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Ernährungskompetenz der Deutschen ist problematisch

Dienstag, 16. Juni 2020

/picture alliance, Benjamin Nolte ernährung

Berlin – Mehr als jeder zweite Deutsche kennt sich kaum oder gar nicht mit ausgewo­ge­ner Ernährung aus. Das zeigt eine repräsentative Studie zur Ernährungskompetenz, die der AOK-Bundesverband heute in Berlin vorstellte.

Damit verfügten etwa 1,3 Millionen Bundesbürger nicht über das Wissen und die Fähig­keiten, Essen so zu planen, auszuwählen und vorzubereiten, dass ernährungs­relevante Bedürfnisse sowie der Bedarf an Nährstoffen gedeckt werden. Dazu zählten besonders häufig junge Erwachsene und Menschen mit geringem Einkommen.

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Für ihre Untersuchung stimmte die AOK einen Katalog von 29 Fragen mit dem Bundes­ministerium für Ernährung und Landwirtschaft sowie mit dem Bundeszentrum für Ernäh­rung und dem für gesunde Ernährung zuständigen Max-Rubner-Institut ab. Vorlage war eine niederländische Studie zum gleichen Thema.

Die Fragen legten die Autoren knapp 2.000 zuvor repräsentativ ausgewählten Probanden im Alter von 18 bis 69 vor. Diese sollten ergänzend sechs Fragen zu den Nährwert-Anga­ben auf einer Eiscremepackung beantworten, um zu prüfen, ob sie diese verstanden hatten. Aus den Ergebnissen berechneten die Autoren einen Wert, der Aufschluss über die Ernährungs­kompetenz geben sollte. Diese konnte „inadäquat“, „problematisch“, „ausrei­chend“ oder „exzellent“ sein.

Besonders die Gruppe der 18- bis 24-Jährigen gibt demnach Anlass zur Sorge. „Nur jeder dritte junge Erwachsene weiß, wie gesunde Ernährung funktioniert. Das ist alarmierend“, erklärte der Vorsitzende des AOK-Bundesverbandes Martin Litsch.

Ergebnisse bereiten Sorgen

Dieses Unwissen könne vor allem für Kinder junger Eltern zum Problem werden, befürch­tet Berthold Koletzko, Vorsitzender der Ernährungskommission der Deutschen Gesell­schaft für Kinder- und Jugendmedizin, der die Studienergebnisse gemeinsam mit Litsch kommentierte.

Immer weniger junge Eltern könnten selbstständig aus Grundnahrungsmitteln Mahl­zeiten kochen und würden stattdessen zu Fertigprodukten greifen, die „regelmäßig zu viel Zu­cker, gesättigtes Fett und Salz enthalten“.

Frauen schneiden laut Studie in puncto Ernährungskompetenz merklich besser ab als Männer. 53 Prozent der weiblichen Befragten hatte demnach ausreichende Kenntnisse, 46 problematische und nur ein Prozent inadäquate.

Bei den Männern verfügten den Ergebnissen zufolge nur 38 Prozent über eine ausrei­chen­de Ernährungskompetenz, mit 58 Prozent deutlich mehr als die Hälfte über eine problematische und drei Prozent über eine inadäquate Ernährungskompetenz. Mit einem Prozent war allerdings nur bei den Männern auch der vierte mögliche Wert vertreten: Exzellente Kenntnisse.

Migrationshintergrund förderlich

Ein Migrationshintergrund beeinflusste das Level der Ernährungskompetenz leicht zum Positiven. Ursache könnte die gesundheitsförderliche mediterrane Ernährung sein, ver­mu­tet Kai Kolpatznik, Leiter der Abteilung Prävention des AOK-Bundesverbandes, der die Studie vorstellte. „Dabei werden gemeinsam viele frische Produkte gekocht.“ Bei Familien mit Migrationshintergrund sei das in Deutschland üblicher als bei solchen ohne.

Deutlich bemerkbar machen sich nach Angaben der Autoren hingegen Bildung und Ein­kommen. Je höher der Bildungsabschluss und das Gehalt umso höher sei auch die Ernäh­rungskompetenz. In diesem Punkt spiegele sich auch die rasch zunehmende soziale Un­gleichheit bei Krankheitsrisiken, erklärte Koletzko.

„Mittlerweile übersteigt beispielsweise das Adipositasrisiko von Kindern aus sozioöko­no­misch benachteiligten Familien das von Kindern aus Familien mit hohem sozioöko­nomi­schen Status um mehr als das Vierfache“, so der Mediziner.

Das speziell für Familien entwickelte Informationsangebot der Bundesregierung zu ge­sun­der Ernährung erreiche die Risikogruppen offenbar nicht und müsse durch andere präventive Maßnahmen ergänzt werden. So sollten etwa keine zuckerhaltigen Getränke mehr in Schulen verkauft werden und eine ausgewogene Schulspeisung für alle Schüler angeboten werden.

Zudem fordern Krankenkassen, Mediziner und Gesundheitsverbände bereits seit Jahren eine drastische Einschränkung von Werbung für stark zuckerhaltige Lebensmittel, die sich gezielt an Kinder richtet sowie eine Reduktion gesundheitsschädlicher Bestandteile in Lebensmitteln. Nach wie vor enthalten beispielsweise rund 80 Prozent der Fertig­lebens­mittel in den Supermärkten zugesetzten Zucker.

Zwar verabschiedete das Bundeskabinett bereits im Dezember 2018 eine nationale Re­duk­­tionsstrategie, im Rahmen derer die Gehalte an Zucker, Salz und Fett in Zusammen­arbeit mit der Lebensmittelbranche schrittweise reduziert werden sollten.

„Doch die ersten Monitoringergebnisse vom April 2020 waren ernüchternd und in keiner Weise zufriedenstellend“, so Litsch. Es gebe keine verbindlichen Ziele. Wie auch beim lange umstrittenen Nutri Score, der Nährwertangaben vereinfacht darstellt und Verbrau­chern das Vergleichen von Lebensmitteln erleichtern soll, setze das Bundesernäh­rungs­ministerium weiterhin auf Freiwilligkeit, kritisierte Litsch.

Selbst aus der Wirtschaft gebe es mittlerweile Forderungen nach einer verpflichtenden Einführung dieser Kennzeichnung auf europäischer Ebene. „Wir hoffen, dass sich die deutsche Regierung im Rahmen ihrer Ratspräsidentschaft hierfür einsetzen wird“, so Litsch. © alir/aerzteblatt.de

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