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E-Health: Finnland lebt die Digitalisierung

Dtsch Arztebl 2018; 115(41): A-1802 / B-1516 / C-1502

Schmitt-Sausen, Nora

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Die Finnen gelten weltweit als E-Health-Vorreiter. Digitale Technologien sind im Gesundheits- und Sozialwesen längst etabliert. Ortsbesuch in Helsinki. 1. Teil: Gesundheits-IT & Big Data

Foto: Filograph/iStockphoto
Foto: Filograph/iStockphoto

Skepsis vor der digitalen Welt? Ressentiments gegenüber Tech-Unternehmen? Schlaflose Nächte wegen Datenschutz? Nicht in Finnland. Zumindest nicht, wenn man Aki Lindén zuhört. Der CEO des Hospital District of Helsinki and Uusimaa (HUS) macht schnell deutlich wie er tickt: „Eine gute Zusammenarbeit mit Unternehmen ist in Zeiten der High-Tech-Medizin notwendig.“ Konkret meint er damit: Er will die neuen technischen Möglichkeiten nutzen, um den Bürgern Finnlands die bestmögliche Versorgung zu ermöglichen. Aber Lindén betont auch: „Technische Lösungen alleine sind nicht gut. Traditionelle Medizin alleine ist auch nicht gut. Wir müssen beides kombinieren.“

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Und das sieht in Finnland zum Beispiel so aus: Bereits seit fast zehn Jahren vernetzt die Universitätsklinik Helsinki in der Medizin die analoge mit der digitalen Welt. Sie schuf damals gemeinsam mit vier weiteren universitären Einrichtungen des Landes ein virtuelles Krankenhaus. Was das sein soll? Zunächst einmal: Eine digitale Anlaufstelle für alle, die im Internet Hilfe in Gesundheitsfragen suchen – und die dann mit technischer und ärztlicher Hilfe durch das finnische Versorgungssystem gelotst werden. Technik nutzen, Service bieten, Patienten einbinden, Ressourcen schonen, Kosten sparen. Das ist der Sinn dahinter.

Virtuelles Gesundheitsdorf mit 30 Themenangeboten

Den Auftakt machte 2009 ein Informationsangebot zum Thema psychische Gesundheit. Nach und nach folgten weitere „Häuser“, also Themenangebote, wie Frauengesundheit, Männergesundheit, Gewichtsmanagement. Aus dem virtuellen Krankenhaus ist ein virtuelles Gesundheitsdorf geworden. Ende 2018 soll es 30 Themenangebote geben.

Das Prinzip: Über eine zentrale Webseite gelangen die Patienten in die virtuelle Krankenhauswelt. Sie finden dort Patienteninformationen, Symptom-Navigatoren, Tools für Selbsthilfe und Diagnostik. Jedem Finnen steht dieses digitale Angebot offen, eine Registrierung ist nicht erforderlich. Der zweite Level der Plattform ist nur nach Identifizierung möglich. Der User bekommt danach Zugang zu einem personalisierten Patientenbereich. Hier dreht sich nun alles um die Organisation einer konkreten Behandlung – die Plattform hilft, den individuellen Weg durch die Medizin zu weisen.

Wie das aussieht? Zum Beispiel so: In einigen Monaten muss sich ein Patient einer Operation unterziehen. Im Vorfeld des Eingriffes erhält er über das virtuelle Krankenhaus alle Informationen, die zur Vorbereitung nötig sind. Auch die OP-Nachsorge wird über die Plattform begleitet. Es werden individuelle Therapiepläne bereitgestellt, es gibt die Möglichkeit zum direkten virtuellen Austausch zwischen Patient und Klinikpersonal und Optionen zur Onlineterminvergabe.

Zur Qualität der Versorgung trägt auch dies bei: Ein dritter Level der Plattform richtet sich ausschließlich an medizinisches Personal. Die Ärzte des universitären Netzwerkes können sich darüber etwa mit Kollegen aus anderen Häusern zu einem Patientenfall austauschen.

Das Feedback zum virtuellen Krankenhaus? Sei gut, sagt Lindén. „Die Zufriedenheit bei den Patienten ist groß.“ Die Hälfte aller Patientinnen und Patienten nutze das virtuelle Begleitangebot. In Zahlen heißt das: In 2017 hatte die Plattform mehr als eine Million Nutzer. Gleichzeitig arbeite das Entwicklungsteam kontinuierlich weiter daran, das Angebot zu optimieren. „Wir finden immer noch heraus, was der bestmögliche Weg ist und analysieren die Ergebnisse die ganze Zeit.“

Elektronische Patientenakte seit mehr als 20 Jahren

Finnische Patienten sind es also gewohnt, medizinische Informationen, Termine und Beratungen digital einzuholen, statt Ärzte ausschließlich von Angesicht zu Angesicht zu konsultieren. Und sie sind es gewohnt, dass ihre Gesundheitsdaten digital hinterlegt sind. Denn: In Finnland werden digitale Gesundheitsdaten schon seit einer langen Zeit gesammelt. Allein die elektronische Patientenakte gibt es im Norden Europas bereits seit mehr als 20 Jahren. Seit 2010 werden Rezepte für verschreibungspflichtige Medikamente digital ausgestellt. Und dieses Kapital nutzen die Finnen nun aus.

In Helsinki forsche und entwickle man derzeit emsig, wie sich die vorhandenen Daten nutzen lassen, erklärt Lindén. Sie seien inzwischen in der Lage, erste Teile der riesigen Datenmengen zu analysieren – mithilfe von künstlicher Intelligenz. Aktuell liefen an den Universitätskliniken etwa 20 Projekte, „bei denen pfiffige Leute schauen, welche Daten genutzt werden können“. Lindén hält davon viel: Daten könnten die Prävention stärken und Krankheiten erkennen, die dem Patienten noch gar nicht bekannt sind. Für ihn ist klar: Qualitativ hochwertige Daten sind aus der Medizinwelt von heute nicht mehr wegzudenken.

Es zeigen sich erste Erfolge: „Die Entwicklungen beginnen wirklich, unseren Ärzten zu helfen“, sagt der HUS-CEO. Doch er betont erneut: Die Kombination aus klinischer Expertise, Analysefähigkeiten und IT-Kenntnissen sei der Schlüssel zum Erfolg. Deshalb setzten sie in Helsinki vor allem auf eins: Austausch, Austausch, Austausch. Und zwar zwischen Ärzten und IT-Experten. „Beide Seiten lernen kontinuierlich voneinander.“

Datenschutz? Ist natürlich auch in Finnland ein Thema. Die nüchterne Antwort: „Die Menschen vertrauen darauf, dass ihre Daten sicher sind. Und dieses Vertrauen möchten wir behalten.“

Was die Analyse erleichtert: Sämtliche Gesundheitsdaten des HUS fließen nun in eine gemeinsame Cloud, eine große digitale Datenbank: Elektronische Patientenakten, die Informationen des virtuellen Krankenhauses, Fotos, Röntgenbilder und Laborergebnisse.

Dazu plant Helsinki einen weiteren großen Wurf: Im Herbst 2018 schlägt für ein neues Digitalprojekt die Stunde der Wahrheit. Die Metropolregion Helsinki hat den Anspruch, ein gemeinsames Informationssystem für alle 1,6 Millionen Bürger zu schaffen, die dort leben. Heißt: 30 Krankenhäuser, 40 Gesundheitszentren und 50 Einrichtungen der Sozialdienste sollen digital miteinander vernetzt werden. Es ist nach eigenen Angaben das weltweit erste System seiner Art, dass den Gesundheits- und Sozialsektor einheitlich überspannt.

Bessere Versorgungsqualität und Kosteneinsparungen

Seit fünf Jahren wird an der Lösung gearbeitet, Ende des Jahres steht der „Go Live“ an. 2020 sollen alle Organisationen an das System angeschlossen sein. Das Ziel ist klar: „Das Handling und das Teilen von Informationen soll einfacher werden“, sagt Projektleiter Antti Iivanainen. Die Finnen versprechen sich davon vor allem: Kosteneinsparungen, eine bessere Qualität in der Versorgung und eine höhere Zufriedenheit der Bürger.

Bislang haben Gesundheitseinrichtungen in Finnland genau mit den gleichen Problemen zu kämpfen wie andere Länder: Es gibt massive Schwierigkeiten beim Informationsaustausch. „Es sind viele verschiedene Datensysteme in Gebrauch. Aber diese können untereinander nicht kommunizieren, die Systeme sind nicht kompatibel“, sagt Iivanainen. Also lautet die Devise in Helsinki künftig: „Erfass die Daten und gehe mit ihnen weise um.“

Zu den Akteuren, die mit dem neuen Informationssystem arbeiten sollen, gehören nicht nur Mitarbeiter aus dem Gesundheits- und Sozialwesen – sondern auch die Bürger. Sie sollen befähigt werden, Daten über das Informationssystem selbst einzutragen. Zum Beispiel Gesundheitsdaten, die sie über Apps generieren. Was die Bürger jedoch nicht erhalten, ist ein unkontrollierter Zugang zu den abgespeicherten Gesundheitsinformationen. Dafür sei das Risiko des Datenmissbrauchs zu groß, sagt Iivanainen. Allerdings könnten sie auf Anfrage Einblick bekommen.

Zu einem digitalen Informationssystem gehört für das medizinische Personal natürlich auch dies: Verlinkungen zu externen Wissensdatenbanken, damit die Handelnden auf das bestmögliche Wissen zugreifen können, was in der Welt verfügbar ist. Heißt: Das Informationssystem soll nicht nur Daten einheitlich und sektorübergreifend erfassen, sondern auch die verantwortlichen Akteure im Gesundheits- und Sozialwesen leiten – zum Beispiel Ärzte. „Es verändert die Art und Weise, wie Ärzte arbeiten“, lautet Iivanainens Prognose.

Effizientere Steuerung der Patienten durch das System

Das große Einsparpotenzial steht stark im Vordergrund bei der Entwicklung. Daraus machen die Finnen keinen Hehl. Denn auch sie haben das Problem, das andere Nationen kennen. „10 Prozent der Bürger verursachen 80 Prozent der Kosten“, sagt Iivanainen. Mithilfe eines einheitlichen Systems sei es leichter, diese Bürger durch das Versorgungssystem zu steuern – und effizienter.

Ohne Zweifel: Die Finnen schöpfen bei der Digitalisierung der Medizin derzeit die Vorteile aus, die sie als kleine Nation mit einem staatlich organisierten Gesundheitssystem haben. Und zumindest die verantwortlichen Köpfe tun dies mit Genuss.

„Wir leben in sehr interessanten Zeiten“, sagt Lindén.

Nora Schmitt-Sausen

Strukturen des finnischen Gesundheitswesens

Das finnische Gesundheits- und Sozialwesen liegt nahezu ausschließlich in Staatshand. Es wird durch Steuergelder finanziert und ist dezentral organisiert. Es obliegt den lokalen Akteuren, die Versorgung vor Ort zu sichern und zu gestalten; die Regierung in Helsinki gibt die Grundstrukturen vor. Derzeit läuft eine umfassende Reformdebatte zur Restrukturierung.

Die Finnen mit ihrer kleinen Population von knapp 5,5 Millionen Bürgern zeigen sich seit Jahren als pragmatische Nation. Sowohl der Staat als auch die Bürger nehmen Veränderungen, wie sie die Digitalisierung mit sich bringt, vergleichsweise schnell an. Vor allem die Metropolregion Helsinki sticht bei den Entwicklungen hervor.

Neben dem öffentlichen Sektor ist eine florierende Start-up-Szene eine treibende Kraft bei der Digitalisierung des Gesundheits- und Sozialwesens. Die Finnen haben sich als Exportnation für digitale Gesundheitstechnologien in den vergangenen Jahren weltweit einen Namen gemacht.

Finnland gibt 9,5 Prozent des Bruttoinlandprodukts für das Gesundheitssystem aus. Im internationalen Vergleich erzielt das Land bei Indikatoren wie Kindersterblichkeit, Lebenserwartung und Krebsüberlebensraten im europäischen Vergleich sehr gute Werte. 20 Prozent der finnischen Bevölkerung sind laut aktueller OECD-Angaben älter als 65 Jahre.

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