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Medizin

Zu viele Antibiotika in der Themse

Freitag, 6. September 2019

/Carmine, stock.adobe.com

Wallingford – Nachdem im Sommer in der Themse Spuren von antibiotikaresistenten Genen gefunden wurden, warnen britische Forscher jetzt vor den Gefahren für die Men­schen. Nach ihren Berechnungen in PLOS ONE (2019; doi: 10.1371/journal.pone.0221568) müssten die Verordnungen von Antibiotika um 80 % gesenkt werden, um die Entwicklung und Verbrei­tung von resistenten Keimen in der Themse zu vermeiden.

Die Risiken von Antibiotikaresistenzen in der Umwelt sind in Großbritannien zu einem Thema geworden. Im Sommer hatten Forscher des University College London in der Them­se und in einigen Gewässern der Hauptstadt, darunter in dem bei Badenden belieb­ten Serpentine Lake im Hyde Park, Gene von Antibiotikaresistenzen gefunden. Die For­scher gingen davon aus, dass auch die entsprechenden Bakterien vorhanden waren. Über die Badeseen könnten sich dann Menschen mit den antibiotikaresistenten Keimen infizie­ren.

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In der vergangenen Woche warnte die Ärztin Sally Davies, als „Chief Medical Officer“ die wichtigste Beraterin der Regierung in Sachen Gesundheit (am ehesten mit dem Surgeon General in den USA vergleichbar), vor den Gefahren. Flüsse seien zu einem Reservoir für antibiotikaresistente Bakterien geworden, die sich schnell über Wasser, Boden, Luft, Nahrung und Tiere auf Menschen ausbreiten könnten, teilte Davies der Öffentlichkeit mit. Es gebe Hinweise, dass Surfer 4-mal häufiger mit resistenten Bakterien besiedelt seien als Nicht-Surfer.

Wissenschaftler des Centre for Ecology & Hydrology in Wallingford legen jetzt nach. Auf 115 Kilometern der Themse und ihren Nebenflüssen (8 % der Gesamtlänge) würden die Konzentrationen von Makroliden im Flusswasser 5-fach höher sein als zur Selektion von Antibiotika-Resistenzen erforderlich seien („putative resistance-selecting concentrations“ PNEC), rechnen Andrew Singer und Mitarbeiter vor. Bei den Fluorchinolonen würden die Konzentrationen sogar auf 223 km des Einzugsgebiets der Themse (16 % der Gesamt­länge) die PNEC um das Fünffache überschreiten.

Um die Entstehung von selektiven Keimen in der Themse-Region zu senken, müssten die Verordnungen von Makroliden um 77 % und die Verordnungen von Fluorchinolonen um 85 % gesenkt werden, so Singer.

Eine signifikante Reduzierung der Antibiotikaverordnungen sei möglich, schreiben die Forscher. Allein würden sie das Problem wahrscheinlich aber nicht lösen. Notwendig seien Verbesserungen in der Abwasserbehandlung, um die Antibiotika in den Klärwerken zu eliminieren.

Nicht alle Wissenschaftler teilen die Ansicht der Hydrologen. Die Mikrobiologin Laura Piddock von der Universität Birmingham hält die Diskussion offenbar für überzogen. Es gebe überhaupt keine Verbindungen zwischen der Anzahl der arzneimittelresistenten Bakterien im Flusswasser und der Häufigkeit von schwer behandelbaren Infektionen in den Kliniken, teilte sie dem Londoner Science Media Center mit.

Der Epidemiologe Mark Woolhouse von der Universität Edinburgh zeigt mehr Verständnis für die Bedenken. Die Studie vermittle einen Eindruck, wie die Antibiotikaverschmutzung zur Verbreitung von Resistenzen in den Wasserwegen beitragen könnte. Beide Forscher weisen jedoch darauf hin, dass es sich vorerst um Modellrechnungen und nicht um Beob­achtungen handelt.

Die britische Regierung und die Gesundheitsbehörden bemühen sich bereits um eine Sen­kung der AntibiotikavVerordnungen, die als Schlüssel zur Bekämpfung der Antibioti­ka­­resistenz gesehen wird. Der Gesamtverbrauch an Antibiotika in der Primär- und Sekun­där­­versorgung ist in England zwischen 2014 und 2018 um 6,1 % zurückgegangen.

Dennoch sind die Antibiotikaverordnungen im Vereinigten Königreich pro Person noch immer höher als in einigen europäischen Ländern. In den Niederlanden würden nur halb so viele Antibiotika pro Kopf verschreiben, heißt es in der Pressemitteilung des Centre for Ecology Hydrology. © rme/aerzteblatt.de

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