NewsThemenSchwangerschaft und GeburtSchon eine Zigarette am Tag in der Schwangerschaft verdoppelt das Risiko auf einen Krippentod
Schwangerschaft und Geburt

Schwangerschaft und Geburt

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Schon eine Zigarette am Tag in der Schwangerschaft verdoppelt das Risiko auf einen Krippentod

Mittwoch, 13. März 2019

/Daisy Daisy, stockadobecom

Seattle – Rauchen während der Schwangerschaft könnte eine wichtige Ursache für den Krippentod (SIDS) sein. In einer US-Studie in Pediatrics (2019; doi: 10.1542/peds.2018-3325) war bereits für eine tägliche Zigarette ein erhöhtes Risiko nachweisbar, das dosisabhängig anstieg.

In den USA sind in den Jahren 2007 bis 2011 insgesamt 19.127 Kinder im ersten Lebensjahr plötzlich und unerwartet gestorben. Unter diesen SUID („sudden unexpected infant death“) sind sicherlich einige Fälle, in denen die Kinder durch Strangulation oder durch Kindsmord ums Leben kamen. Die Centers for Disease Control and Prevention gehen jedoch davon aus, dass es sich in den meisten Fällen um einen plötzlichen Kindstod oder ein SIDS („sudden infant death syndrome“) handelt.

Anzeige

Als mögliche Ursache wurde in den 1990er-Jahren die Bauchlage des Säuglings ermittelt. Öffentliche Kampagnen führten damals zu einem Rückgang der Häufigkeit um 50 Prozent. Eine weitere seit Längerem vermutete Ursache ist das Rauchen der Mutter während der Schwangerschaft. Die Bedeutung dieses Risikofaktors könnte zugenommen haben, da die Zahl der Raucherinnen unter den jüngeren Frauen weiterhin hoch ist.

Tatiana Anderson vom Children's Center for Integrative Brain Research in Seattle und Mitarbeiter haben jetzt die Geburtsbescheinigungen der Jahre 2007 bis 2011 ausgewertet. In den Formularen wird regelmäßig eingetragen, wie viele Zigaretten die Frauen in den 3 Monaten vor der Schwangerschaft und in den 3 Trimenonen der Schwangerschaft geraucht haben.

Die Gegenüberstellung der Geburtsbescheinigungen von 19.127 Kindern mit SUID zu den übrigen 20 Millionen Geburten ergab eine statistisch eindeutige Korrelation.

In der dichotomen Analyse (Rauchen: ja oder nein) ermittelten Anderson und Mitarbeiter eine adjustierte Odds Ratio von 2,44, die mit einem engen 95-%-Konfidenzintervall von 2,31 bis 2,57 über jeden statistischen Zweifel erhaben ist. Die Odds Ratio war bereits bei einer einzigen Zigarette am Tag erhöht (Odds Ratio 1,98; 1,73-2,28) und stieg dann mit jeder einzelnen Zigarette nahezu linear an. Bei 20 Zigaretten am Tag lag die adjustierte Odds Ratio bei 3,17 (2,87-3,51).

Auch für Kinder von Frauen, die vor der Schwangerschaft geraucht hatten, in der Schwangerschaft aber darauf verzichteten, konnte Anderson ein erhöhtes Risiko nachweisen (adjustierte Odds Ratio 1,47; 1,16-1,87). Für die Kinder der Frauen, die während der Schwangerschaft mit dem Rauchen angefangen hatten, betrug die adjustierte Odds Ratio 2,22 (1,15-4,29) und für die Kinder von Frauen, die vor und während der Schwangerschaft geraucht hatten, 2,52 (2,25-2,83).

Frauen, die die Zahl der gerauchten Zigaretten reduzierten, konnten das SUID-Risiko ihrer Kinder um 12 % senken (adjustierte Odds Ratio 0,88; 0,79-0,98). Beim völligen Verzicht auf Zigaretten sank es um 23 % (adjustierte Odds Ratio 0,77; 0,67-0,87).

Wenn die Assoziationen kausal sind, könnten nach weiteren Berechnungen von Anderson in den USA 800 der 3.700 jährlichen SUID vermieden werden, wenn keine Frau vor und während der Schwangerschaft rauchen würde.

© rme/aerzteblatt.de

Liebe Leserinnen und Leser,

diesen Artikel können Sie mit dem kostenfreien „Mein-DÄ-Zugang“ lesen.

Sind Sie schon registriert, geben Sie einfach Ihre Zugangsdaten ein.

Oder registrieren Sie sich kostenfrei, um exklusiv diesen Beitrag aufzurufen.

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort


Mit der Registrierung in „Mein-DÄ“ profitieren Sie von folgenden Vorteilen:

Newsletter
Kostenfreie Newsletter mit täglichen Nachrichten aus Medizin und Politik oder aus bestimmten Fachgebieten
cme
Nehmen Sie an der zertifizierten Fortbildung teil
Merkfunktion
Erstellen Sie Merklisten mit Nachrichten, Artikeln und Videos
Kommentarfunktion und Foren
Kommentieren Sie Nachrichten, Artikel und Videos, nehmen Sie an Diskussionen in den Foren teil
Job-Mail
Erhalten Sie zu Ihrer Ärztestellen-Suche passende Jobs per E-Mail.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #659217
19531954
am Freitag, 15. März 2019, 13:10

Schon eine Zigarette am Tag in der Schwangerschaft verdoppelt das Risiko auf einen Krippentod

Wir forschen seit Jahrzehnten zum Plötzlichen Kindstod (SIDS), und wir haben immer noch keine klaren Ursachen gefunden.
Wir kennen Risikofaktoren, aber valide Ergebnisse liegen nicht vor.
Wir sollten hinterfragen, ob wir noch auf der richtigen „Schiene“ fahren.

Wir müssen eigentlich nur einmal unser internistisches Wissen durchforsten und uns die Frage stellen:
Welche Krankheiten (angeboren oder erworben) können eigentlich den plötzlichen unerwarteten Tod eines Menschen verursachen?

Wir kennen beispielsweise das Long-QT-Syndrom oder das Brugada-Syndrom, die jederzeit den plötzlichen unerwarteten Tod eines Menschen verursachen können.
Das Brugada-Syndrom fällt im EKG oft nicht einmal auf, und das erste Symptom dieser angeborenen Arrhytmie ist der plötzliche und unerwartete Tod eines Menschen.
Dies kann allerdings in jedem Alter auftreten.
Woher wissen wir, ob ein toter Säugling oder ein bisher gesunder 68jähriger nicht genau daran gestorben sind?
Woher wissen wir, ob der Sekundenherztod nicht in Wirklichkeit auf einem Brugada-Syndrom beruht?
Woher wissen wir, ob ein Schulkind oder ein 23jähriger junger Erwachsener, die plötzlich und unerwartet gestorben sind, nicht in Wahrheit an einem Long-QT-Syndrom verstorben ist, wenn es bis zu deren Tod keinen Grund gab, ein EKG abzuleiten ?
Arrhytmien sind post mortem nicht mehr diagnostizierbar – trotzdem können diese zum plötzlichen unerwarteten Tod eines Menschen führen.
Geschieht dies im Säuglingsalter oder im frühen Kleinkindalter, wird dies dem Plötzlichen Kindstod zugeordnet.
Wenn wir Familienanamnesen erheben, werden wir immer wieder plötzlich verstorbene Familienangehörige finden, für deren Tod es keine Erklärung gibt – mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit liegen diesen Todesfällen kardiale Ursachen zugrunde.

Bevor der kinderärztliche Notdienst eingeführt wurde, habe ich 20 Jahre am allgemeinärztlichen Bereitschaftsdienst teilgenommen.
Ich wurde an einem Samstag zu einem 32 Jahre alten Erwachsenen gerufen, der morgens von den Angehörigen leblos im Bett aufgefunden wurde. Der Notarzt war vor Ort und hatte vergeblich versucht zu reanimieren.
Beim Erheben der Eigen- und Familienanamnese stellte sich heraus, daß der Verstorbene keine Vorerkrankungen hatte, sein Onkel hatte eine unklare Gefäßerkrankung in den unteren Extremitäten, die in München operiert worden war.
Bei telefonischer Rücksprache mit dem Operateur im Schwabinger Krankenhaus sagte mir dieser, daß erhebliche Durchblutungsstörungen der Arterien der unteren Extremitäten mit arteriellen Umgehungskreisläufen zu sehen waren. Diese Durchblutungsstörungen seien aber niemals mit dem geringen Nikotinabusus des Patienten zu erklären.
Ich hatte den Angehörigen (die mit ihren beiden Buben in meiner kinderärztlichen Betreuung waren) geraten, eine Obduktion durchführen zu lassen, was diese aber ablehnten. Später haben sie diese Entscheidung bereut, als ihnen klar wurde, daß diese Dinge auch für ihre Kinder relevant sein könnten.

Myokarditiden können erworben sein und spontan zu lebensbedrohlichen bzw. letal endenden Herzrhytmusstörungen führen. Im Säuglingsalter wird das dem SIDS zugeordnet.

Eine Pertussisinfektion kann im frühen Säuglinsalter zum Atemstillstand und damit zum plötzlichen unerwarteten Tod führen – wir ordnen dies dem SIDS zu.
In der medizinischen Literatur wurde der Fall eines 4 oder 5 Wochen alten Säuglings beschrieben, der von den Eltern abends ohne Spontanatmung im Bettchen aufgefunden wurde, und nachdem die Atmung mit vorsichtigem Schütteln und Klopfen wieder in Gang kam, wurde das Baby per Notarzt in die Kinderklinik transportiert, wo eine frische Pertussisinfektion nachgewiesen werden konnte.
Dieser Säugling hatte keine Infektzeichen und keine Infektanamnese.
Wäre er gestorben, wäre er unter Plötzlichem Kindstod verortet worden.
Ich kann mir gut vorstellen, daß ein guter Teil der SIDS-Fälle auf einen Keuchhusten zurückzuführen sind.

Woher wissen wir, daß eine toter Säugling nicht eine foudroyant verlaufende Sepsis hatte, die über Nacht abgelaufen ist? Das Baby geht abends vielleicht etwas „knöddrig“ ins Bettchen, und ist am nächsten Morgen tot. Zuordnung: plötzlicher Kindstod.

Einer meiner Patienten ist geistig behindert und hat eine Epilepsie. Dieses Kind wurde im Alter von ca. 3 Monaten neurologisch aufällig. In der Kinderklinik wurde eine Hirnblutung festgestellt, deren Ursache eine schwere Gerinnungsstörung war. Wäre er zu Hause an der Hirnblutung gestorben, wäre er unter Plötzlichem Kindstod eingeordnet worden.

Es gibt angeborene Stoffwechselstörungen der langkettigen Fettsäuren. Die betroffenen Säuglinge können im Rahmen eines banalen Infekts innerhalb weniger Stunden metabolisch völlig entgleisen und sterben, und werden dann dem plötzlichen Kindstod zugeordnet.

Man sieht einem Säugling durch eine klinische Untersuchung nicht an, ob er eine Epilepsie entwickelt. Der erste schwere tonisch-klonische Krampfanfall kann aber akut zum Tod führen. Auch diese Todesursache wird unter einem Plötzlichen Kindstod eingeordnet.

Eine Mutter erzählte mir einmal, daß ihr Ehemann (28 Jahre alt) im vergangenen Jahr gestorben war.
Er saß morgens am Frühstückstisch, fiel plötzlich vom Stuhl und lag bewußtlos und cyanotisch am Boden.
Nach Transport in die Universitätsklinik Tübingen stellte sich in der neurochirurgischen Klinik heraus, daß er eine Subarachnoidalblutung hatte, deren Ursache zwei intracranielle ipsilateral gelegene Aneurysmen waren, die spontan rupturiert waren.
Ich habe damals mit dem Leiter der Neurochirurgie telefoniert – dieser sagte mir, daß kein syphilitisches oder artheriosklerotisches Geschehen vorlag. Also muß man davon ausgehen, daß beide ipsilateral gelegenen Aneurysmen kongenitaler Natur waren.
Das hätte auch im Säuglings- oder Kleinkindalter passieren können. Zuordnung: plötzlicher Kindstod.

Woher wissen wir eigentlich, daß ein unerwartet und plötzlich verstorbener Säugling / Kleinkind / junger oder älterer Erwachsener nicht in Wahrheit an einem bisher nicht bekannten rupturierten Aneurysma gestorben ist?

Ich erhebe grundsätzlich eine Familienanamnese. Die Eltern von zwei Buben berichteten mir von einem Opa, der vor vielen Jahren im hohen Alter an einer unklaren Blutung verstorben war. In der betreffenden Klinik wußte man auch nicht so richtig, woran dieser Patient verstarb.
Ich habe bei den beiden Buben kurzerhand Blutbild, Quick und PTT bestimmt, und war plötzlich mit zwei Hämophilie-B-Patienten konfrontiert.
Am übernächsten Tag kam eine Mutter mit ihren beiden Kindern zu mir und sagte, daß dieser Opa auch der Opa ihrer beiden Kinder war.
Nach Bestimmung von Blutbild, Quick und PTT hatte ich den dritten Hämophilie-B-Patienten vor mir stehen.
Restaktivität des Faktors: ca. 27% .
Das mag zwar keine schwere Gerinnungsstöng mit Restfaktoraktivitäten um oder unter 1% sein, es handelt sich aber um eine Gerinnungsstörung, die im Rahmen eines Unfallgeschehens relevant werden kann.
Wenn dieser Opa im Rahmen eines altersbedingten Bluthochdrucks und eines Valsalvamanövers eine Hirnblutung erlitten hat, läuft das zwar unter Hirnblutung, die Ursache dagegen liegt eben doch etwas tiefer.
Wenn eines dieser Kinder dann stürzt und nach einer Kopfprellung stirbt, mag es einem Schädel-Hirn-Trauma zugeordnet werden, die Ursache war aber eine Gerinnungsstörung mit konsekutiver Hirnblutung.

Die Uni-Kinderklinik Tübingen hat Mitte der 1990er Jahre den Fall eine Kindes mit rezidivierenden Schüben eines Kawasaki-Syndroms veröffentlicht. Dieses Kind hatte (myokardszintigrafisch nachgewiesen) einen Myokardinfarkt. Alter des Kindes: 7 Wochen.
Wäre es zu Hause gestorben, wäre es dem plötzlichen Kindstod zugeordnet worden.

Woher wissen wir denn, ob ein Säugling nicht an einem Hereditären Angioödem (Erstickung durch ein Larynxödem) verstorben ist? Hat es denn irgendjemand überprüft?

Es gibt sicher noch unzählige andere mögliche Ursachen für den plötzlichen unerwarteten Tod eines Menschen – dies kann aber in jedem Lebensalter geschehen.
Gehäuft tritt dies sicher bei Säuglingen und Kleinkindern auf, da diese Altersgruppe immunologisch und metabolisch sehr unreif ist.
Ich denke, daß es den plötzlichen Kindstod als eigenständige Entität nicht wirklich gibt, sehr wohl aber den plötzlichen unerwarteten Tod eines Menschen in jedem Lebensalter.

Welche Konsequenzen sollte man aus dieser Sichtweise ziehen?

Grundsätzlich sollten alle plötzlich und unerwartet Verstorbenen bei fehlender Anamnese (Krankheit, Suizid, Unfall, Fremdeinwirkung., usw.) einer Post-Mortem-Untersuchung unterzogen werden.

Diese Post-Mortem-Untersuchung sollte beinhalten:
- ein Ganzkörper-MRT,
- eine Obduktion,
- mikrobiologische Untersuchungen (insbesondere bei Kleinkindern und Säuglingen im Hinblick auf Pertussis und Sepsiskeime),
- evtl. eine Chromosomenanalyse,
- molekulargenetische Untersuchungen (beispielsweise auf kongenitale Arrhytmien, usw.), sofern es dafür molekulargenetische Analysemöglichkeiten gibt.

Es gibt weniger als 200 SIDS-Fälle pro Jahr in Deutschland.
Wenn alle, die beispielsweise jünger als 40 Jahre sind und keine entsprechende Anamnese hatten, und die plötzlich und unerwartet gestorben sind, einer Post-Mortem-Untersuchung zugeführt würden, hätten wir vielleicht 1000 Fälle pro Jahr (ich nenne jetzt einmal willkürlich eine Zahl).

Lassen wir jede Post-Mortem-Untersuchung 5000,- Euro kosten, dann sind das 5 Millionen Euro pro Jahr. Nach 5 Jahren haben wir zwar 25 Millionen Euro ausgegeben – aber dann wissen wir auf jeden Fall mehr – deutlich mehr.

Jetzt wird natürlich sofort der Einwand kommen, daß das alles gar nicht zu finanzieren ist.
Ich sehe das völlig anders: wir geben zweistellige Milliardenbeträge für Rüstung aus (die sowieso nichts bringt), und wir nehmen dreistellige Milliardenbeträge in die Hand, um marode Banken zu retten, die sich mit ihrem kriminellen Kasinokapitalismus verzockt haben, und dann für systemrelevant erklärt wurden – was sind dagegen 25 Millionen?

Eine zusätzliche Bemerkung: wenn wir alle Säuglinge, die heute der Rubrik SIDS zugeordnet werden, dieser Post-Mortem-Untersuchung zuführen, würde dies einige wesentliche Vorteile bringen:
- wir könnten den Eltern sagen, daß sie nichts falsch gemacht haben (diese Eltern laufen mit Sicherheit mit einem lebenslangen Schuldgefühl herum, weil sie nicht sicher sind, ob sie nicht doch etwas falsch gemacht haben, nicht rechtzeitig zum Kinderarzt gegangen sind, usw.),
- wir könnten bei Auffinden einer bis dato nicht bekannten Erkrankung eine humangenetische Beratung durchführen,
- wir würden ggf. die eine oder andere Fremdeinwirkung erkennen.

Auch dies wäre ein nicht ganz unwichtiger Aspekt einer Post-Mortem-Untersuchung.

Dr. med Peter Kohl
Kinderarzt
Freudenstädterstrasse 56
72202 Nagold
LNS