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Medizin

COPD: Trajektorien der „Raucherlunge“ beginnen lange vor der ersten Zigarette

Montag, 9. April 2018

/dpa

Melbourne/Bristol – Ob Menschen im höheren Alter, zumeist nach einer langen Raucherkarriere, eine chronisch-obstruktive Lungenerkrankung (COPD) entwickeln, zeichnet sich in 3 von 4 Fällen bereits in der Kindheit ab, lange bevor die späteren Patienten ihre erste Zigarette geraucht haben. 2 Studien in Lancet Respiratory Medicine (2018; doi: 10.1016/S2213-2600(18)30099-7 und 30100-0) beschreiben „Trajektorien“ der Lungenfunktion, die der COPD vorausgehen.

Eine COPD entwickelt sich nicht von heute auf morgen. Die meisten Patienten waren über viele Jahre aktive Raucher. Bei einigen hat ein Asthma die Lungenfunktion zusätzlich geschädigt. Eine Gefährdung zeichnet sich schon lange vor Beginn der Symptome durch einen Rückgang der Lungenfunktion ab. Ein relativ einfach zu erhebender Parameter ist hier die Einsekundenkapazität (FEV1), auch als Tiffeneau-Test bekannt. Gemessen wird die Luftmenge, die die Teilnehmer innerhalb einer Sekunde durch ein Peak-Flow-Meter pusten.

Der FEV1-Wert wird häufig in Langzeituntersuchungen benutzt, um die Entwicklung der Lungenfunktion einzuschätzen. So auch in der Tasmanian Longitudinal Health Study, die seit 1968 Kinder des Geburtsjahrgangs 1961 regelmäßig untersucht. Im Alter von 7, 13, 18, 45, 50 und 53 Jahren wurde der FEV1-Wert bestimmt.

Ein Team um Shyamali Dharmage von der Universität Melbourne hat jetzt untersucht, wann im Verlauf des Lebens sich „Flugbahnen“ (Trajektorien) der FEV1 von Menschen, die später an COPD erkranken, von denen trennen, die gesund bleiben. Die Forscher beschreiben 6 unterschiedliche Trajektorien der FEV1, von denen 3 mit der Entwicklung einer COPD assoziiert waren. 

Am deutlichsten war der Zusammenhang bei der Trajektorie „Early below average, accelerated decline“. Diese Personen hatten bereits bei der ersten Untersuchung im Alter von 7 Jahren eine ungewöhnlich niedrige FEV1, die sich bei den späteren Untersuchungen weiter verschlechterte. In diese Trajektorie fielen nur 4 % der Teilnehmer, von denen aber fast jeder zweite im Alter von 53 Jahren an einer COPD litt. Dharmage ermittelt eine Odds Ratio von 35,0, die mit einen 95-%-Konfidenzintervall von 19,5 bis 64,0 hochsignifikant war.

In einer zweiten Trajektorie („persistently low“) mit einem Anteil von 6 % an der Gesamtgruppe erkrankten 13 % an einer COPD. Die Odds Ratio betrug hier 9,5 (4,5–20,6), das Risiko war also fast 10-fach erhöht. Für die dritte Trajektorie (below average) mit einem Anteil von 32 % ermittelt Dharmage eine Odds Ratio von 3,7 (1,9–6,9). 

Auf alle 3 Trajektorien entfielen 3 Viertel aller COPD-Erkrankungen in Tasmanien (attributables Risiko 75,2 %). Erstaunlich ist nun, dass die Lungenfunktion in allen 3 Trajektorien bereits im Alter von 7 Jahren vermindert war, lange bevor die Betroffenen mit dem Rauchen begonnen hatten. Interessant ist auch, dass in den übrigen 3 Trajektorien, in denen es selten zur COPD kam, viele aktive oder frühere Raucher gab.

Dharmage schließt daraus, dass es in der Kindheit andere Faktoren geben muss, die über eine Schädigung der Lungenfunktion das spätere COPD-Risiko beeinflussen. Die weiteren Befunde in den 3 Trajektorien deuten an, welche Faktoren dies sein können. Die Kinder litten dort häufiger an Asthma, Bronchitis, Pneumonie, allergischer Rhinitis, Ekzemen. Sie waren möglicherweise durch eine Asthmaerkrankung der Eltern erblich belastet. Auch das Rauchen der Eltern könnte die Entwicklung der Lungenfunktion bei den Kindern belastet haben. Der Anteil der Mütter, die rauchten, war höher als in den anderen Trajektorien, in denen es im späteren Leben selten zu einer COPD kam.

Die Häufigkeit der COPD könnte nach Ansicht von Dharmage langfristig gesenkt werden, wenn die Eltern nicht rauchen und die Kinder gegen Atemwegsinfektionen geimpft werden. Auch eine frühzeitige Behandlung von Asthmaerkrankungen in der Kindheit könnte ein Weg sein, um eine spätere COPD zu verhindern (wobei die Studie die Evidenz dieser Ratschläge natürlich nicht belegen kann).

Eine Trajektorie, die bereits in der Kindheit auf ein späteres COPD-Risiko hinweist, hat ein Team um John Henderson von der Universität Bristol in 3 weiteren Kohortenstudien gefunden, die 2.632 Teilnehmer von der Geburt bis zum Alter von 24 Jahren begleitet haben.

Etwa 5 % dieser Kinder hatten seit den ersten Lebensjahren eine niedrige FEV1, die sich bis zum Erreichen des Erwachsenenalters nicht verbesserte. Diese Kinder litten häufig im Alter von 3 Jahren unter asthmaartigen Atembeschwerden (Odds Ratio 14,0 gegenüber Kindern mit dauerhaft guten FEV1-Werten). Sie hatten häufiger positive Allergietests (Odds Ratio 23,8) und sie waren häufiger in der Wohnung dem Tabakrauch der Erwachsenen ausgesetzt (Odds Ratio 21,3). Daneben scheint es auch eine genetische Prädisposition zu geben, die aber deutlich schwächer ausgeprägt war.

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Vermeidung von Passivrauchen und die frühzeitige Behandlung von allergischen Erkrankungen verhindern könnte, dass die Kinder im späteren Lebensalter an einer COPD erkranken.

Dafür spricht auch die Beobachtung, dass etwa 75 % der Kinder, bei denen in den ersten Lebensmonaten eine niedrige FEV1 gemessen wurde, sich später erholten und zu den anderen Kindern mit normalen FEV1-Werten aufschließen. Interventionen, die diese Trajektorie in der Kindheit fördern, könnten die spätere Entwicklung einer COPD verhindern. © rme/aerzteblatt.de

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