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Medizin

Gonorrhö: Gefährliche Azithromycin­-Resistenz jetzt auch in Deutschland

Freitag, 9. August 2019

CDC/SGO - picture-alliance

Berlin – Ein hoch-resistenter Stamm von Neisseria gonorrhoeae, bei dem auch das letzte einsetzbare Antibiotikum nicht sicher wirkt, hat möglicherweise Deutschland erreicht. Mitarbeiter des Robert Koch-Instituts berichten im Epidemiologischen Bulletin (2019; 32/33: 299) über einen Mann, bei dem der high-level-Azithromycin-resistente N.-gonorrhoeae-Stamm „HL-AziR-NG“ nachgewiesen wurde.

Der 42-jährige Mann hatte sich Ende Juni 2019 in Berlin ambulant wegen Ausfluss und Dysurie vorgestellt. Seine Sexualpartnerin war ebenfalls erkrankt. Die Ärzte schickten ein Isolat vom Mann an das Nationale Konsiliarlabor für Gonokokken. Dort wurde bei einer Resistenztestung „HL-AziR-NG“ nachgewiesen. Die Neisserien waren auch gegen Tetrazykline resistent, produzierten aber keine beta-Laktamase. Die Behandlung der beiden Patienten mit Ceftriaxon 1 g i.v. und Azithromycin 1,5 g per os, die heute Standard ist und empirisch, also vor Kenntnis der Resistenztests durchgeführt wird, könnte deshalb erfolgreich gewesen sein. Bei der Frau wurde laut dem Bericht die Eradikation des Erregers bereits nachgewiesen, beim Mann stehe die Kontrolle noch aus.

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Die Infektiologen beunruhigt die Tatsache, dass sowohl der Mann als auch die Frau versicherten, Deutschland in der letzten Zeit nicht verlassen zu haben. Sie verneinten insbesondere einen Aufenthalt in England oder Australien. Dort hat sich „HL-AziR-NG“ in den letzten Jahren ausgebreitet. In Großbritannien ist es seit Herbst 2014 zu einem fortlaufenden Ausbruch mit mehr als hundert Fällen einer Gonorrhö gekommen, die bisher nicht gestoppt wurde.

Wenn die Aussagen der Patienten zutreffen und sie sich im Inland infiziert haben, dann könnte sich „HL-AziR-NG“ bereits in Deutschland ausgebreitet haben. Da bei der Erst­behandlung oft auf eine Resistenzprüfung verzichtet wird, könnte die „HL-AziR-NG“ zunächst unerkannt bleiben. Erst wenn die Erreger zusätzlich eine weitere Resistenz gegen Cephalosporine erwerben, käme es zum Versagen der Ersttherapie. 

Das wäre zwar noch nicht das Ende der Therapierbarkeit von N. gonorrhoe, wohl aber das Ende der ambulanten Einmalgabe. Die Mitarbeiter des Robert Koch-Instituts halten deshalb Resistenzstests für unerlässlich. Die Ärzte sollten auf eine Erfolgskontrolle der Therapie drängen und ungewöhnliche Resistenzen melden. © rme/aerzteblatt.de

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Avatar #691359
Staphylococcus rex
am Sonntag, 11. August 2019, 22:27

Beta-Laktamase Produktion?

Beim Abschreiben des Originalartikels aus dem Epidemiologischen Bulletin ist dem DÄ ein Fehler unterlaufen: Die kalkulierte Therapie hat deshalb funktioniert, weil das Isolat KEINE beta-Laktamase bildet. Die originale Formulierung im DÄ ist dagegen in sich widersprüchlich und unverständlich:
„Die Neisserien waren auch gegen Tetrazykline resistent, produzierten aber eine beta-Laktamase. Die Behandlung der beiden Patienten mit Ceftriaxon 1 g i.v. und Azithromycin 1,5 g per os, die heute Standard ist und empirisch, also vor Kenntnis der Resistenztests durchgeführt wird, könnte deshalb erfolgreich gewesen sein. “

In der Originalquelle sieht es dagegen so aus:
„Die Bestimmung der Antibiotikaempfindlichkeit via Gradienten-Diffusionstest zeigte einen HL-AziR-NG (MHK>256 mg/L), eine Resistenz gegenüber Tetracyclinen (1,5 mg/L) und eine intermediäre Empfindlichkeit gegenüber Penicillin (MHK = 0,38 mg/L) ohne Nachweis von beta-Lactamaseproduktion. Die Empfindlichkeitstestungen für Cefixim (MHK=0,016 mg/L), Ceftriaxon (MHK=0,004 mg/L) und Ciprofloxacin (MHK= 0,008 mg/L) fielen sensibel aus. Die Beurteilung der Empfindlichkeit erfolgte basierend auf den Grenzwerten von EUCAST 9.0.“

Sollten alle Resistenzen in einem Isolat zusammen treffen, dann könnte es problematisch werden. Das wäre zwar noch nicht das Ende der Therapierbarkeit von Neisseria gonorrhoe, wohl aber das Ende der ambulanten Einmalgabe. Zumindest bei disseminierter Infektion empfiehlt die aktuelle Leitlinie bereits jetzt eine mehrtägige iv-Therapie.
https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/059-004l_S2k_Gonorrhoe-Diagnostik-Therapie_2019-03.pdf

Das ist richtig, vielen Dank für Ihren Hinweise. Wir haben den Fehler korrigiert.

Beste Grüße

Redaktion DÄ
LNS