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Politik

Der Weg für das organisierte Darmkrebsscreening ist frei

Freitag, 5. April 2019

/dpa

Berlin – Das organisierte Darmkrebsscreening kann am 19. April starten. Der Bewer­tungsausschuss hat dafür jetzt den Einheitlichen Bewertungsmaßstab (EBM) angepasst, wie die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) erklärte.

Demnach besteht für Männer nun bereits ab einem Alter von 50 Jahren Anspruch auf eine Koloskopie, da sie ein höheres Risiko als Frauen haben, an Darmkrebs zu erkranken. Bei Frauen bleibt die Altersgrenze für die Koloskopie bei 55 Jahren. Eine erneute Vorsorgeun­tersuchung kann nach Ablauf von neun Kalenderjahren durchgeführt werden.

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Darüber hinaus soll eine umfassendere Versicherteninformation alle Menschen ab dem 50. Lebensjahr noch besser über das Früherkennungsprogramm aufklären. Für das damit verbundene ausführlichere Beratungsgespräch hat der Bewertungsausschuss jetzt eine höhere Vergütung vereinbart.

Dazu wurden die Gebührenordnungsposition 01740 geändert und die Punktzahl von 103 auf 115 (12,45 Euro) angehoben. Diese ist ab 19. April zudem bereits bei allen Versicher­ten ab 50 Jahren einmalig berechnungsfähig. Bislang war die ausführliche Beratung erst ab 55 Jahren möglich.

Die Regelungen zum Test auf okkultes Blut im Stuhl mit einem quantitativen immunolo­gi­schen Test (iFOBT) bleiben unverändert: Wie bisher kann ab 50 Jahren bei Frauen und Männern jährlich ein Test auf okkultes Blut im Stuhl durchgeführt werden, ab 55 alle zwei Jahre.

Der KBV zufolge soll mit dem organisierten Programm zur Früherkennung von Darmkrebs die Akzeptanz für die Untersuchungen in der Bevölkerung erhöht werden. Entsprechend ist eine ausführliche Information der anspruchsberechtigten Versicherten über das Pro­gramm anhand einer gedruckten Versicherteninformation vorgesehen. Diese wird zwar mit den Einladungen durch die Krankenkassen verschickt, muss jedoch auch in den Praxen für ein Beratungsgespräch zur Verfügung stehen.

Gedruckte Exemplare der aktualisierten Versicherteninformation des G-BA zum organi­sierten Darmkrebsscreening-Programm sollen laut KBV in Kürze vorliegen. Ärzte können diese dann bei ihrer Kassenärztlichen Vereinigung bestellen. © hil/sb/aerzteblatt.de

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Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Sonntag, 7. April 2019, 21:21

Desorganisiertes Darmkrebsscreening!

Wie dumm ist das denn?
1. "Im Alter von 50 bis 54 Jahren können Frauen und Männer jährlich einen [präventiven] iFOB-Test vornehmen lassen."
2. Männer haben bereits ab einem Alter von 50 Jahren Anspruch auf eine Koloskopie, da sie ein höheres Risiko als Frauen haben.
3. "Ab einem Alter von 55 Jahren haben Frauen und Männer alle zwei Jahre Anspruch auf einen [präventiven] iFOB-Test, solange noch keine Koloskopie in Anspruch genommen wurde."

Der sinnvolle Vorlauf des iFOBT-Stuhltest v o r der Präventiv-Koloskopie mit 55 und v o r der zweiten Präventiv-Koloskopie mit 65 dient der Früh- und Intervall-Detektion eventueller kolorektale Karzinome (CRC) außerhalb der Koloskopie-Intervalle.

Nicht nur wegen des fehlenden Vorlaufs mit dem iFOBT vor dem 50. Lebensjahr sind die Bemühungen, eine Früh-Koloskopie mit 50 ausgerechnet bei Männern zu implementieren, zum vollständigen Scheitern verurteilt.

Denn es fehlt bei dieser präventiv-medizinisch kaum erreichbaren und wenig gesundheitsbewussten männlichen Zielgruppe jedwede Vorbereitung auf eine Darmspiegelung durch vorherigen iFOBT oder Aufklärungsgespräche nach EBM-Gebührenordnungsposition 01740neu (Punktzahl 115=12,45 Euro ab 19. April wenigstens bei allen Versicher­ten ab 50 Jahren einmalig berechnungsfähig).

Ein erstes, einmaliges Aufklärungsgespräch und die Früh-Koloskopie fallen zeitlich zusammen? Das wird a priori bei den Betroffenen nicht funktionieren können.

Zu 3. erhebt sich die Frage: In den Altersgruppen ab 55 bis 65 Jahren, wo Darmkrebs-Prävalenz und -Inzidenz am h ö c h s t e n sind, sollen die Untersuchungs-Abstände entscheidend a u s g e d ü n n t werden.Sollte man das etwa als Strafaktion bei nicht erfolgten Früherkennungskoloskopien im Mindestabstand von zehn Jahren verstehen?

Logische Konsequenz bei diesem besonders gefährdeten Patienten-Klientel wäre doch, weiter 1 Mal jährlich einen präventiven iFOB-Test vorzunehmen und n i c h t nur alle 2 Jahre. Bei den Männern müsste man logischerweise den iFOBT schon mit 45 Jahren beginnen.

Weitere Ungereimtheiten beim Bewertungsausschuss und seinem Einheitlichen Bewertungsmaßstab (EBM): Wie sollen, bitteschön, Hausärztinnen und Hausärzte als erste Präventions-Ansprechpartner motiviert werden?

"Ärzte, die den iFOBT als Früherkennungsuntersuchung auf kolorektales Karzinom veranlassen, rechnen die GOP 01737 (Bewertung 57 Punkte) ab. Die Leistung umfasst die Ausgabe, Rücknahme und Weiterleitung des Stuhlproben-Entnahmesystems sowie die Beratung des Patienten bei einer präventiven Untersuchung". GOP 01737 (Bewertung 57 Punkte, Vergütung 6 Euro) https://www.kbv.de/html/praevention_darmkrebsfrueherkennung.php

Diese Komplexleistung wird im Gegensatz zur vollautomatisch erbrachten Laborleistung viel zu schlecht bewertet. Immerhin 7,90 € gibt es: "Für die Untersuchung der Stuhlprobe im Labor...die GOP 01738 (Bewertung 75 Punkte) bei einer präventiven Untersuchung". GOP 01738 (Bewertung 75 Punkte, Vergütung 7,90 Euro). https://www.kbv.de/html/suche.php
Das Labor kann auch immerhin die GOP 32457 (Bewertung 6,21 Euro) bei einer k u r a t i v e n Untersuchungsindikation abrechnen.

Und wie heißt es dabei seitens der KBV in reinem Hausarzt-"Bashing"-Jargon: "Bei einer kurativen Untersuchungsindikation sind wie bisher Ausgabe, Rücknahme und Weiterleitung in das Labor mit der Versicherten- oder Grundpauschale abgegolten." https://www.kbv.de/html/praevention_darmkrebsfrueherkennung.php

Das bedeutet nichts anderes als eine grundsätzliche Missachtung hausärztlicher präventiver und kurativer Tätigkeiten seitens der KBV.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
Avatar #672734
isnydoc
am Samstag, 6. April 2019, 19:49

Schätze, dass war keine Erklärung

sehr geehrter Herr Kollege, wenn Sie es für nötig halten, den wörtlichen Text hier ins Spiel zu bringen. Wenn Sie über die Einzelheiten der Vergütung besser Bescheid wissen, sollten Sie das dem geneigten Leser nicht vorenthalten.
Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Freitag, 5. April 2019, 20:46

Für alle Nicht-Paragrafen-Reiter

"Sozialgesetzbuch (SGB) Fünftes Buch (V) - Gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung - (Artikel 1 des Gesetzes v. 20. Dezember 1988, BGBl. I S. 2477)
§ 85 Gesamtvergütung
(1) Die Krankenkasse entrichtet nach Maßgabe der Gesamtverträge an die jeweilige Kassenärztliche Vereinigung mit befreiender Wirkung eine Gesamtvergütung für die gesamte vertragsärztliche Versorgung der Mitglieder mit Wohnort im Bezirk der Kassenärztlichen Vereinigung einschließlich der mitversicherten Familienangehörigen.
(2) Die Höhe der Gesamtvergütung wird im Gesamtvertrag vereinbart; die Landesverbände der Krankenkassen treffen die Vereinbarung mit Wirkung für die Krankenkassen der jeweiligen Kassenart. Die Gesamtvergütung ist das Ausgabenvolumen für die Gesamtheit der zu vergütenden vertragsärztlichen Leistungen; sie kann als Festbetrag oder auf der Grundlage des Bewertungsmaßstabes nach Einzelleistungen, nach einer Kopfpauschale, nach einer Fallpauschale oder nach einem System berechnet werden, das sich aus der Verbindung dieser oder weiterer Berechnungsarten ergibt."

Hat mit dem "Weg für das organisierte Darmkrebsscreening" als extrabutgetäre Präventiv-Leistungen nicht wirklich etwas zu tun, aber "isnydoc" glaubt fest daran.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
Avatar #672734
isnydoc
am Freitag, 5. April 2019, 15:42

Dank an die "befreiende Wirkung" von § 85 SGB V!

Fehlt eigentlich nur noch dieser clip von youtube:
https://youtu.be/gOgF2NWSTog
LNS