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MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Vaginal-operative Entbindung: Antibiotikaprophylaxe senkt Infektionsrisiko, auch bei Anwendung der Saugglocke

Dtsch Arztebl 2019; 116(35-36): A-1549 / B-1276 / C-1256

Siegmund-Schultze, Nicola

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Foto: wong yu liang/stock.adobe.com
Foto: wong yu liang/stock.adobe.com

Bei einer Entbindung durch Kaiserschnitt ist die Antibiotikaprophylaxe der Mutter wegen des erhöhten postpartalen Infektionsrisikos Standard. Im Vergleich zur vaginalen Geburt erhöht sich aber auch bei einer vaginal-operativen Entbindung das Infektionsrisiko für die Mutter, wenn auch nicht so stark wie bei einer Sectio. Als Ursachen werden der längere Geburtsvorgang mit vielen vaginalen Untersuchungen, Blasenkathetisierung, mögliche Zervix- und Scheideneinrisse oder ein Dammschnitt vermutet. Vor allem für die Forceps-Anwendung sind diese Risiken bekannt. Fragestellung einer großen Studie an britischen Kliniken war, ob eine Antibiotikaprophylaxe bei vaginal-operativer Entbindung das Infektionsrisiko der Mutter senkt.

An der prospektiv randomisierten, kontrollierten und verblindeten Studie beteiligten sich 27 Entbindungsstationen britischer Krankenhäuser. Eingeschlossen wurden 3 427 Frauen (≥ 16 Jahre), bei denen die 2. Phase des Geburtsvorgangs durch eine Vakuumextraktion (VE) oder Forceps unterstützt wurde. Die Randomisierung erfolgte in eine Gruppe, die möglichst zeitnah, maximal aber 6 Stunden nach Entbindung, eine Injektion von 1 g Amoxicillin/200 mg Clavulansäure i.v. erhielt, und eine Placebogruppe mit Injektion von 20 ml Kochsalzlösung. Primärer Endpunkt war die mikrobiologisch bestätigte oder die wahrscheinliche Infektion der Mutter bis zu 6 Wochen postpartal.

Von 1 619 Frauen aus der Verumgruppe und von 1 606 mit Placebotherapie lagen vollständige Daten vor (n = 3 225). Bei 63 % der Entbindungen hatten die Ärzte eine Geburtszange angewendet und bei 37 % eine Saugglocke. Die Rate der Episiotomien in der Gesamtgruppe war mit 89 % vergleichsweise hoch.

Die Antibiotikaprophylaxe reduzierte das Infektionsrisiko um 42 % (Risk Ratio [RR]: 0,58; 95-%-Konfidenzintervall [95-%-KI] [0,49; 0,69]; p < 0,0001). Bei Forceps-Entbindung sank es durch Antibiose um 38 %, nämlich von 22 % (Placebo) auf 13 % (Verum; RR: 0,62 [0,45; 0,86]), bei der VE um 44 %, von 14 % unter Placebo auf 8 % im Verumarm (RR: 0,56 [0,39; 0,80]).

Fazit: Auch bei operativer vaginaler Entbindung sollte eine Antibiotikaprophylaxe erwogen werden, so die Autoren. Sie empfehlen, nationale und internationale Leit- oder Richtlinien entsprechend anzupassen.

„Dies ist eine methodisch sehr gute Studie, und zwar in einem klinisch relevanten Bereich, zu dem es bislang keine ausreichende Evidenz gibt“, kommentiert Prof. Dr. med. habil. Sven Kehl, Leiter der Abteilung Geburtshilfe der Frauenklinik am Universitätsklinikum Erlangen.

„Die Studie ist aber nicht 1 : 1 auf deutsche Verhältnisse übertragbar“, sagt Kehl. „Eine routinemäßige Antibiotika-Prophylaxe bei allen vaginal-operativen Entbindungen ist daher nicht gerechtfertigt. Es kommt auf das Ausmaß der Geburtsverletzungen an. Bei einer Forceps-Entbindung sind die mütterlichen Verletzungen ausgeprägter, daher vermutlich der Benefit der antibiotischen Prophylaxe.“

Bei einer Vakuum-Extraktion gebe es häufig keine Geburtsverletzungen, eine antibiotische Prophylaxe sei dann nicht sinnvoll. „Wenn aber größere Verletzungen vorhanden sind, kann eine antibiotische Prophylaxe Vorteile haben, das legen die Ergebnisse dieser Studie ja nahe.“

Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

Knight M, Chiocchia V, Partlett C, et al.: Prophylactic antibiotics in the prevention of infection after operative vaginal delivery (ANODE): a multicentre randomised controlled trial. Lancet 2019; 393: 2395–2403.

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