ThemenPflegeheimeNach einer Reha im Pflegeheim können viele Bewohner nach Hause zurückkehren
Pflegeheime

Pflegeheime

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Politik

Nach einer Reha im Pflegeheim können viele Bewohner nach Hause zurückkehren

Dienstag, 1. September 2020

/picture alliance, Zoonar, Robert Kneschke

Düsseldorf/Wiehl – Wenn Bewohner einer stationären Pflegeeinrichtung eine Rehabili­tation erhalten, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie wieder in ihr Zuhause entlassen werden können. Zudem sparen die Pflegekassen bei einer rehabilitativen Behandlung im Pflegeheim Kosten.

Das geht aus einer Untersuchung hervor, die die Deutsche Gesellschaft für Geronto­psy­chi­atrie und -psychotherapie (DGGPP) auf der Basis von Daten der AOK Rhein­land/Ham­burg vorgenommen hat.

Anzeige

Dabei wurden die Daten von 1.117 Pflegeheimen im Bereich der Kassenärztlichen Ver­ei­nigung Nordrhein mit den Daten der Evangelischen Altenhilfe Mülheim an der Ruhr ver­glichen, die in ihren beiden Einrichtungen „Haus Ruhrgarten“ und „Haus Ruhrblick“ ein „Konzept therapeutische Pflege mit rehabilitativen Anteilen“ anwendet.

„Die durchschnittlichen Gesamtkosten je Bewohner liegen im Haus Ruhrgarten um 37 Prozent niedriger als in allen untersuchten Heimen“, erklärte der Präsident der DGGPP, Michael Rapp, heute vor Journalisten in Berlin.

„Heime, die keine therapeutische Pflege mit rehabilitativen Anteilen vornehmen, sind insofern um ein Drittel teurer.“ Ursache dafür seien insbesondere Einsparungen durch Kranken­haus­auf­enthalte sowie durch Arzneimittel- und Hilfsmittelkosten.

Arzneimittel absetzen

„Wichtig in unserem Konzept ist zunächst der Apotheker“, erklärte Oskar Dierbach, der geschäftsführende Pflegedienstleiter der Evangelischen Altenhilfe Mülheim an der Ruhr. „Viele Bewohner bringen Medikationspläne mit, die für sich schon eine Körperverletzung darstellen und die das Leben der Pflegebedürftigen beeinträchtigen.“

Der Apotheker untersuchte die Wechselwirkungen der jeweils eingenommenen Arznei­mittel und die Ärzte entschieden dann, welche Medikamente abgesetzt werden könnten. „Erst danach sind viele Patienten überhaupt in der Lage, bei der Rehabilitation mitzu­machen“, so Dierbach.

Sehr wichtig sei es zudem, den Therapieplan an den Patienten anzupassen und nicht umgekehrt. „Wir schauen zusammen mit Fachleuten wie Ärzten, Apothekern, Pflegefach­kräften und Therapeuten, welche Therapie für den Einzelnen die beste ist und wie diese in den Pflegealltag implementiert werden kann“, sagte Dierbach.

„Dabei gibt der pflegebedürftige Mensch mit seiner Tagesform die Taktung für das thera­peutische Handeln vor.“ Hauptaufgabe der Pflegekräfte sei es zu motivieren und zu beob­achten, wann der Pflegebedürftige bereit sei mitzuarbeiten. Vor diesem Hintergrund könne es auch vorkommen, dass Patienten über Monate in der Einrichtung rehabilitativ behandelt werden, bevor es ihnen besser gehe.

Viele Reha-Konzepte laufen zu kurz

„Viele Reha-Konzepte sind heute sehr kurzfristig angelegt, die meisten auf einen Zeitraum von 21 Tagen“, sagte Rapp. Dabei hätten Studien gezeigt, dass man für eine erfolgreiche Rehabilitation eher Monate benötige als Wochen.

Heute kämen etwa 40 Prozent der Patienten aus der Kurzzeitpflege dauerhaft in ein Pfle­ge­heim, erklärte Rapp. „Das ist ein hoher Anteil und mehr, als intendiert ist. Denn nach der Kurzzeitpflege sollen die Menschen ja eigentlich wieder nach Hause kommen können.“

Einer der Gründe dafür sei, dass der Reha-Anteil in der Kurzzeitpflege zu kurz komme. Da­für steige die Prävalenz potenziell unangebrachter Medikationen in der Kurzzeitpflege deutlich an. So hätten Studien ergeben, dass 50 Prozent der Pflegebedürftigen über einen längeren Zeitraum Neuroleptika erhielten, die die Morbidität und die Mortalität erhöhten.

„Wir schlagen vor, dass das Konzept der therapeutischen Pflege mit rehabilitativen Antei­len ausgerollt und evaluiert wird“, sagte Rapp. Dafür sei bereits ein Antrag beim Gemein­samen Bundes­aus­schuss (G-BA) gestellt worden, um ein entsprechendes Projekt über den Innovationsfonds zu finanzieren.

„Wir können und sollten uns als Gesellschaft eine bessere Pflege leisten“, meinte Matthias Mohrmann, Mitglied des Vorstands der AOK Rheinland/Hamburg. „Die gute Nachricht ist: Wir können das schaffen, ohne uns volkswirtschaftlich zu übernehmen.“ Die zur Verfü­gung stehenden Mittel müssten dafür stärker dort eingesetzt werden, wo sie optimal Nutzen stiften: beim Personal und in der Therapie.

Sozialversicherungsbereiche zusammenführen

In diesem Zusammenhang forderte Mohrmann, die verschiedenen Sozialleistungsberei­che zusammenzuführen. „Eine ganzheitliche Versorgung kann es nur geben, wenn sie nicht aus verschiedenen Quelle gespeist wird, die eigene Regelwerke haben und eigene Anreizsysteme, die sich häufig widersprechen“, sagte Mohrmann.

Er schlug vor, die soziale Pflegeversicherung auszubauen und alle notwendigen Leis­tun­gen aus den Bereichen Pflege, Therapie, Reha sowie die Sozialhilfe zusammenzu­führen. „Für so eine wesentliche Veränderung benötigen wir die Unterstützung des Gesetzge­bers“, so Mohrmann.

Für das rehabilitative Konzept brauche die Evangelische Altenhilfe Mühlheim an der Ruhr viel Personal, betonte Dierbach. Dieses sei derzeit nicht refinanziert, da die Pflegeperso­nal­kosten ihrer Einrichtung höher lägen als in anderen Heimen.

Auch die Kosten für die speziellen therapeutischen Angebote würden nicht durch die Pflegekassen bezahlt. „Die Finanzierung erfolgt über einen Förderverein“, erklärte er.

Die höheren Kosten für das Pflegepersonal und die speziellen Angebote sollen zunächst über den Innovationsfonds finanziert werden, sagte Mohrmann. Für eine Überführung in die Regelversorgung bedürfe es dann anderer Vorgaben. © fos/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #92214
H.-D. Falkenberg
am Donnerstag, 3. September 2020, 11:35

Nach einer Reha im Pflegeheim können viele Beweohner nach Hause zurückkehren

Ein sehr interessanter Ansatz, der sicherlich ausbaufähig ist. Die Schwierigkeit liegt jedoch in einifgen Punkten, die zu berücksichtigen sind. Werden die Reha-Bewohnerinnen und -Bewohner gesondert untergebracht und versorgt? Denn das Zusammenwohnen mit Gästen der hohen Pflegegrade könnte zur Belastung beider Gruppen werden. Wird gesonderes Personal eingesetzt oder dieses bei Bedarf zugeordnet? Die Unsicherheit besteht auch darin zu beurteilen, wielang die ehemalige Wohnung beibehalten werden muss, damit eine Rückkehr überhaupt möglich ist. Das sind nur einige spontane Gedanken zu diesem Thema.
Eine separate Abrechnung der Leistungen wird notwendig sein, um die Einsparungen vor Ort auch darstellen zu können. Die Einrichtung von Kostenstellenrechnungen kann bei der Abgrenzung und verursachungsgerechten der Kosten sehr hilfreich sein.
LNS

Zum Artikel

Coronakrise: Newsletter

Handlungsempfehlungen COVID-19

Handlungsempfehlungen COVID-19
Handlungs­empfeh­lungen für verschie­dene Fach­gebiete

Fachgebiet

Anzeige

Stellenangebote

    Weitere...