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POLITIK

Arzneiverordnungs-Report 2018: Kritik an Hochpreispolitik

Dtsch Arztebl 2018; 115(39): A-1686 / B-1426 / C-1412

Korzilius, Heike

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Die Arzneimittelausgaben sind 2017 im Vergleich zum Vorjahr um 3,7 Prozent gestiegen. Hauptursache dafür ist die Preisstrategie der Pharmaindustrie bei neuen Arzneimitteln, meinen Experten.

Foto: Kaesler Media / stock.adobe.com
Foto: Kaesler Media / stock.adobe.com

Die Arzneimittelausgaben der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) sind 2017 auf 39,9 Milliarden Euro gestiegen. Das ist ein Plus von 3,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Hauptursache für diesen Anstieg sind die Ausgaben für patentgeschützte Arzneimittel, die 2017 bei 18,5 Milliarden Euro lagen. Das erklärte Prof. em. Dr. med. Ulrich Schwabe, Mitherausgeber des Arzneiverordnungs-Reports (AVR), am 20. September anlässlich der Vorstellung der aktuellen Ausgabe in Berlin. Von den 34 neuen Wirkstoffen, die 2017 neu auf den Markt gekommen seien, kosteten 24 mehr als 20 000 Euro im Jahr. Bei den meisten Onkologika lägen die Jahrestherapiekosten bei mehr als 60 000 Euro. Dabei sei oft keine klare Relation zum therapeutischen Zusatznutzen erkennbar, sagte der Pharmakologe.

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Hersteller legen Preise frei fest

Dass die zahlreichen gesetzlichen Maßnahmen wie Festbeträge, Rabattverträge oder Preisverhandlungen im Rahmen der frühen Nutzenbewertung den Anstieg der Arzneimittelausgaben nicht verhindern konnten, liegt nach Ansicht von Schwabe daran, dass Arzneimittelhersteller im ersten Jahr nach der Zulassung eines neuen Medikaments den Abgabepreis frei festlegen können und die Krankenkassen diesen erstatten müssen. Er forderte deshalb erneut, dass die Erstattungsbeträge, die Krankenkassen und Pharmaunternehmen auf der Grundlage der frühen Nutzenbewertung vereinbaren, rückwirkend ab der Markteinführung gelten. Allein 2017 hätten die Kassen dadurch 353 Millionen Euro sparen können, so der Pharmakologe. Außerdem forderte er, dass künftig auch die Arzneimittel des Bestandsmarktes und Medikamente für seltene Erkrankungen einer Nutzenbewertung unterzogen werden.

Orphan-Arzneimittel gehören mit einem Umsatz von 3,3 Milliarden Euro im vergangenen Jahr ebenfalls zu den Hochpreisern. Mittlerweile werde jedes dritte neue Arzneimittel als Orphan-Präparat auf den deutschen Markt gebracht, erläuterte Jürgen Klauber, Geschäftsführer des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO), das die Datengrundlage für den AVR liefert. Angesichts dieser Zahlen müssten die Regelungen zur Förderung von Forschung und Entwicklung von Arzneimitteln gegen seltene Erkrankungen hinterfragt werden, forderte Klauber. Die Grenze von fünf je 10 000 Personen, die die Seltenheit einer Erkrankung definiere, sei „strategieanfällig und nicht mehr zeitgemäß“. So teilten Pharmaunternehmen Anwendungsgebiete in Subgruppen, für die dann ein Orphan-Drug-Status entstehe.

Die mit Abstand umsatzstärkste Indikationsgruppe seien mit 6,5 Milliarden Euro auch 2017 Onkologika, wobei Biologika wie monoklonale Antikörper die höchsten Kosten verursachten, erklärte Prof. Dr. med. Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) und Mitherausgeber des AVR. Demnach lag der Umsatz der Biologika im vergangenen Jahr bei 11,3 Milliarden Euro.

Mehr Biosimilars verordnen

Vor diesem Hintergrund sprach sich Ludwig dafür aus, häufiger preiswertere Biosimilars zu verordnen. Durch die Umstellung auf die Nachahmerprodukte seien 2017 Einsparungen von 170 Millionen Euro erzielt worden. „Weitere 279 Millionen Euro könnten durch den konsequenten Einsatz von Biosimilars gehoben werden“, sagte der Onkologe. Inzwischen lägen zahlreiche unabhängige Empfehlungen für den rationalen Einsatz dieser Präparate vor, unter anderem von der AkdÄ (http://daebl.de/EN31). WIdO-Geschäftsführer Klauber wies darauf hin, dass die Kostenentlastung der Kassen bei Biosimilars deutlich geringer ausfalle als bei Generika. Verantwortlich dafür sei auch die Anbieterstruktur. Von den 14 Biosimilaranbietern seien 2017 sechs Originalhersteller oder deren Tochterfirmen gewesen.

Der Verband forschender Arzneimittelhersteller verwies darauf, dass der Arzneimittelbereich seit Jahren der mit den niedrigsten Ausgabenzuwächsen von im Durchschnitt 3,4 Prozent in der GKV sei und bezeichnete die Ausgaben als maßvoll. Sie machten weniger als ein Fünftel der Kassenausgaben aus. Heike Korzilius

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