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Psychiater weisen auf Selbstbestimmung als Menschenrecht hin

Mittwoch, 27. November 2019

/picture alliance, BSIP

Berlin – Jeder Mensch hat grundsätzlich das Recht, selbst zu entscheiden, was für ihn das Beste ist und welche Hilfe er im Falle einer psychischen Erkrankung annimmt. Darauf wies Thomas Pollmächer, President Elect der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) heute bei einer Presse­konferenz im Rahmen des DGPPN-Jahreskongresses hin.

„Dieses Recht zu achten, ist eine zentrale ethische Grundlage ärztlichen Handelns“, sagte der ärztliche Direktor des Zentrums für psychische Gesundheit in Ingolstadt. Wenn aber ein Patient sich oder andere gefährde und medizinische Interventionen ablehne, gerieten Ärzte und Therapeuten oftmals in ein ethisches Dilemma angesichts der Pflicht, den Willen des Patienten zu achten und sich gleichzeitig für das Wohlergehen des Patienten einzusetzen.

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„Der Schlüssel ist in diesem Fall die partizipative oder auch assistierte Entscheidungsfin­dung, die den Patienten in seiner Autonomie unterstützt und ihm hilft, eigene Behand­lungsentscheidungen zu treffen“, betonte Pollmächer. Hier habe sich die psychiatrische Praxis in den vergangenen Jahren deutlich gewandelt. „Es gibt zahlreiche Belege, dass Gewalt und Aggression in der Psychiatrie entgegengewirkt werden kann. Aber auch dazu muss die Personalsituation in den Kliniken zu verbessert werden.“

Der kommende Präsident der DGPPN warb daher um Unterstützung für die heute ge­startete Petition des Bundesverbands der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen (BApK). Der Verband ruft darin den Gesetzgeber auf, geeignete Maßnahmen für eine leit­liniengerechte Personalausstattung in psychiatrischen und psychosomatischen Kliniken zu treffen.

Enttäuscht sind die Petenten vor allem von der Richtlinie über die Personalausstattung in stationären Einrichtungen der Psychiatrie, Psychosomatik und Kinder- und Jugendpsychi­a­trie (PPP-Richtlinie), die der Gemeinsame Bundes­aus­schuss am 19. September be­schlossen hat.

Während sich die Rechtslage für psychisch Kranke zugunsten von mehr Autonomie vor allem durch die UN-Konvention für die Rechte von Menschen mit Behinderungen (UN-BRK) erheblich verbessert habe, lasse sich eine ähnliche Entwicklung in der Haltung der Gesellschaft zu Zwangsmaßnahmen in der Psychiatrie nicht in gleichem Maße feststellen. Darauf wies Georg Schomerus, Leiter des DGPPN-Referats Psychosoziale Versorgungsfor­schung, hin.

„Es gibt einen zunehmenden gesellschaftlichen Auftrag an die Psychiatrie, Menschen die sich nicht regelkonform verhalten, wegzusperren, zum Schutz der anderen“, sagte der Di­rektor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie der Universitätsmedizin Leipzig. Insbeson­dere die Angst vor Menschen mit Schizophrenie sei in der Bevölkerung gewachsen. Dies zeigten Trendstudien. Dagegen argumentiert Schomerus: „Wir, die Gesellschaft, können an Nicht-Konformität wesentlich mehr aushalten.“

Mit einem eigenen Aktionsplan will die DGPPN an die Forderungen der UN-Behinderten­rechtskonvention anknüpfen. Der Plan lege fest, was Mitglieder und Gremien der Fachge­sellschaft im Rahmen der Versorgung, Forschung, Lehre und Wissenschaft tun können, um eine gleichberechtigte, selbstbestimmte psychiatrische Versorgung aller Menschen zu gewährleisten und ihnen soziale Teilhabe zu ermöglichen.

Denn um die soziale Teilhabe vor allem von schwer psychisch Kranken ist es nach Anga­ben von Steffi Riedel-Heller vom Vorstand der DGPPN derzeit nicht gut bestellt. „Wir se­hen eine sehr hohe Obdachlosigkeit bei psychisch kranken Menschen, und die Mehrzahl der Betroffenen hat keine Arbeit.“

Ein großer Teil der chronisch psychisch Kranken arbeite in speziellen Werkstätten. Auch aufgrund vielfältiger Einschränkungen gestalteten sich soziale Beziehungen und damit die Teilhabe am sozialen Leben schwierig. Verbesserungen beziehungsweise Hilfe für die Betroffenen ermögliche unter anderem die gerade aktualisierte S3-Leitlinie „Psychoso­ziale Therapien bei schweren psychischen Erkrankungen“. © PB/aerzteblatt.de

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