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Medizin

Binge-Eating: Online-Therapie und persönliche Verhaltenstherapie helfen

Mittwoch, 16. August 2017

Menschen mit einer Binge-Eating-Störung essen bei wiederkehrenden Essanfällen unkontrolliert große Mengen an Lebensmitteln, was zu starkem Übergewicht führen kann. /stokkete, stock.adobe.com

Leipzig/Hannover – Eine Binge-Eating-Störung wird meist mit kognitiver Verhaltens­therapie behandelt. Aber auch ein onlinebasiertes verhaltenstherapeutisches Selbst­hilfeprogramm erzielt nach 18 Monaten ähnlich gute Resultate. Zu diesem Ergebnis kommen Martina de Zwaan von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) und Anja Hilbert von der Universität Leipzig in einer prospektiven Multizenterstudie, die in JAMA Psychiatry publiziert wurde (2017; doi: 10.1001/jamapsychiatry.2017.2150).

Therapieplätze sind rar. Deshalb wollten die Forscherinnen herausfinden, ob auch ein Online-Selbsthilfeprogramm hilft, das ebenfalls auf der kognitiven Verhaltenstherapie beruht.

An der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützten Studie nah­men sieben deutsche Zentren mit insgesamt rund 180 Patienten teil. Beide Behand­lungsansätze umfassten wöchentliche Kontakte zu Therapeuten über vier Monate. Die Hälfte der Teilnehmenden hatte 20 verhaltenstherapeutische Einzelsitzungen mit Therapeuten (VT-Gruppe), die andere Hälfte im Selbst­hilfeprogramm nutzte den wöchentlichen Kontakt per E-Mail und führte elf Online-Module durch (OSH-Gruppe).

Das Ergebnis: Bei allen Teilnehmern verringerten sich die Essanfälle deutlich. Zu Beginn der Studie kam es in der VT-Gruppe in den letzten 28 Tagen an 13,5 Tagen zu Binge-Eating-Episoden (BEE), in der OSH-Gruppe an 14,1 Tagen. Nach 1,5 Jahren waren es noch 4,2 (VT) und 5,1 Tage (OSH) bei 116 Probanden, die weiterhin an der Studie teilnahmen. Auch Schwierigkeiten wie beispielsweise depressive Verstimmungen, Ängstlichkeit und die Sorge um das Gewicht nahmen ab.

Online-Verhaltenstherapie wirkt mit Verspätung

Zwar wirkte die persönliche Therapie schneller. Direkt nach der Behandlung hatten diese Patienten mit zwei BEE-Tagen in den letzten 28 Tagen deutlich weniger Ess­anfälle als die Teilnehmer der Online-Therapie mit fast vier BEE-Tagen. Auch nach sechs Monaten war der Unterschied noch deutlich (2,8 versus 5,3 BEE-Tage). Doch nach 18 Monaten hatten sich die Effekte in beiden Gruppen angeglichen.

Diese nicht anonyme internetbasierte Therapie eignet sich besonders für Menschen, die in unmittelbarer Nähe keinen Psychotherapeuten haben, die lange auf einen Therapieplatz warten müssen oder auch Angst haben, einen Therapeuten direkt aufzusuchen. Anja Hilbert, Universität Leipzig

Die Internettherapie mithilfe des Salut-Internetprogramms beinhaltet ein erstes persönliches Gespräch sowie regelmäßige E-Mail-Kontakte mit dem Therapeuten. „Es ist für die Patienten einfach, ein solches Programm zu beginnen und in ihrem eigenen Rhythmus durchzuarbeiten“, beschreibt Hilbert, Professorin für Verhaltensmedizin am Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrum (IFB) Adipositas-Erkrankungen der Leipziger Universitätsmedizin. Für ein gutes Ergebnis müssten sich die Betroffenen selbst motivieren, auch dabei zu bleiben. „Diese nicht anonyme internetbasierte Therapie eignet sich besonders für Menschen, die in unmittelbarer Nähe keinen Psychotherapeuten haben, die lange auf einen Therapieplatz warten müssen oder auch Angst haben, einen Therapeuten direkt aufzusuchen“, sagt Hilbert. Allerdings müsse beachtet werden, dass Suizidalität und andere schwere psychische Leiden, die auch bei Personen mit dieser Essstörung vorkommen, in persönlichen Gesprächen besser behandelt werden können.

In Deutschland ist das Programm noch nicht verfügbar

Das Salutprogramm für Bulimia Nervosa wird von einigen Einrichtungen in Deutsch­land für die persönliche Nutzung angeboten. Das entsprechend modifizierte Programm für die Binge-Eating-Störung sei bislang nicht in Deutschland erhältlich, berichtet Hilbert auf Nachfrage des Deutschen Ärzteblattes. Eine wesentliche Schwierigkeit bestünde darin, dass Krankenkassen die Nutzung solcher Internetprogramme nicht erstatten. „Auf Grundlage unserer Studiendaten könnte sich dies zukünftig für die Binge-Eating-Störung ändern“, hofft die Psychologin aus Leipzig.

Menschen mit einer Binge-Eating-Störung essen bei wiederkehrenden Essanfällen unkontrolliert große Mengen an Lebensmitteln, was zu starkem Übergewicht führen kann. „Die Essanfälle werden meist durch negative Gefühle ausgelöst, die während des Essens unterbrochen werden. Mithilfe einer kognitiven Verhaltenstherapie lernen die Betroffenen, ihr Essverhalten zu normalisieren, weitere Gewichtszunahmen zu verhin­dern und mit ihren psychischen Problemen anders als durch Essen umzugehen“, erklärt de Zwaan, Direktorin der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie der MMH. © gie/EB/aerzteblatt.de

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