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Politik

Die meisten Patienten wollen zu Hause sterben

Montag, 6. Juni 2016

/dpa

Berlin – Das Hospiz- und Palliativgesetz hat die Versorgung von Patienten am Ende ihres Lebens verbessert. Dafür gaben Experten auf dem BKK Tag 2016 des BKK Landesver­bandes Mitte am Donnerstag in Berlin Beispiele. „Mit dem Gesetz haben wir durchge­at­met: Jetzt werden 95 Prozent unserer Kosten über Tagessätze refinanziert“, sagte Schwester Beatrix Lewe, Geschäftsführerin des Leipziger Hospizes Villa Auguste. Vor der Verabschiedung des Gesetzes im vergangenen November hätten die Krankenkassen 90 Prozent der Kosten von Erwachsenenhospizen getragen.

Die wirklichen Wünsche der Patienten erfahren
Mit dem Hospiz- und Palliativgesetz wurde unter anderem der Paragraf 132g neu ins Sozialgesetzbuch V aufgenommen. Danach können Pflegeeinrichtungen ihren Bewoh­nern „eine gesundheitliche Versorgungsplanung für die letzte Lebensphase anbieten“. Den Menschen sollen dabei „Hilfen und Angebote der Sterbebegleitung aufgezeigt werden“, zum Beispiel im Rahmen von Fallbesprechungen, in denen „nach den individuellen Bedürfnissen des Versicherten insbesondere auf medizinische Abläufe in der letzten Lebensphase und während des Sterbeprozesses eingegangen“ werden soll.

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Auf Grundlage dieses Paragrafen führte die Novitas BKK zusammen mit anderen ein Projekt in einer stationären Pflegeeinrichtung durch, bei dem speziell geschulte Mitarbei­ter neue Heimbewohner, die bei der Novitas BKK versichert waren, nach ihren Wünschen am Lebensende befragten. „Man muss genau nachfragen, was die Menschen wollen. Denn ihre Wünsche sind sehr unterschiedlich“, sagte Tanja Steinhauer von der Novitas BKK. „Manche sagen, sie wollen nicht im Krankenhaus sterben, andere wollen, dass bei ihnen alles medizinisch Mögliche gemacht wird.“ Ziel des Projektes sei es gewesen, die Patientenverfügungen und Vorsorgevollmachten mit den Wünschen der Patienten in Ein­klang zu bringen. Dabei sei es wichtig gewesen, auch die Hausärzte der Bewohner an dem Projekt zu beteiligen.

Weniger Streit mit Krankenhäusern
„Die Bewohner waren froh, darüber sprechen zu können, was sie sich an ihrem Lebens­ende wünschen oder wie ihre Beerdigung aussehen soll“, berichtete Steinhauer. Bis Mai seien etwa 100 ein- bis zweistündige Gespräche geführt worden. „Auch die Rückmeldung des Personals war positiv“, so Steinhauer. „Endlich wüssten sie nun, was sich die Patien­ten wünschten und wo ihre Wünsche hinterlegt seien“, hieß es. Zudem erwarteten die Pflegekräfte, dass es künftig mit den Krankenhäusern weniger Streit darüber geben werde, ob die Patientenverfügungen juristisch haltbar seien oder nicht.

Auch über das Thema Kosteneinsparungen sei im Rahmen des Projekts gesprochen worden, erklärte Steinhauer. Das sei ein sensibles, aber auch wichtiges Thema für die Krankenkassen, da gerade am Lebensende die Behandlung der Menschen sehr teuer sei. Die Evaluation des Projektes werde ergeben, ob es zu Einsparungen geführt habe, zum Beispiel zu weniger Krankenhauseinweisungen. Das Projekt ist in der Stadt Essen mittlerweile in die Regelversorgung übergegangen.

46 Prozent der Menschen sterben im Krankenhaus
Nur sechs Prozent der Deutschen wollen nach Zahlen der Bertelsmann Stiftung in einem Krankenhaus sterben. Tatsächlich seien es aber 46 Prozent, erklärte deren Projekt-Manager Eckhard Volbracht. 76 Prozent der Deutschen wollten dagegen lieber zu Hause sterben. Dieser Wunsch gehe jedoch nur bei 20 Prozent in Erfüllung.

Ob ein Mensch im Krankenhaus stirbt oder nicht, hängt Volbracht zufolge auch vom Versorgungsangebot ab. Und das sei regional sehr unterschiedlich. „In Baden-Württem­berg sterben 41 Prozent der Menschen im Krankenhaus, in Berlin 49 Prozent“, sagte Volbracht. Auf Kreisebene schwankten die Unterschiede sogar zwischen 33 und 60 Prozent. „In Regionen mit einer guten ambulanten Palliativversorgung ist die Sterbequote im Krankenhaus geringer“, erklärte Volbracht.

„Umgekehrt sterben Menschen dort häufi­ger im Krankenhaus, wo die Anzahl der Krankenhausbetten höher ist.“ Eigentlich sei es das Ziel stationärer Palliativstationen, die Menschen so sehr zu stabilisieren, dass sie zu Hause sterben könnten. Dies gelinge offensichtlich nicht immer. „Vielleicht sind aber auch die ambulanten Strukturen im Umfeld des Krankenhauses unzureichend, sodass das Krankenhaus gar nicht die Möglichkeit hat, die Patienten wieder in ihren Alltag zu entlassen“, mutmaßte Volbracht.

Ob der Wunsch vieler Menschen, zu Hause zu sterben, erfüllt werde, hänge zudem damit zusammen, wie viele niedergelassene Ärzte mit der Zusatzqualifikation Palliativmedizin es in der Region gebe. „Es gibt im Durchschnitt elf Ärzte mit der Zusatzbezeichnung Pallia­tiv­medizin pro 100.000 Einwohner“, sagte Volbracht. „In Hessen, Niedersachsen und Baden-Württemberg sind es 14, in Thüringen sieben.“ Auch bei der Spezialisierten Ambulanten Palliativversorgung (SAPV) gebe es große regionale Unterschiede: Pro eine Million Einwohner gebe es im Durchschnitt 3,4 SAPV-Teams in Deutschland. In Nieder­sachsen und im Saarland seien es sechs, in Rheinland-Pfalz zum Zeitpunkt der Erhe­bung weniger als eines.
 
Zu viele sterbende Krebspatienten erhalten noch eine Chemotherapie
Volbracht kritisierte, in Deutschland gebe es eine Überversorgung im Bereich der kura­tiven Medizin am Lebensende: Es gebe zu viele Kranken­haus­auf­enthalte, bei Patienten mit Herzinsuffizienz werde zu oft ein Defibrillator eingesetzt und sterbende Krebskranke erhielten zu häufig eine Chemotherapie. Derzeit würden zehn Prozent der Patienten in ihrem letzten Lebensmonat einer solchen Therapie unterzogen. Erfreulicherweise sinke diese Zahl, so Volbracht.

Demgegenüber herrsche im Bereich der palliativen Versorgung am Lebensende Unter­versorgung: So gebe es zu wenige SAPV-Teams, und zu wenige Leistungen zur allge­meinen Palliativversorgungen würden über den Einheitlichen Bewertungsmaßstab (EBM) abgerechnet. Auch hier seien die regionalen Unterschiede wieder groß: „Etwa 21 Prozent der Patienten erhielten im Durchschnitt im letzten Lebensjahr allgemeine pallia­tivmedizinische Leistungen“, sagte Volbracht. „In Bayern lag der Wert bei über 30 Prozent.“

Gewinnung von Betreuungskräften bereit Probleme
Trotz Hospiz- und Palliativgesetz sind manche Probleme ungelöst. „Für Hospize ist eine 100-prozentige Fachkraftquote der Pflegeteams wünschenswert. Wir haben keine Ärzte im Hospiz, deshalb brauchen wir bei den Pflegekräften eine hohe Fachkompetenz“, sagte Schwester Beatrix Lewe vom Hospiz Villa Auguste. In Kinderhospizen bereite insbeson­dere die Gewinnung von Betreuungskräften Probleme, ergänzte der Vorsitzende des Verwaltungsrates des BKK Landesverbands Mitte, Jörg Weiler. © fos/aerzteblatt.de

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