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Intensivmedizin: Spezialwissen besser nutzen

Haserück, André

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Jährlich werden in Deutschland 2,1 Millionen Patienten auf Intensivstationen behandelt – oft verbleiben Langzeitfolgen, die mit Leid für Patienten und Angehörige sowie Kosten für die Allgemeinheit verbunden sind. Ein Modell der Charité soll bestehende Versorgungsdefizite mindern.

Das Versorgungsmodell ERIC soll die intensivmedizinische Versorgung optimieren. Foto: picture alliance/dpa/Rolf Vennenbernd
Das Versorgungsmodell ERIC soll die intensivmedizinische Versorgung optimieren. Foto: picture alliance/dpa/Rolf Vennenbernd

Allein auf die Akutphase der intensivmedizinischen Behandlung beatmeter Patientinnen und Patienten entfallen 13 bis 14 Prozent der Gesamtkosten des stationären Gesundheitssektors. Dazu kommen für die Betroffenen leidvolle und für das Gesundheitssystem kostspielige Langzeitfolgen – beispielsweise Organfunktionsstörungen die zur Langzeitbeatmung führen können, kognitive Störungen und der Verlust von Mobilität.

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Solche Beeinträchtigungen bezeichnet man zusammengefasst als „Post-Intensive Care Syndrome“ (PICS). Um diese Langzeitfolgen zu vermeiden, ist eine hohe Behandlungsqualität während der intensivmedizinischen Behandlung von großer Wichtigkeit. Hierfür hat die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) Qualitätsindikatoren (QIs) in dritter Auflage festgelegt, deren konsequente Umsetzung zur Verhütung von Langzeitschäden beitragen kann.

Diese Qualitätsindikatoren und das notwendige Spezialwissen in Bezug auf die Umsetzung einfacher und zugleich strukturierter als bisher in die Versorgung zu bringen, ist das Ziel des im Rahmen des Innovationsfonds geförderten Projektes „Enhanced Recovery after Intensive Care“ (ERIC).

Zentrale E-Health-Plattform

Dafür wurde eine zentrale E-Health-Plattform aufgebaut, die die Kommunikation und die Datenerfassung der beteiligten Krankenhäuser in einem telemedizinischen Zentrum bündelt und so verbessern soll. Über dieses Zentrum erhalten die Patienten tägliche telemedizinische Visiten durch erfahrene Intensivmediziner der Tele-ICU der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Konkreter Fokus der Visiten ist die Erfüllung der Qualitätsindikatoren der DIVI, deren Einhaltung täglich patientenindividuell erfasst wird.

Ganzheitlicher Therapieansatz
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Ganzheitlicher Therapieansatz

Zusätzlich enthält das Modell ein kompetenzbasiertes Qualifizierungs- und Personalentwicklungskonzept zur lokalen und regionalen Verbesserung der Behandlungsqualität. Das ERIC-Training soll bei der Umsetzung der Qualitätsindikatoren auf den Intensivstationen der Kooperationskliniken unterstützen und beteiligte Ärztinnen und Ärzte, Pflegekräfte oder auch Mitarbeiter in anderen Gesundheitsberufen gezielt auf die tägliche QI-Visite per telemedizinischer Anbindung vorbereiten.

Mittels der sich an den Bedürfnissen der Patienten und Angehörigen orientierenden Qualitätsindikatoren soll so schon möglichst frühzeitig das sogenannte rehabilitative Potenzial der Patienten ermittelt und entsprechend gesteuert werden. So lassen sich beispielsweise Fragen, welche Rehabilitationsmaßnahmen zum jetzigen oder späteren Zeitpunkt sinnvoll sind und wo Ressourcen effizient eingesetzt werden können, mithilfe der telemedizinischen Plattform unter Nutzung der kollegialen Expertise beantworten.

Versorgungsebenen vernetzen

Der Visitenroboter Vita, welcher in die ERIC-Kommunikationsplattform eingebunden ist. Foto: Charité
Der Visitenroboter Vita, welcher in die ERIC-Kommunikationsplattform eingebunden ist. Foto: Charité

Die geschaffene telemedizinische Plattform dient in diesem Zusammenhang auch dazu, die akute stationäre Versorgung mit den nachgeschalteten Versorgungsstrukturen – wie etwa Rehabilitationszentren oder Hausärzte – zu vernetzen. So soll das vorhandene intensivmedizinische Spezialwissen auch für diese wichtigen Bereiche verfügbar gemacht werden.

„Wir stellen die intensivmedizinische Erfahrung der Charité und den evidenzbasierten Wissensstandard breit zur Verfügung und unterstützen die Versorgung intensivpflichtiger Patienten auf anderen Intensivstationen in der Region – dieser kollegiale Austausch ist im Ernstfall bei Beatmungspatienten enorm wichtig“, betont Professor Dr. med. Claudia Spies, Direktorin der Klinik für Anästhesiologie mit Schwerpunkt operative Intensivmedizin an der Charité. Im derzeitigen Versorgungssystem würden vier von zehn beatmete Patienten auch drei Monate nach der Entlassung noch kognitive Beeinträchtigungen zeigen. Diese würden oft einer milden Alzheimer-Erkrankung gleichkommen – aber auch Symptome einer Depression, Anzeichen einer posttraumatischen Belastungsstörung sowie Einschränkungen bei der Mobilität seien oft festzustellen. Intensivpatienten bräuchten daher eine möglichst engmaschige Behandlung.

Zu der Kommunikationsplattform gehört auch der Visitenroboter Vita für die Stationen vor Ort. Per Audio- und Video-Übertragung schalten sich die Experten der Charité über Vita zur gemeinsamen Visite dazu. Unter Nutzung dieser Instrumente hat die Charité bereits zu Beginn der Coronapandemie für Berlin das Save-Konzept entwickelt. Als Level-1-Klinik steuert die Charité dabei berlinweit die Belegung der Intensivbetten und versorgt die schwersten COVID-19-Fälle. Zusätzlich werden die intensivpflichtigen Patienten in anderen Krankenhäusern der Region telemedizinisch mitbetreut. Alle Berliner Level-2-Kliniken sind mit entsprechendem Telemedizin-Equipment und Visitenrobotern ausgestattet worden. „Die Vita kann mit der Kamera nahe an den Patienten heranfahren. Wir erarbeiten gemeinsam mit dem Behandlungsteam vor Ort Strategien und können im Bedarfsfall beraten und unterstützen“, erklärt Dr. med. Björn Weiß, Oberarzt der Klinik für Anästhesiologie mit Schwerpunkt operative Intensivmedizin an der Charité und Koordinator des ERIC-Projekts. Dazu zählen beispielsweise pflegerische Tipps zur optimalen Anwendung der Bauchlage, Hilfestellungen zur optimalen Einstellung der Beatmungsgeräte oder auch zur Dosierung der antiviralen COVID-Therapie und Sedierung.

Breit aufgestellte Partnerschaft

Das Projekt wird für 44 Monate mit insgesamt etwa 6,8 Millionen Euro aus dem Innovationsfonds gefördert. Konsortialpartner der Charité sind die Universität München, die Technische Universität Berlin, das Fraunhofer-Institut für Offene Kommunikationssysteme FOKUS, das Ernst von Bergmann Klinikum sowie die Krankenkasse Barmer. Das Institut für Medizinische Informationsverarbeitung, Biometrie und Epidemiologie der Ludwig-Maximilians-Universität in München hat die Rolle des Evaluationspartners übernommen. Ein Evaluationsergebnis soll im Frühjahr vorliegen.

Stellt dann der zuständige Innovationsausschuss beim Gemeinsamen Bundes­aus­schuss (G-BA) fest, dass das Modell in die Regelversorgung überführt werden soll, haben die Gremien des G-BA ein Jahr Zeit, die Aufnahme in die Regelversorgung zu beschließen. Zudem müssten dann die im Projekt erbrachten zusätzlichen Leistungen in den Klinikfallpauschalen abgebildet werden.

Im Erfolgsfall könnte mit der bundesweiten Übertragung der neuen Versorgungsform auf andere Regionen die intensivmedizinische Behandlung in Deutschland nochmals verbessert werden. André Haserück

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