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Medizin

Blinddarm könnte die Entstehung von Parkinson beeinflussen

Donnerstag, 1. November 2018

Blinddarm und Darm /freshidea, stockadobecom
Eine Blinddarmentfernung könnte das Risiko senken, an Parkinson zu erkranken – vor allem, wenn der Blinddarm mehr als 20 Jahre vor Krankheitsbeginn entfernt wurde. /freshidea, stockadobecom

Grand Rapids – Eine Entfernung des Blinddarms könnte das Risiko, an Parkinson zu erkranken, senken. So lautet die Hypothese, die Forscher aus einer schwedischen Registerstudie mit Daten von etwa 1,6 Millionen Menschen ableiten. Die Publikation in Science Translational Medicine liefert erste Hinweise über einen möglichen Einfluss des Wurmfortsatzes auf die Entstehung der Parkinsonkrankheit (2018; doi: 10.1126/scitranslmed.aar5280).

Parkinson kann sich auch in nicht motorischen Krankheitsmerkmalen, wie zum Beispiel gastrointestinalen Beschwerden, äußern. Diese treten bereits Jahre vor ersten moto­rischen Symptomen auf.

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Um den Einfluss des Blinddarms auf den Krankheitsverlauf zu untersuchen, wurden in der Studie sowohl der Zeitpunkt der Entnahme des Wurmfortsatzes als auch die Anhäufung von Alpha-Synuclein in entfernten Appendices untersucht. Die epide­miologischen Daten zeigen, dass eine zumeist im Jugendalter vorgenommene chirurgische Entfernung des Wurmfortsatzes das Risiko, Jahrzehnte später an einem sporadischen Morbus Parkinson zu erkranken, deutlich herabsetzt.

Den Autoren zufolge senkte ein entfernter veriformer Appendix (Wurmfortsatz) das kumulierte Risiko für eine spätere Parkinsondiagnose um rund 20 %; bei Menschen, die auf dem Land lebten, sogar um 25 %. Das heißt das Risiko, an Parkinson zu erkranken, war für die untersuchte Kohorte bei Menschen ohne Appendektomie 14 von 10.000. Wenn der Wurmfortsatz entfernt wurde, sank das Risiko auf 11 von 10.000.

Ein reduziertes Parkinsonrisiko beobachteten die Forscher vor allem bei Personen, denen der Blinddarm mehr als 20 Jahre vor Krankheitsbeginn entfernt wurde und bei jenen, die auf dem Land lebten. „Hier wird ein Einfluss von Pestiziden vermutet, die über die Darmschleimhaut auf Zellen des enterischen Nervensystems einwirken könnten“, erklärt Heiko Braak von der Universitätsklinikum Ulm.

Gesunder Blinddarm enthält pathogene Formen von Alpha-Synuclein

Bei Menschen nach einer Appendektomie fanden die Forscher um Viviane Labrie vom Van Andel Research Institute darüber hinaus ein höheres Alter bei der Erstdiagnose von Parkinson. In molekularen Untersuchungen spürten die Forscher in einem nächsten Schritt in Appendixproben gesunder Menschen pathogene Alpha-Synuclein-Aggregate auf.

/youtube, Van Andel Institute

„Auf keinen Fall rechtfertigt die Studie eine Blinddarmentfernung zur Vorbeugung einer Parkinsonerkrankung“, sagt Walter J. Schulz-Schaeffer, Direktor des Instituts für Neuropathologie am Universitätsklinikum des Saarlandes und der Medizinischen Fakultät der Universität des Saarlandes, Homburg. Dafür sei der statistische Zusammenhang viel zu gering.

Schon frühere Studien haben gezeigt, dass der vermutete Auslöser für Parkinson, Alpha-Synuclein-Proteine, nicht nur in der Substantia nigra im Gehirn nachweisbar ist, sondern auch in enterischen Nervenzellen des gastrointestinalen Traktes. Als Fazit ihrer Befunde formulieren die Autoren vorsichtig, dass der „normale menschliche Blinddarm pathogene Formen von Alpha-Synuclein enthält und das Risiko einer Parkinsondiagnose beeinflusst.“

Mehr Biopsien im Bereich des Wurmfortsatzes könnten die Wahrscheinlichkeit erhöhen, vor ersten Symptomen pathologisches Alpha-Synuclein im Körper Betroffener zu entdecken. Francisco Pan-Montojo, Ludwig-Maximilians-Universität München

Relevant könnten die Ergebnisse für die Suche nach frühen Biomarkern sein, findet Francisco Pan-Montojo, Zentrum für Neuropathologie und Prionforschung, Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München. „Mehr Biopsien im Bereich des Wurmfortsatzes könnten die Wahrscheinlichkeit erhöhen, vor ersten Symptomen pathologisches Alpha-Synuclein im Körper Betroffener zu entdecken.“ Unklar sei jedoch noch, wie hoch die Spezifität und die Empfindlichkeit solcher diagnostischer Tests ist. © gie/aerzteblatt.de

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