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Politik

„Ein Ansatz wäre der präventive Hygienebesuch“

Samstag, 20. Februar 2021

Berlin – Mehr ärztlichen Sachverstand in die Bekämpfung der Pandemie einbringen – das ist das Ziel des ärztlichen Pandemierates der Bundes­ärzte­kammer, der im vergangenen Jahr seine Arbeit aufnahm. Die Politik sei „bemüht“ gewesen, die Bevölkerung vor COVID-19 zu schützen, sagt der Geriater Jürgen Bauer von der Universität Heidelberg. Dennoch habe sie manche Entscheidung gefällt, die die Verhält­nisse vor Ort nicht ausreichend einbezog. Dies müsse sich in Zukunft ändern.

Die interdisziplinär besetzte Arbeitsgruppe „Vulnerable Gruppen“ des ärztlichen Pandemierats legte des­halb ein Positionspapier „Schutzkonzept für Alten- und Pflegeheime: Lessons Learned“ vor. Das Deutsche Ärzteblatt () sprach darüber mit Bauer, der als Vertreter der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie we­sentlich an der Erstellung des Papiers beteiligt war.

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5 Fragen an Jürgen Bauer, Vertreter der DGG im Pandemierat der Bundes­ärzte­kammer

DÄ: Herr Professor Bauer, Einrichtungen der Altenpflege waren und sind medizinisch-ethische Brenn­punkte, die auch häufig im Blick der Öffentlichkeit standen. Ist die Politik ihnen während der Pandemie gerecht geworden?
Jürgen Bauer: Die Politik war auf jeden Fall bemüht. Manchmal hatte man aber den Eindruck, dass die Pflegeheime im Stich ge­lassen wurden. Die Politik hat manche Entscheidung gefällt, die die Verhältnisse vor Ort nicht ausreichend einbezog.

Neue Konzepte sollten zunächst theoretisch durchdacht, dann aber auf ihre Umsetzbarkeit in der Praxis kritisch geprüft werden. Hier sind Gespräche mit den für die Umset­zung Verantwortlichen nicht verzichtbar. Daher wäre es wünschenswert, wenn die Erfah­rungen des letz­ten Jahres in die Gestaltung zukünftiger Entschei­dungsprozesse einfließen könnten.

DÄ: Was hat den ärztlichen Pandemierat konkret bewogen, jetzt dieses Positionspapier zu verfassen?
Bauer: Ausgangspunkt waren zum einen die anhaltend hohe Zahl an COVID-19-Sterbefällen in den Pflege­heimen sowie zum anderen die auch in der zweiten Welle vielerorts zu beobachtenden schweren Ausbrüche in den Pflegeheimen mit vielen Infizierten unter den Bewohnern und dem Personal. Diese Ausbrüche waren lokal für einen hohen Prozentsatz der stationären Krankenhausaufnahmen verantwort­lich und belasteten die Versorgungsstrukturen erheblich.

Dabei ist zusätzlich zu bedenken, dass Kran­ken­haus­struk­tu­ren – gerade solche mit Isolation – nur sehr schlecht für Patientinnen und Patienten mit kognitiven Beeinträchtigungen geeignet sind und dass aus diesem Umstand oftmals zusätzliche Probleme resultierten. Es war bei Erstellung dieses Papiers aber auch unsere Intention, den Blick nach vorn zu richten, um Perspektiven auf eine zukünftige Verbesserung der Situation zu entwickeln. Diese sollte es uns erlauben, die nächste Pandemie mit Hinblick auf unsere älteren Mitmenschen besser zu überstehen.

DÄ: Sind die bestehenden Konzepte also nicht ausreichend an die lokalen Gegebenheiten und Herausfor­derungen angepasst?
Bauer: Sicherlich gibt es bereits Best Practice Konzepte, die erfolgreich zum Schutz der Heimbewohner umgesetzt werden können. Allerdings muss man sich der ausgesprochenen Heterogenität der Heimland­schaft bewusst sein. Dies betrifft unter anderem die Größe der Einrichtungen, die Einbindung in überge­ordnete Organisationen, die Personalstruktur und so weiter.

Erfolg in der Infektionsprävention setzt voraus, dass man der Verschiedenheit in einer Pandemie gerecht wird. Dies erfordert deren Berücksichtigung bei der Erstellung von rechtlichen Vorgaben, aber vor allem auch bei der Bereitstellung der erforderlichen logistischen und personellen Unterstützung. Eine Pande­mie ist nicht aus der Versorgungsroutine heraus zu bewältigen. Sie braucht zusätzliche Ressourcen.

Letztere standen vielen Heimen nicht so schnell zur Verfügung wie es wünschenswert gewesen wäre. Daher sollten strategische Unterstützungskonzepte erstellt werden, die es gestatten werden, Engpässe bei zukünftigen Pandemien rascher zu überwinden und die präventive Leistung in den Heimen auf diese Weise zuverlässig zu stärken.

DÄ: Sollten die Vorkehrungen auch verstärkt kontrolliert werden?
Bauer: Ein Ansatz wäre der präventive Hygienebesuch in den Heimen während der Pandemie außerhalb einer Ausbruchssituation, am besten bevor es zu einer solchen gekommen ist. Bei diesen Besuchen sollte eine Kontrolle der Ist-Situation vor Ort erfolgen, es sollte aber vor allem beraten und Hilfe – wenn nötig – vermittelt werden.

Allerdings wer soll diese Kontrollen und Beratungen in einer Pandemie leisten? Da bedarf es ergänzen­der Konzepte und verbesserter Ausstattungen. Wir werden in bessere Strukturen investieren müssen, wenn wir zukünftig besser vorbereitet sein wollen.

DÄ: Was stellt für Sie das größte Problem in dem gesamten Bereich dar?
Bauer: Die gegenwärtige Pandemie hat sich vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels in der Pflege ereignet, welcher einen wesentlichen Faktor für die Anfälligkeit der Heimstrukturen darstellt. Die Er­kran­kungen unter dem Personal und die notwendigen Quarantänen haben die Situation weiter ver­schlechtert. Wohlgemeinte Verordnungen waren kaum umsetzbar.

Die Pflege von Menschen mit Behinderung und / oder Demenz ist an sich sehr anstrengend und perso­nalintensiv. Durch die notwendigen Schutz- und Isolationsmaßnahmen wurde sie noch anstren­gender und zeitraubender. Zudem bedeutet eine gute Hygieneprävention wiederholte Schulungen und Informa­tionsvermittlung. All diesen Anforderungen gerecht zu werden, war und ist eine Herkulesaufgabe.

Sicherlich müssen wir uns als Gesellschaft insgesamt mehr mit der Gruppe der Pflegebedürftigen und Hochaltrigen sowie ihren Bedürfnissen beschäftigen. Ihr Leben und Sterben darf nicht marginalisiert werden. Dies wäre ethisch verwerflich. Den Weg in das Gepflegtwerden werden ja viele von uns aktuell noch Jüngeren später selbst antreten.

Wenn wir uns mehr mit dem Leben in Pflege und insbesondere mit der Situation der Pflegenden in den Heimen auseinandersetzen und diesen beiden Gruppe mehr Wertschätzung entgegenbringen, dann wird sich letztendlich auch die Situation in den Heimen sowie der anhaltende Pflegemangel verbessern lassen und wir werden auf die nächste Pandemie besser vorbereitet sein. © ER/aerzteblatt.de

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