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Politik

Missstände in der Hebammenversorgung in Nordrhein-Westfalen

Mittwoch, 20. November 2019

/dpa

Bochum – Krankenhäuser, die Frauen in den Wehen abweisen müssen und Hebammen, die Alarm schlagen. Eine landesweite Untersuchung zur Hebammenversorgung in Nord­rhein-Westfalen (NRW) zeigt nun die bestehenden Missstände auf.

Von einer „besorgniserregenden Situation“ spricht Nicola Bauer, Leiterin des Studienbe­reichs Hebammenwissenschaft an der Hochschule für Gesundheit in Bochum, angesichts der Ergebnisse. Die Hochschule für Gesundheit hat Tausende Mütter und Hebammen zur Teilnahme aufgerufen. Antworten von 1.783 Müttern sowie 1.924 Hebammen flossen in die Untersuchung ein.

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So gab jede vierte der befragten Hebammen an, dass ihr Kreißsaal in den vergangenen vier Wochen vorübergehend geschlossen werden musste, weil Personal fehlte oder kein Platz da war. Jede siebte befragte Mutter hätte sich während der Geburt mehr Betreuung durch die Hebamme gewünscht – eine Mehrheit von 78,3 Prozent war jedoch zufrieden. Ein geringer Anteil von 1,1 Prozent der Frauen berichtete, zu Geburtsbeginn von der Wunschklinik angewiesen worden zu sein.

Deutliche Worte kommen dazu vom Hebammenverband. „Dass eine Hochschwangere vor verschlossenen Türen steht, darf einfach nicht passieren. Da ist jeder Fall einer zu viel“, kritisierte Daniela Erdmann, Vizevorsitzende des Hebammenverbandes NRW.

Sie glaube zudem, das die Studie, an der sich überproportional viele gut gebildete Frauen beteiligten, nicht die gesamte Versorgungslücke abbilde. „Dass selbst vor dem Hinter­grund dieser Verzerrung es immer noch so viele Frauen gibt, die über nicht ausreichende Be­treuung klagen, ist ein Alarmsignal“, findet Erdmann.

„Eine gut betreute Geburt ist eine wichtige Weichenstellung für die Gesundheit des Kin­des und der Mutter“, sagt die Hebammenwissenschaftlerin Bauer. Vorschnelle Kaiser­schnitte oder traumatisierende Geburtsverläufe für die Mutter könnten die Folge eines mangel­haften Versorgungssystems sein.

„Bis zu einer an den Bedürfnissen der Familie orientierten Geburtshilfe ist es noch ein weiter Weg“, kritisiert auch Katharina Desery, Sprecherin der Elterninitiative Mother Hood. Übervolle Geburtsstationen und Hebammen, die zu wenig Zeit haben: „Das sorgt für enormen Stress, der den Geburtsverlauf hemmen kann und so eine Spirale unnötiger medizinischer Eingriffe in Gang setzt“, sagt Desery.

Engpässe bei Schwangeren- und Wochenbettbetreuung

Auch bei Schwangeren- und Wochenbettbetreuung offenbart die Befragung Engpässe: Im Schnitt mussten Schwangere vier Hebammen kontaktieren, um eine Betreuung für das Wochenbett sicherzustellen. Das könne Frauen überfordern, warnen die Forscherinnen.

„Vor allem müssen Schwangere frühzeitig daran denken: Fast jede zweite Hebamme gibt an, für die nächsten sechs Monate ausgebucht zu sein“, sagt Bauer. „Eine Hebamme, die in der Wochenbettzeit nach Hause kommt, ist keineswegs nur ein Wellnessfaktor, sondern eine Kassenleistung.“

Bauer kritisiert zudem, dass es kein geordnetes Vorgehen für Frauen gebe, eine He­bam­me zu finden. Im Gegenteil: „Häufig wissen Frauen nur von Freundinnen oder anderen infor­mellen Quellen, was ihnen alles zusteht“, sagte Bauer. Das benachteilige Frauen bil­dungsferner und sozialbenachteiligter Schichten oder Migrantinnen mit mangelnden Deutschkenntnissen.

Die Studie legt außerdem eine sehr hohe Arbeitsbelastung vieler Hebammen in den Kli­ni­ken offen, betonte Bauer: Mit 43 Prozent gab fast die Hälfte aller im Krankenhaus täti­gen Geburtshelferinnen an, in den vergangenen vier Wochen per „Gefahrenanzeige“ Alarm über die Zustände geschlagen zu haben. Nur wenige der angestellten Hebammen haben keine Überstunden und jede zweite gibt an, einmal oder mehrmals die Woche angefragt zu werden, ob sie einspringen könne.

„Die Hebammen arbeiten, was sie können und können trotzdem nicht den Bedarf erfüll­en“, sagte Bauer. Auch der zuständige Berufsverband kritisiert die Situation. „Die hohe Arbeits­belastung von Hebammen ist ja nicht kein Privatproblem der Kolleginnen. Das hat konkrete Auswirkungen auf die Frauen und Kinder, wenn kommunikative und psychoso­ziale Aspekte der Betreuung einfach zu kurz kommen“, betont Erdmann vom Landesver­band der Hebammen.

Viele erfahrene Kräfte kehrten den Kreißsälen daher den Rücken, weiß Bauer. Die Folge sei sich verstärkender Fachkräftemangel. „Wir müssen darüber nachdenken, wie im He­bam­menberuf – auch angesichts von einem Durchschnittsalter von über 40 Jahren – alters­gerechtes Arbeiten möglich ist, etwa mit neuen Schichtmodellen oder einer Rotation zwischen Geburtshilfe und Wochenbettstation“, sagte Bauer.

Nordrhein-Westfalens Ge­sund­heits­mi­nis­ter Karl-Josef Laumann (CDU) betonte auf Anfra­ge die gute Erreichbarkeit der Geburtskliniken: So hatte die Mütterbefragung gezeigt, dass die Stationen im Durchschnitt binnen 24 Minuten zu erreichen waren. In Nordrhein-Westfalen liege man damit deutlich unter dem vorgegeben Richtwert.

Handlungsbedarf sieht der Minister dagegen bei der schwierigen Hebammensuche. Er wolle daher die Einrichtung einer digitalen Vermittlungsplattform für Hebammen unter­stützen. Um zunehmender Belastung von Hebammen in Kliniken entgegenzuwirken, setzt Laumann unter anderem auf qualifizierten Nachwuchs durch genügend Studienka­pazitä­ten. © dpa/aerzteblatt.de

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