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Ärzteschaft

Fachgesellschaften plädieren für Öffnung von Kitas und Schulen

Freitag, 22. Mai 2020

/picture alliance, Jens Büttner

Berlin – Kitas und Schulen sollten zeitnah wieder geöffnet werden. Der Schutz von Leh­rern, Erziehern und Eltern stehe dem nicht entgegen. Das schreiben die Deutsche Gesell­schaft für Krankenhaushygiene (DGKH), die Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infek­tiologie (DGPI), die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin (DAKJ), die Gesell­schaft für Hygiene, Umweltmedizin und Präventivmedizin (GHUP) und der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte in Deutschland (bvkj) in einer gemeinsamen Stellung­nahme.

Die fünf Verbände weisen auf eine geringere Rate symptomatischer Infektionen bei Kin­dern und Jugendlichen als bei Erwachsenen hin. Kinder und Jugendliche mit SARS-CoV-2-Infektion zeigten mehrheitlich entweder keine oder nur milde Symptome (CDC COVID-19 Response Team, 2020; Chidini et al., 2020; Frentheim, Stoltenberg, 2020). Selten komme es zu schweren Verläufen (Dong et al., 2020).

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Dynamik der weiteren Infektionsausbreitung durch Kinder gering

Die Bedeutung von Schul- und Kita-Schließungen auf die Dynamik der weiteren Infekti­ons­ausbreitung werde nach aktuellem Wissenstand als gering eingeschätzt (Ferguson, 2020; Viner et al., 2020).

Wesentliche Daten, die als Beleg für eine bedeutende Rolle von Kindern in der Pandemie-Dynamik herangezogen werden, wurden aus Untersuchungen von Influenzapandemien ge­wonnen, betonen die Verbände. Vergleichbare Daten aus Coronaviruspandemien exis­tierten nicht, sondern zeigten eher die geringere Bedeutung der Ausbreitung durch Kin­der, so die Fach und Berufsverbände.

Tics, Angststörungen und andere Verhaltensauffälligkeiten

Die Experten fordern deshalb unter Berücksichtigung der regionalen Neuinfektionsrate und der vorhandenen Kapazitäten Kitas und Schulen wieder zu öffnen – zum Wohl und der psychischen Gesundheit der Kinder.

„Wir haben in unseren Praxen in den letzten Wochen eine zunehmende Zahl von Kindern erlebt, die Tics, Angststörungen und andere Verhaltensauffälligkeiten entwickelt haben – obwohl die Eltern sie liebevoll zu Hause betreut haben. Kinder leiden darunter, ihre Spiel­kameraden nicht mehr zu treffen“, erklärte Thomas Fischbach, Vorsitzender des bvkj und Mitunterzeichner der Stellungnahme.

Deshalb begrüße er die Entscheidung der nordrhein-westfälischen Landesregierung die Kitas ab dem 18. Mai im eingeschränkten Regelbetrieb wieder zu öffnen. „Das ist die richtige Maßnahme zur richtigen Zeit“, sagte der Kinderarzt.

Konstanz der jeweiligen Gruppe und Vermeidung von Durchmischungen

Die zeitnahe Öffnung von Kitas und Schulen sei auch ohne massive Einschränkungen un­ter den Kindern, wie Abstandswahrung und Maskentragen, möglich. „Entscheidender als die individuelle Gruppengröße ist die Frage der nachhaltigen Konstanz der jeweiligen Gruppe und Vermeidung von Durchmischungen“, heißt es in der Stellungnahme. Wichtig sei eine Vermeidung größerer Gruppenbildungen in den Pausen sowie während der Bring- und Abholphasen in Kitas und Grundschulen.

Jüngere Kinder sollten in Grundregeln der Hygiene wie Händewaschen und achtsamem Hygieneverhalten im Umgang miteinander, beim Essen und in den Sanitäreinrichtungen spielerisch und kindgerecht unterwiesen werden, schreiben die fünf Verbände. Dies und eine angemessene Ausstattung aller Schultoiletten und Händewaschplätzen mit Seifen­spendern und Papierhandtüchern hätten langfristig erhebliche positive Auswirkungen auf die Ausbreitung auch anderer kontagiöser Erreger.

Kinder im Alter über zehn Jahren und Jugendliche können nach Ansicht der Verbände ak­tiver in Hygieneregeln einbezogen werden. „Hier erlauben eine Abstandswahrung (1,5 m), das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung (solange die Schüler nicht an dem ihnen zuge­wie­senen Platz sitzen) und die konsequente Erziehung in den Grundregeln der Infektions­prävention größere Spielräume für eine Normalisierung des Unterrichtsbetriebes“, heißt es in der Stellungnahme.

Unabhängig von den bei Kindern und Jugendlichen umgesetzten Präventions­maßnahmen sei indes der Schutz der Erzieher und Lehrer ganz entscheidend: Die Erwachsenen sollten Abstand wahren, Mund-Nasen-Schutz tragen sowie die Hände waschen und desinfizieren. Unterstütz werden können diese Möglichkeiten durch eine regelmäßige Pooltestung, schreiben die Verbände.

Wenn Erwachsene mit signifikant erhöhtem Risiko für einen komplizierten Verlauf bei SARS-CoV-2 Infektion im gleichen Haushalt leben, sollten individuelle und kreative Lö­sun­gen in Eigenverantwortung und in enger Absprache mit Kita- und Schulleitung ange­strebt werden. „Den Kindern muss der Besuch der Einrichtung trotzdem ermöglicht wer­den“, fordern die Verbände.

Kinder und Jugendliche mit Verdacht auf eine SARS-CoV-2 Infektion sollten unverzüglich untersucht werden, um eine solche Infektion zu sichern oder auszuschließen. „Der Nach­weis einzelner Infektionen darf nicht automatisch zur erneuten Schließung der gesamten Kita oder Schule führen. Eine detaillierte Analyse der Infektionskette ist Voraussetzung für ein abgewogenes Infektionsmanagement“, schreiben die Verbände.

Bun­des­fa­mi­lien­mi­nis­terin wünscht baldige Öffnung

Auch Bun­des­fa­mi­lien­mi­nis­terin Franziska Giffey (SPD) hält eine baldige flächendeckende Öffnung von Schulen und Kitas für wünschenswert. „Aus Sicht des Kinderwohls wäre es das Beste, wenn alle Kinder so schnell wie möglich wieder wie gewohnt in ihre Kitas und Schulen gehen könnten", sagte Giffey heute dem Tagesspiegel.

„Kinder leiden unter der jetzigen Situation und können Schaden nehmen, je länger diese anhält.“ Für die Entwicklung von Kindern aus sozial schwierigen Verhältnissen und auch für alle anderen sei es problematisch, wenn sie so lange ohne professionelle Bildungs­an­leitung auskommen müssten.

Dennoch müssten weiterhin Schritte zur weiteren Öffnung und der Gesundheitsschutz miteinander abgewogen werden, betonte die Ministerin. Zudem sei es wichtig, dass die Entwicklung in der erweiterten Notbetreuung und im eingeschränkten Regelbetrieb wissenschaftlich begleitet werde. Dies geschehe in mehreren Ländern bereits und auch das Familienministerium beteilige sich an einer bundesweiten Corona-Kita-Studie.

„Dafür bauen wir gerade ein bundesweites Kitaregister auf, das wöchentlich aktuelle In­formationen zur Situation und zum Infektionsgeschehen in den Kitas bundesweit sammeln und auswerten wird", sagte die SPD-Politikerin. Zusammen mit den weiteren Tester­gebnissen der Länder und aus dem jetzt anlaufenden Kita-Alltag könne man hoffentlich zeitnah fachlich fundierte Schlüsse für die zügige, aber auch verantwortungs­volle weitere Öffnung ziehen.

Bundesbildungsministerin sieht Gesundheitsschutz weiterhin an erster Stelle

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) mahnte hingegen zur Vorsicht. „Wir alle wünschen uns, dass Kitas und Schulen möglichst rasch wieder vollständig öffnen könn­en“, sagte sie den Zeitungen des RedaktionsNetzwerks Deutschland von gestern. „Ich warne allerdings vor einem Überbietungswettbewerb entsprechender Forderungen, sagte sie.

„Die Menschen wollen vor allem Verlässlichkeit, und der Gesundheitsschutz muss weiter­hin an erster Stelle stehen", betonte Karliczek. Auf dieser Basis träfen die Länder ihre Ent­scheidungen. © PB/afp/aerzteblatt.de

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