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Ärzteschaft

Ärzte wollen die Digitalisierung gestalten

Freitag, 7. Dezember 2018

Thomas Kriedel, KBV-Vorstand / Georg J. Lopata

Berlin – Die Digitalisierung im Gesundheitswesen ist ein Feld, in dem die Vertragsärzte und -psychotherapeuten zunehmend selbstbewusst agieren und die Rahmenbe­dingungen mitgestalten wollen. Das wurde bei der heutigen Ver­tre­ter­ver­samm­lung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) in Berlin deutlich. Ein Signal dafür ist aus Sicht der KBV die elektronische Patientenakte (ePA).

In einem kürzlich von KBV, Kassenzahnärztlicher Bundesvereinigung und GKV-Spitzen­verband beschlossenen Letter of Intent hat die KBV die Verantwortung für die medizinischen Standards in der ePA übernommen. „Wenn das Ministerium eine schnelle und verbindliche Umsetzung der ePA und der digitalen Kommunikation möchte, „dann sind wir es, die das zügig umsetzen können“, betonte Thomas Kriedel, Mitglied des KBV-Vorstands, heute in seiner Rede vor der Ver­tre­ter­ver­samm­lung.

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„Die KBV verfügt über Erfahrung in Standardisierung und Zertifizierung und würde sich selbstverständlich nach internationalen Standards richten und sich mit anderen Akteuren ins Benehmen setzen“, versicherte er. Zudem spielten bei der KBV wirtschaft­liche Interessen keine Rolle, wies Kriedel Kritik an dieser Aufgabenverteilung zurück. Die KBV rechne mit einer entsprechenden Gesetzesinitiative spätestens bis zum Sommer 2019 und bereite sich bereits darauf vor.

Schlanke E-Health-Struktur

Nachdem mit der Tele­ma­tik­infra­struk­tur (TI) die Datenautobahn weitgehend steht, ist Kriedel zufolge eine Aufteilung der Zuständigkeiten bei den Anwendungen ­– und damit eine „schlanke E-Health-Struktur ohne Entscheidungsstau“ – sinnvoll: „Die gematik war vor allem notwendig für den Start und Aufbau der Infrastruktur im deutschen Gesundheitswesen. Jetzt kommt es auf die sinnvolle Arbeitsteilung zwischen denjenigen Akteuren an, die von den Konsequenzen betroffen sind.“ Als Beispiel dafür nannte er das elektronische Rezept. Es sei zu begrüßen, dass Bundesgesundheits­minister Jens Spahn (CDU) hier nicht die gematik, sondern die Betroffenen, also Ärzte, Apotheker und Krankenkassen, in der Verantwortung sehe.

Erfolgreich war die KBV Kriedel zufolge zudem bei der vom Gesetzgeber geforderten Erarbeitung der Archivierungs- und Wechselschnittstelle für Praxisverwaltungssysteme (PVS), die Ärzten künftig die systemneutrale Archivierung der Patientendaten und den Wechsel ihrer PVS erleichtern soll. Dieses Projekt habe die KBV in Rekordzeit und unter Beifall der Industrie erledigt, berichtete Kriedel.

Die Schnittstelle basiert auf dem internationalen sektorenübergreifenden HL7 FHIR-Standard. Mit Aufnahme in das Interoperabilitätsverzeichnis vesta der gematik haben die Softwarehersteller zwei Jahre Zeit, um die Schnittstelle in ihren Systemen umzusetzen. Einem entsprechenden Antrag (TOP 5.2) zur Festlegung der PVS-Archivierungs- und Wechselschnittstelle stimmte die Ver­tre­ter­ver­samm­lung zu.

Gesundheitsakte mit KV-Connect

Ein ähnliches Erfolgsprojekt ist aus Sicht der KBV auch der ärztliche Kommunikations­dienst KV-Connect, der inzwischen nicht nur im KV-System, sondern auch von anderen Akteuren im Gesundheitswesen genutzt wird. So hat etwa die Techniker Krankenkasse (TK) ihre elektronische Gesundheitsakte an die neue Schnittstelle KV-Connect mobile angebunden, damit Ärzte ihren Patienten auf deren Wunsch hin die Behandlungsdaten auch elektronisch zur Verfügung stellen können.

„Das heißt jedoch nicht, dass die KBV gemeinsam mit der TK eine Gesundheitsakte anbietet oder dass die KBV die Praxen an ein TK-Netz anschließt“, stellte Kriedel klar. Ebenso wenig sei die KBV an der Kooperation der TK mit der Diagnose-App ADA Health beteiligt. „Ob eine Diagnose-App sinnvoll ist, muss sich erst noch erweisen. Ich würde sagen: Wenn überhaupt, dann in den Händen der Ärzte“, meinte Kriedel.

Ähnlich kritisch hatte zuvor der stellvertretende KBV-Vorstandsvorsitzende Stephan Hofmeister die Kooperation von TK und ADA Health als „Vorzeichen einer problematischen Fehlentwicklung“ beurteilt. „Wenn Krankenversicherer beginnen, die Versorgung zu steuern, dann tun sie das nur aus einem einzigen Grund: um Kosten zu sparen. Um Versorgung geht es dabei bestenfalls sekundär“, erklärte Hofmeister.

Stephan Hofmeister, stellvertretender KBV-Vorsitzender /Georg J. Lopata

Ein solches System könne wohl kaum im Interesse des Patienten sein. Die Ärzte sollten daher diese TK-ADA-Kooperation genau im Auge behalten und „schon heute die Diskussion darüber führen, wie weit wir uns an einem solchen System beteiligen oder uns davon abgrenzen wollen“, empfahl Hofmeister.

Auch bei der Verringerung der hohen Bürokratielast in den Arzt- und Psychothera­peutenpraxen kann die Digitalisierung aus Sicht der KBV hilfreich sein. Kriedel verwies auf den Bürokratieindex 2018, wonach Praxen 60 Arbeitstage im Jahr durch Dokumentationspflichten verlieren. „Das entspricht fast einem Tag pro Woche. Wir brauchen ein verbindliches Abbauziel von 25 Prozent – dann hätten Ärzte 13 Millionen Stunden pro Jahr mehr Zeit für ihre Patienten. Dies wäre rechnerisch ein Plus von mehr als 4.000 Ärzten“, sagte Kriedel.

KVen sind keine Gerichtsvollzieher

Deutliche Worte fand Kriedel auch im Hinblick auf eine neue Richtlinie des Gemein­samen Bundes­aus­schusses (G-BA), die ab 2019 die datengestützte einrichtungs­übergreifende Qualitätssicherung einschließlich der Rechte und Pflichten der Kassen­ärztlichen Vereinigungen (KVen) dabei regelt. „Wir verstehen Qualitätssicherung als Möglichkeit, die Versorgung zu verbessern, doch man muss uns lassen“, erklärte der KBV-Vorstand.

Die Richtlinie sieht bei auffälligen Daten zwei Eskalationsstufen vor: In der ersten Stufe werden die Praxen beraten und bei der Behebung der Ursachen unterstützt, etwa durch die verpflichtende Teilnahme an Qualitätszirkeln. Erst in der zweiten Stufe sollen dann die KVen ins Spiel kommen und Sanktionen festlegen und umsetzen. Gegen diese „Position eines bloßen Gerichtsvollziehers“ protestiert die KBV vehement. „Nicht um Kontrollieren und Strafen geht es, sondern um Fördern und Verbessern. Beides, Verbesserungsvorschläge und Maßnahmen, gehört in eine Hand – in die der KV“, forderte Kriedel. Eine Präzisierung der Richtlinie in diesem Sinne sei daher dringend notwendig.

Konnektor-Kritik

In der Aussprache verwies Werner Baumgärtner, Delegierter der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg, auf noch offene Probleme bei der Anbindung der Vertragsärzte und -psychotherapeuten an die TI, die insbesondere den Konnektor betreffen. Die Technik sei veraltet und ungebräuchlich.

„Niemand baut ein Netz von Konnektoren auf in der Welt, aber wir werden dazu gezwungen“, kritisierte Baumgärtner. Zudem funktioniere die Installation in manchen Praxen nicht, und die Kostenerstattung für die Anbindung an die TI sei unzureichend. Vor diesem Hintergrund bereite der Medi-Bund derzeit eine Musterklage vor, so Baumgärtner. © KBr/aerzteblatt.de

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Avatar #88767
fjmvw
am Samstag, 8. Dezember 2018, 12:45

Baumgärtner vertritt Ärzteinteressen - Gassen sind Ärzteinteressen egal

owT
LNS