NewsThemenE-HealthGesundheitskarte: Vor dem Rollout
E-Health

E-Health

POLITIK

Gesundheitskarte: Vor dem Rollout

Dtsch Arztebl 2008; 105(38): A-1949 / B-1675 / C-1639

Krüger-Brand, Heike E.

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Parallel zur Fortführung der Feldtests in den sieben Testregionen soll die bundesweite Ausgabe der elektronischen Gesundheitskarte beginnen. Den Anfang macht die Region Nordrhein.

Das Beste wäre, der Basisrollout läuft, und keiner merkt, dass etwas passiert“, hofft Dr. med. Leonhard Hansen, Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Nordrhein. Sehr wahrscheinlich ist das nicht, denn auch dabei handelt es sich um einen logistischen Kraftakt. Gleich zwei Veranstaltungen*, die sich nach dem Ende der Sommerpause mit dem Projektstand der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) befassten, lassen eher einen ereignisreichen Telematik-Herbst erwarten: Parallel zu den Vorbereitungen für den sogenannten eGK-Basisrollout in der Region Nordrhein gehen die Arbeiten in den Testregionen weiter. Außerdem gibt es immer wieder Änderungen in der Projektplanung.

Der Basisrollout sieht vor, dass die bisherige Krankenversichertenkarte bundesweit durch die eGK abgelöst wird. Die Region Nordrhein mit rund neun Millionen Einwohnern macht dabei den Anfang. Dort sollen 12 000 Arztpraxen, 6 000 Zahnarztpraxen und 200 Krankenhäuser mit eGK-fähigen Kartenlesegeräten ausgestattet werden, bevor dann in mehreren Staffeln nach dem Zwiebelschalenmodell auch die übrigen Bundesländer versorgt werden (Grafik). Die neue Mikroprozessorchipkarte übernimmt dabei zunächst nur die Funktionen der alten Versichertenkarte und wird offline, das heißt ohne Anschluss an die geplante Tele­ma­tik­infra­struk­tur, eingesetzt. Gleichzeitig bereitet sie jedoch den Boden für den weiteren Ausbau der Tele­ma­tik­infra­struk­tur vor.

Dieses schrittweise Vorgehen stößt auf große Zustimmung aller beteiligten Organisationen und Erleichterung bei den Akteuren. „Die Einführung der vollen Funktionalität auf einen Schlag wäre gleichbedeutend mit einer kaum zu beherrschenden Komplexität“, meinte etwa Peter Bonerz, Geschäftsführer der zuständigen Betriebsorganisation Gematik. Auch der IT-Experte Gilbert Mohr von der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein hält den Basisrollout „für einen vernünftigen Ansatz, wie man das eGK-Projekt in die Fläche bringt“. Anschließend könnten anspruchsvollere Funktionen wie das elektronische Rezept oder der elektronische Arztbrief schrittweise hinzukommen.

Die Vorbereitungen in Nordrhein laufen daher auf Hochtouren: Die Finanzierungsvereinbarungen für die KV-Mitglieder auf Bundesebene sowie für die Krankenhäuser seien abgeschlossen, berichtete Mohr (Kasten), die Umsetzung auf Landesebene werde derzeit ausgehandelt. Für die Zahnärzte gebe es dagegen noch kein verbindliches Finanzierungsmodell. Erst wenn dieses vorliege und eine hinreichende Zahl von stationären und mobilen Lesegeräten zugelassen sei, werde der Rollout beginnen, sagte Mohr.

Engpass bei den Lesegeräten
Für die betroffenen niedergelassenen Ärzte ändert sich durch den Rollout zunächst nicht viel: Sie müssen sich neue Kartenlesegeräte anschaffen, die noch nicht an den Konnektor für die Onlineanbindung an die Tele­ma­tik­infra­struk­tur, sondern direkt an die Praxisverwaltungssoftware angeschlossen werden. Gefördert werden nach der Finanzierungsvereinbarung nur onlinefähige sogenannte E-Health/BCS-Geräte, die technisch erweiterbar sind. Zwar soll noch im vierten Quartal 2008 mit dem Rollout der Lesegeräte begonnen werden, der genaue Ablauf des Beschaffungsvorgangs für die Arztpraxis steht derzeit jedoch noch nicht fest. Der Hauptteil der Arztpraxen wird ohnehin erst im ersten Quartal 2009 ausgestattet. Entsprechend wird die Ausgabe der Chipkarten an die Versicherten frühestens Ende des ersten Quartals 2009 beginnen können.

Die Haupthürde für den pünktlichen Start ist derzeit allerdings der Engpass bei den Kartenlesegeräten: Diese müssen sowohl von der Gematik, die die Funktionstüchtigkeit prüft, als auch vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik, das die Sicherheit zertifiziert, zugelassen sein. Derzeit sind acht stationäre E-Health/BCS- und vier mobile Lesegeräte im Zulassungsverfahren, jedoch ist noch keins davon zugelassen.

Ein weiterer Flaschenhals ist die Anpassung der Praxisverwaltungssysteme durch die Softwarehäuser: Letztere sind mit der Umsetzung vieler neuer gesetzlicher Anforderungen anderweitig ausgelastet, sodass bislang erst rund 15 Systeme (von rund 160) zur Prüfung angemeldet sind, doch auch hier ist noch kein System zugelassen.

Prüfung der Versichertendaten als erste Onlineanwendung
Der Basisrollout der eGK mit Bild sei nur der notwendige erste Schritt, um die Komplexität des Telematikprojekts für die Nutzer zu begrenzen und Missbrauch zu reduzieren, sagte Dr. Doris Pfeiffer, Vorstandsvorsitzende des Spitzenverbandes Bund. „Von den freiwilligen Anwendungen erhoffen wir uns weiteren Nutzen.“ In Abänderung der ursprünglichen Planung, nach der zunächst das elektronische Rezept online umgesetzt werden sollte, ist jetzt als nächster Schritt die Onlineanbindung der Arztpraxen für den Versichertenstammdatendienst (VSD) der Krankenkassen vorgesehen. Die Kassen haben ein großes Interesse daran, administrative Daten ihrer Versicherten per Onlineupdate aktualisieren zu können, um dadurch Kosten für den Austausch von Versichertenkarten einzusparen. Darüber hinaus soll möglichst rasch die gesicherte Punkt-zu-Punkt-Kommunikation realisiert werden, um beispielsweise den elektronischen Arztbrief zu ermöglichen. Damit entspreche man einer alten Forderung der Leistungserbringer nach einer sicheren und mit Verschlüsselungsmechanismen arbeitenden Infrastruktur für die ärztliche Kommunikation, erläuterte Norbert Paland, Leiter der Gruppe Telematik im Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium.

Geringe Zahl von Testfällen
Parallel zu den Vorbereitungen für den Basisrollout erproben in den sieben Testregionen inzwischen 188 Ärzte, 115 Apotheken und elf Krankenhäuser weitere Anwendungen der eGK. Noch bis Januar 2009 ist man dort dabei, offline, jedoch mit Einsatz des Konnektors, verschiedene Anwendungsszenarien und das Zusammenspiel von eGK und elektronischem Heilberufsausweis zu testen: das Einlesen der Versichertenstammdaten, das Erstellen, Transportieren und Einlösen des elektronischen Rezepts sowie das Anlegen, Speichern und Aktualisieren des Not­fall­daten­satzes. Auf diese Teststufe (Release 1) soll im Juli 2009 der Release 2A folgen: der VSD im Onlinemodus. Der Feldtest des Online-Verordnungsdatendienstes ist dagegen jetzt erst für den Sommer 2010 vorgesehen.

Ernüchternd sind die bisherigen Erfahrungen in den Testregionen. Generell zeigt sich, dass die Versicherten die eGK, abgesehen vom Einleseprozess der Versichertendaten, sehr zurückhaltend einsetzen. So werde nur rund die Hälfte der elektronisch ausgestellten Rezepte in der Apotheke tatsächlich auch elektronisch eingelöst, der Not­fall­daten­satz bislang nur vereinzelt genutzt, berichtete Martin Hördt aus der Testregion Bochum/Essen. Überdies sei der Aufwand für das manuelle Erstellen des Not­fall­daten­satzes zu hoch, weil meist keine Datenübernahme aus bestehenden Systemen möglich sei. Aufgrund der geringen Zahl von „Fällen“ lasse sich die Praxistauglichkeit dieser Anwendungen somit noch nicht beurteilen.

Jan Meincke, Projektleiter der Testregion Flensburg, verwies darauf, dass gerade die älteren Versicherten, die eigentlichen „Power-User“ der eGK, mit dem PIN-Verfahren Schwierigkeiten hätten. Abhilfe könnte hier eine Art „Treuhänderverfahren“ schaffen, bei dem zum Beispiel der Hausarzt die PIN seines Patienten auf dessen Wunsch hin verwaltet.

Ergonomische Mängel, fehlende Funktionalitäten und unzureichende Performance zählen ebenfalls zu den häufig geäußerten Kritikpunkten. „Die Mängelbehebung beziehungsweise die Qualitätsverbesserung der Systeme dauert zu lange“, monierte Dr. Jürgen Faltin, Testregion Trier. Dies habe eine verminderte Testbereitschaft zur Folge. „Die Akzeptanz steigt, wenn Systemverbesserungen zeitnah umgesetzt werden“, so Faltin. Er verwies darüber hinaus auf das Softwaretool „iEvaluate“, das in Rheinland-Pfalz statt manueller Strichlisten eingesetzt wird, um die Zahl der Geschäftsprozesse und Fehler im laufenden Betrieb automatisiert zu erfassen und zu analysieren. Geplant ist, dieses Verfahren in allen Testregionen einzuführen.
Heike E. Krüger-Brand

Finanzierung:
Das Finanzierungsmodell für den eGK-Basisrollout, das die Kassenärztliche Bundesvereinigung und die Krankenkassen zum 1. Juli 2008 vereinbart haben, sieht vor:
- Für die stationären und mobilen Kartenterminals, die die SICCT-E-Health-Spezifikationen erfüllen (= E-Health/BCS- Terminals), wird jeweils eine Pauschale gezahlt.
- Für installationsbedingte Aufwendungen einschließlich der Anpassung der Praxisverwaltungssoftware erhalten die Praxen einen Zuschlag, und zwar 50 Prozent der Pauschale für das Kartenterminal.
- Die Regelung für stationäre Geräte gilt auch für Zweitgeräte, sofern sie in genehmigten Zweigpraxen und ausgelagerten Praxisstätten eingesetzt werden. Faustregel: für jede (Neben-)Betriebsstättennummer ein Gerät.
- Ärzte, die regelmäßig am Notfalldienst teilnehmen oder Hausbesuche machen, erhalten die Pauschale für mobile Lesegeräte.
Die Gematik ermittelt die Pauschalen anhand einer Marktpreiserhebung, die einen Monat vor dem Beginn des Rollouts der Lesegeräte abgeschlossen sein muss. Die Praxen müssen über einem DIN-A4-Meldebogen „Antrag zur Kostenerstattung“ ihren Bedarf anzeigen.
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.