/aerzteblatt.de

Themen:

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

15. Mai 2019
München – Nach einem bundesweiten Warnstreik im April haben die Ärzte an Bayerns kommunalen Kliniken heute noch einmal nachgelegt. Um den Druck im Tarifstreit mit den Arbeitgebern zu erhöhen, legten
Krankenhausärzte machen im Tarifstreit weiter Druck
10. Mai 2019
München – Der Marburger Bund (MB) hat alle angestellten Ärzte in den tarifgebundenen kommunalen Kliniken Bayerns zu einem ganztägigen Warnstreik am kommenden Mittwoch (15. Mai) aufgerufen. Eine
Marburger Bund kündigt Warnstreik der kommunalen Klinikärzte in Bayern an
6. Mai 2019
Berlin – Im Tarifstreit für rund 55.000 Ärzte an kommunalen Kliniken gibt es weiter keine Einigung. Nun sind erneut Warnstreiks möglich. Die Verhandlungen seien am frühen Samstagmorgen nach
Weiter keine Einigung im Tarifstreit für Ärzte an kommunalen Kliniken
6. Mai 2019
Hannover – Die 38.000 Beschäftigten der Diakonie Niedersachsen erhalten zum 1. Mai 2019 mehr Geld. Die Gremien des Marburger Bundes (MB) Niedersachsen haben der Tarifeinigung mit dem Diakonischen
Mehr Geld für Ärzte an Diakoniekrankenhäusern
2. Mai 2019
Berlin – Die unterbrochenen Tarifverhandlungen zwischen dem Marburger Bund (MB) und der Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände (VKA) sind heute in Berlin fortgesetzt worden. Morgen soll weiter
Tarifgespräche: Marburger Bund und VKA verhandeln wieder
30. April 2019
Stuttgart – Mehr als 2.200 Ärzte aus kommunalen Krankenhäusern in Baden-Württemberg sind heute dem Aufruf zum Warnstreik des Marburger Bundes (MB) gefolgt. Sie machten vor der vierten
Mehr als 2.200 Ärzte in Baden-Württemberg im Warnstreik
29. April 2019
Stuttgart – Kurz bevor am kommenden Donnerstag (2. Mai) der Marburger Bund (MB) und die Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände (VKA) die Tarifgespräche wieder aufnehmen, verleihen die Ärzte in
VG WortLNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

Anzeige
NEWSLETTER