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Infektionsschutz: Infiziertes Gesundheitssystem

Fischer-Fels, Jonathan

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Ärztinnen und Ärzte tragen ein hohes Risiko, sich bei ihrer Arbeit mit COVID-19 anzustecken. Wie viele Infektionen es genau bei Krankenhauspersonal gibt, ist jedoch unklar. Bisher werden in Deutschland keine Zahlen zu einzelnen Berufsgruppen erfasst.

Schutzausrüstung rettet Leben. Im Patientenkontakt muss sich auch das Personal besonders vor einer Ansteckung schützen. Foto: picture alliance/AA
Schutzausrüstung rettet Leben. Im Patientenkontakt muss sich auch das Personal besonders vor einer Ansteckung schützen. Foto: picture alliance/AA

Da Gesundheitsberufe in der Coronapandemie einem ständigen Patientenkontakt ausgesetzt sind, haben sie ein hohes Ansteckungsrisiko. Stellenweise nach wie vor fehlende Schutzausrüstung erschwert es dem medizinischen Personal zudem, sich adäquat vor einer Ansteckung zu schützen.

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Dem aktuellen Lagebericht des Robert Koch-Instituts (RKI) zufolge sind derzeit mindestens 11 500 Beschäftigte der Gesundheitsversorgung mit SARS-CoV-2 infiziert. 528 von ihnen wurden hospitalisiert, 17 sind verstorben (Stand 14. Mai 2020). Die Infiziertenzahlen haben sich damit im Laufe des vergangenen Monats fast verdoppelt: Am 14. April waren dem RKI rund 5 850 Infizierte in Gesundheitseinrichtungen bekannt.

Das RKI weist gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt (DÄ) darauf hin, dass es sich bei den Zahlen aus dem Lagebericht um Mindestangaben handelt, da bei knapp einem Drittel (31 Prozent) aller Meldungen aus den Gesundheitsämtern an das RKI die Angabe zur Tätigkeit der infizierten Personen fehle.

Keine verpflichtende Erfassung

Dem Infektionsschutzgesetz zufolge müssen Ärztinnen und Ärzte dem zuständigen Gesundheitsamt melden, ob eine mit SARS-CoV-2 infizierte Person in einem Krankenhaus, einer Arztpraxis oder einer anderen medizinischen Einrichtung tätig ist. Eine verpflichtende Meldung, die zwischen der Arbeit in den jeweiligen Einrichtung unterscheidet, ist im Infektionsschutzgesetz jedoch nicht vorgesehen. Zwar sei den Gesundheitsämtern „die Tätigkeit in der Regel bekannt“, erklärte das RKI. Die Gesundheitsämter würden auch die erforderlichen Infektionsschutzmaßnahmen einleiten, sodass „unmittelbar keine Risiken dadurch entstehen, dass diese Informationen nicht an das RKI übermittelt werden“. Doch eine vollständige, nach Arbeitsplatz differenzierte Erfassung der Zahl infizierter Mitarbeiter von Gesundheitsberufen erfolgt nicht. Unklar sei zudem, wo die Ansteckung mit dem Virus stattgefunden habe am Arbeitsplatz oder im privaten Umfeld, erklärte das RKI.

Der Marburger Bund (MB) kritisiert, dass es bislang kein bundesweit einheitliches Verfahren gibt, um die Tätigkeitsbereiche von Infizierten zu erfassen. Denn eine solche Untererfassung berge Risiken: Neben dem Ansteckungsrisiko für Patienten und Mitarbeitende könnten auch die verfügbaren Personalressourcen falsch eingeschätzt werden. Zudem sei es für die epidemiologische Bewertung der Wirksamkeit von Hygiene- und Schutzmaßnahmen notwendig, die Infektionszahlen im medizinischen Bereich mit denen in der Gesamtbevölkerung vergleichen zu können.

„Wir müssen sehr viel häufiger testen, damit wir infizierte Beschäftigte und Patienten gleichermaßen schützen können. Wenn die Krankenhäuser wieder mehr und mehr auf Regelbetrieb umstellen, wird das noch wichtiger sein“, betont die 1. Vorsitzende des MB, Dr. med. Susanne Johna, gegenüber dem DÄ.

Um ein genaues Bild der Lage zu erhalten, müssten „in allen Ländern auf der Grundlage einheitlicher Meldekriterien alle infizierten Ärztinnen und Ärzte sowie weitere Gesundheitsberufe tagesaktuell erfasst werden“. Sonst könnten präventive Maßnahmen zu spät erfolgen. Der MB fordert daher klare Vorgaben zur Erfassung der Tätigkeit im Infektionsschutzgesetz.

Labore haben Kapazitäten

Auch der Deutsche Pflegerat (DPR) setzt sich für eine differenzierte Erfassung der Gesundheitsberufe ein. Positive wie negative Testergebnisse sowie die Zahl der Erkrankten, der Infizierten in Quarantäne und der Verstorbenen müssten bundesweit statistisch erfasst werden. „Diese Zahlen würden eine Einschätzung der Gefährdungslage erlauben und eine Planungsgrundlage für das Auftreten einer potenziellen zweiten Infektionswelle bilden“, sagt der Präsident des DPR, Franz Wagner, dem .

Die Labore könnten solche breit angelegten Personaltestungen leisten. Die Testkapazitäten reichten aus, um auch kurzfristig Hunderttausende zu testen, betonte der Interessenverband der akkreditierten Labore in der Medizin (ALM) Anfang Mai. „Wir sind gut gerüstet für die Ausweitung der PCR-Diagnostik auf Risikogruppen, Pflegeheime und Krankenhäuser und insbesondere auf die Kontaktpersonen“, sagte ALM-Vorstand Evangelos Kotsopoulos. Aktuell könnten wöchentlich rund 840 000 PCR-Tests durchgeführt werden. Davon würden derzeit nur knapp 40 Prozent genutzt.

Im zweiten Bevölkerungsschutzgesetz, das der Bundestag am 14. Mai verabschiedet hat, wurde eine Ausweitung der Tests beschlossen. Künftig soll zum Beispiel im Umfeld besonders gefährdeter Menschen mehr getestet werden. Zudem müssen Ärzte und Labore nun auch negative Testergebnisse an die Gesundheitsämter melden. Eine systematische berufsspezifische Erfassung von Infektionen ist hingegen auch weiterhin nicht vorgesehen. In der Gesetzesbegründung ist allerdings von einer Rechtsverordnung des BMG die Rede. Darin sollen der Personenkreis sowie Art und Umfang der Testungen näher beschrieben werden, die zulasten der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung abgerechnet werden können. Inwieweit in dieser Rechtsverordnung weitere Neuregelungen enthalten sein werden, ist zurzeit noch offen.

Derweil hat die Berliner Charité etwa 12 500 ihrer 19 000 Mitarbeitenden in zwei Durchläufen getestet. Zwischen dem 3. März und dem 14. April erhielten an speziell eingerichteten Untersuchungsstellen rund 5 000 symptomatische Beschäftigte einen freiwilligen Nasen-Rachen-Abstrich und einen nachfolgenden PCR-Test. 115 Personen und damit 2,3 Prozent wurden dabei positiv getestet. Im Anschluss startete die Charité vom 7. bis 21. April eine interne Prävalenzstudie unter mehr als 7 500 Beschäftigten verschiedener Arbeitsbereiche. Hier fielen 0,33 Prozent der Tests positiv aus. Die niedrigen Infiziertenzahlen würden die konsequente Umsetzung der Schutzkonzepte und Hygienemaßnahmen zeigen, erklärte der Vorstandsvorsitzende der Charité, Prof. Dr. med. Heyo K. Kroemer, bei der Präsentation der Ergebnisse Mitte Mai in Berlin.

Zudem konnten die Mitarbeiter bei den Tests freiwillig Serumproben entnehmen lassen, um sich auch auf eventuelle Antikörper testen zu lassen. Diese wurden in weniger als zwei Prozent der Proben nachgewiesen. Prof. Dr. med. Ulrich Frei, der im Charité-Vorstand für die Krankenversorgung zuständig ist, schränkte die Aussagekraft der Antikörpertests allerdings grundsätzlich ein: Es sei bisher nicht klar, ob es sich überhaupt um SARS-CoV-2-spezifische Antikörper handle und ob diese eine Immunität hervorrufen könnten.

Wöchentliche Testreihen

Zukünftig sollen alle Charité-Mitarbeiter auf COVID-19-Stationen und in der Notaufnahme wöchentlich getestet werden. Beschäftigte, die Risikopatienten versorgen, sollen zweiwöchentlich Tests erhalten. „Unser langfristiges Ziel ist es, auch unbemerkte, symptomarme Infektionen in der Mitarbeiterschaft zu identifizieren sowie zusätzlich das Personal zu erkennen, das bereits Antikörper gegen SARS-CoV-2 aufgebaut hat“, erklärte Kroemer. Die Kosten dieser Testreihen beliefen sich auf rund 700 000 Euro. „Wir sind aber der Überzeugung, dass das sehr gut investiertes Geld ist“, betonte er.

Mitte April hatte die Kassenärztliche Bundesvereinigung in einem Konzeptpapier festgehalten: Medizinisches und Pflegepersonal sollte regelmäßig auf eine Coronainfektion mittels PCR-Methode getestet werden, um nosokomiale Ausbrüche zu verhindern. Jedoch müsse die Finanzierung klar geregelt werden. Jonathan Fischer-Fels

Infiziertenzahlen weltweit

Im Vergleich zu anderen Ländern ist die Gesamtzahl der mit SARS-CoV-2-infizierten Menschen in Deutschland gering. Dementsprechend ist auch die Zahl der Infizierten in medizinischen Berufen im Ausland höher. So wurden in Italien Ende April 151 verstorbene Ärzte gemeldet, die mit dem Virus infiziert waren. In Großbritannien zählte der Guardian in einer Auflistung zuletzt 176 verstorbene Ärzte, Pflege- und Hilfskräfte.

Weltweit seien fast 100 000 Mitarbeiter von Gesundheitsberufen mit dem Virus infiziert, wie der Internationale Verband der Pflegekräfte (ICN) Mitte Mai berichtete. Mehr als 260 von ihnen seien gestorben. Der Verband bezieht sich dabei auf Zahlen, die Mitgliedsorganisationen gemeldet haben – bei Weitem allerdings nicht aus allen Ländern der Welt. Deshalb sei die wahre Zahl der Infizierten wahrscheinlich deutlich höher, wie
ICN-Verbandschef Howard Catton erklärte.

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